Wunschzettel Barbie und der Weltfrieden

Wunschzettel liegen im Weihnachtspostamt im Hildesheimer Stadtteil Himmelsthür.

(Foto: dpa)

Seit ein paar Jahren schreiben Kinder vermehrt immaterielle Wünsche auf ihre Wunschzettel - das berichten die Mitarbeiter der Weihnachtspostämter. Was hat das zu bedeuten?

Von Magdalena Pulz

"Für die Menschen wünsche ich mir ganz arg Frieden auf der Welt", steht da, auf einem DIN A4-Blatt, in Schreibschrift, ohne Fehler. Auf einem kleineren Papier, in grünen Druckbuchstaben, immerhin fast fehlerfrei: "Bitte mach das der Krieg aufhört." Auf einem Dritten: "Das meine Eltern glücklich sind, das es kein Krieg mehr auf der Erde gibt".

Die meisten Wunschzettel, die bei den Weihnachtspostämtern eingehen, sind sorgsam verfasst. Sie beginnen mit "Liebes Christkind", sind mit Tannenbäumen und Engeln bemalt, mit Glitzer-Stickern beklebt, in Umschläge gesteckt. Etwa zehn dieser Postämter empfangen in Deutschland die Briefe von Kindern. Wichtig ist natürlich ein malerisch frommer Ortsname: In Engelskirchen gibt es also eines, klar, in Himmelstadt und in Himmelpforten dementsprechend auch. Viele Tausend Wunschzettel-Briefe bekommen die Postämter jedes Jahr - und beantworten jeden mit einer kleinen Weihnachtsgeschichte. Die Christkindl-Postämter sind deshalb auch Experten für die Weihnachtswünsche von Kindern. Sie kennen alles, was gerade angesagt ist, jede Barbie, jedes neue Playmobil-Set, jedes beliebte Spielzeug.

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Und seit ein paar Jahren beobachten sie alle den Trend: Die steigende Zahl von immateriellen Wünschen. Das erzählen die Leiterin von Himmelstadt, der Leiter von Himmelpforten und auch die Leiterin des österreichischen Postamtes in dem Ort Christkindl. Alle drei arbeiten schon Jahrzehnte für die Weihnachts-Post. Genug Essen für alle und Frieden komme oft vor und "uns geht es gut, kümmere dich um die anderen" würden die Kinder immer wieder schreiben, meint Rosemarie Schotte von der Himmelstadt-Weihnachtspostfiliale. Oft gebe es auch Briefe, in denen sich Kinder wünschen, dass in den Krisengebieten, aus denen Freunde und Klassenkameraden stammen, wieder Frieden herrschen solle. "Ich habe aber auch Briefe über den Klimawandel bekommen: dass Eisbären wieder Eisschollen bekommen sollen, auf denen sie leben können", erzählt Wolfgang Dipper vom Himmelpforten-Weihnachtspostamt. Seit sieben, acht Jahren würde es immer mehr solcher Briefe geben.

Der Geist der Weihnacht?

Das klingt arg rührend, quasi nach der Rückkehr des echten Geistes der Weihnacht: weg vom Konsumrausch-Fest hin zu einer Feier der Besinnung, des Mitgefühls und der Gemeinschaft. Aus der Wissenschaft kommen aber auch ein paar weniger romantische Erklärungen. Kinder laufen nicht blind und taub durchs Leben: Sie hören die Diskussionen am Küchentisch, die Nachrichten im Radio, sie müssen sich in der Schule mit Integrations- und Bildungspolitik auseinandersetzen. "Die Kinder spiegeln solche Wertedebatten, die wir in der Gesellschaft führen" sagt die Wirtschaftssoziologin Andrea Maurer von der Universität Trier.

Den Wunschzettel-Aufschwung von Frieden, weniger Hunger und Armut - also hin zu ideellen Bedürfnissen, könne man unterschiedlich erklären, so Maurer. Zum einen könnte die Trendwende ein Zeichen der Übersättigung sein. Kinder würden sich nur abstrakte, für die Gemeinschaft förderliche Dinge wünschen, wenn ihre unmittelbaren Grundbedürfnisse gedeckt sind. Also erst die Barbiepuppe - dann die Gleichstellung von Mann und Frau.

Manchmal konkurrieren die unterschiedlichen Bedürfnisse aber auch miteinander, meint Maurer. Man kennt das vielleicht von sich selbst: Eigentlich will man den Multi-Milliarden-Dollar Versand-Konzern mit der schlechten Mitarbeiterpolitik nicht unterstützen - aber auf der anderen Seite hätte man das Paket schon gern für wenig Geld nach Hause geliefert. Hier steht ein ideelles Bedürfnis einem materiellen gegenüber.

Was sich am Ende durchsetzt, ist eine Frage des sozialen Kontextes: Wie maßgebend ist etwa der Klimaschutz in der eigenen Familie, wie wichtig bei den Freunden, und wie viel Platz nimmt generell ein Diskurs über Umwelt gerade in der Gesellschaft ein? So eine kleine Trendwende hin zu mehr immateriellen Kinderwünschen ist also auch ein Zeichen dafür, dass Werte - oder zumindest die Diskussion über sie - wieder wichtiger werden. Sofern man den Berichten des Christkindes glaubt.

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