Süddeutsche Zeitung

Weihnachtsvermittlung:Nicht allein

Christian Fein und Sarah Blaschke haben eine gemeinsame Mission: Über soziale Netzwerke bringen sie Menschen zusammen, die nicht alleine Weihnachten oder Silvester feiern wollen.

Roman Swietlik verbringt Heiligabend immer mit seiner Mutter, für den 41-Jährigen aus Wuppertal ist Silvester der schwierigere Tag. "Ich fühle mich da immer schrecklich einsam", sagt er. Er verbringt viel Zeit auf Twitter, der Name, mit dem er hier benannt werden will, ist sein Pseudonym, unter dem er auch in sozialen Netzwerken über Depressionen schreibt. In der Weihnachtszeit vor einem Jahr stieß er auf #KeinerBleibtAllein. Hinter dem Hashtag verbirgt sich eine Aktion, die Menschen, die an Weihnachten oder Silvester unfreiwillig alleine sind, mit Leuten zusammenbringen will, die ihnen Gesellschaft anbieten.

Swietlik überwand sich und besuchte am letzten Tag des Jahres 2017 eine fremde Frau, mit der er vorher nur kurz telefoniert hatte. Die Gastgeberin, ein paar Jahre älter als er, feierte mit ihrer Tochter und deren Freunden. "Ich fühlte mich komisch", erinnert sich Swietlik. Doch er bemühte sich, mit den anderen Gästen eine Verbindung aufzubauen: Er sang Karaoke, "Atemlos" von Helene Fischer, und stand den peinlichen Moment durch, als ihn ein Gast fragte, ob er nicht der von "Keiner bleibt allein" sei.

Ausgedacht hat sich die Aktion ein 33-jähriger SAP-Berater aus Worms. Christian Fein trennte sich im Winter vor zwei Jahren von seiner Frau. An Heiligabend saß er allein in der Wohnung und kam auf die Idee, all die einsamen Seelen vor den Bildschirmen unter #KeinerTwittertAllein zusammenzubringen. Drei Tage lang sei es der am häufigsten verwendete Hashtag auf Twitter gewesen, erzählt er. Und auch zu Silvester nutzten ihn die Menschen, um wenigstens virtuell nicht allein zu sein.

Fein genügte das nicht, er wollte die Menschen auch offline zusammenzubringen. Er gründete den Verein "Keiner bleibt allein". Anfang Dezember 2017 twitterte er: "So. Falls Dir schon bekannt sein sollte, Heiligabend alleine zu verbringen und Du was dagegen tun möchtest, melde dich unter diesem Tweet. Wir finden schon jemanden, der Gesellschaft leistet/anbietet." 2400 Leute schrieben ihm, er habe allen geantwortet - neben seinem Vollzeitjob. Fein besorgte 645 Menschen einen Platz unter einem fremden Weihnachtsbaum oder eine Einladung zu einer Silvesterparty.

Christian Fein brieft die Teilnehmer nicht und achtet auch nicht darauf, ob die vermittelten Personen Gemeinsamkeiten haben. Im Gegenteil, Wünsche nach einem bestimmten Gegenüber berücksichtigt er nicht. Das ist Teil des Sicherheitskonzepts: So soll das Angebot für Menschen mit kriminellen oder sexuellen Absichten unattraktiv sein.

Ein paar Mal schickte er den Rettungswagen

In diesem Jahr hat sich der 33-Jährige vier Wochen für sein Ehrenamt freigenommen. Gemeinsam mit zwei Helfern hat er schon mehr als 4000 Anfragen bearbeitet. Ihr Versprechen: Jedem Suchenden, der sich bis zum 21. Dezember meldet, möchten sie einen Gastgeber für Heiligabend besorgen.

Mit der Einsamkeit ist Fein auf ein Tabuthema gestoßen, das nicht nur alte Menschen betrifft. Es melden sich Menschen jeden Alters - zwischen 14 und 97 Jahren. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen einsam: Alleinerziehende und Berufspendler sind dabei, aber auch Linke in Ostdeutschland, die nach eigenen Angaben unter "politischer Einsamkeit" leiden. Natürlich schreiben auch Menschen mit ernsthaften psychischen Problemen. Denen gibt Fein die Nummer der Telefonseelsorge, ein paar Mal schickte er den Rettungswagen zu Menschen, die suizidgefährdet wirkten.

Nach einem ähnlichen Prinzip wie #KeinerBleibtAllein funktioniert die Facebook-Gruppe "Weihnachten (nicht) allein 2018". Im vergangenen Jahr für den Raum Stuttgart gegründet, weitete Sarah Blaschke aus dem baden-württembergischen Welzheim das Angebot auf ganz Deutschland aus, als sie die Organisation für dieses Jahr übernahm. Die 28-jährige Heilerziehungspflegerin hatte im vergangenen Jahr schon zwei fremde Frauen zu sich nach Hause eingeladen. "Ich kenne Weihnachten nur schön und wollte etwas abgeben", sagt sie. Vor und nach der Arbeit verbringt sie nun täglich mehrere Stunden damit, Gastgeber und potenzielle Gäste miteinander zu verbinden.

Keiner der beiden, weder Christian Fein noch Sarah Blaschke, befasst sich näher mit Einzelschicksalen. "Ich bin ein sehr fauler Mensch, und es interessiert mich auch einfach nicht", sagt Fein. Er sortiert Angebote und Gesuche nach Wohnorten in eine Excel-Tabelle und verbindet sie miteinander. Eine Garantie, dass die Menschen dann auch einen Draht zueinander haben, gibt es nicht. Ebenso wenig gibt es die Sicherheit, dass die andere Person wirklich die ist, die sie vorgibt zu sein. Blaschke appelliert daher an die Eigenverantwortung der Teilnehmer. Als Gastgeber sollte man besser nicht alleine einen Fremden empfangen, und Gäste sollten irgendjemanden darüber informieren, wohin sie gehen.

Roman Swietlik startete dank der Twitter-Aktion in Gesellschaft ins Jahr 2018. Nachdem die Silvesterraketen verschossen waren und alle zusammen Karten spielten, sei es persönlicher geworden, "wärmer", sagt Swietlik. Das schwule Paar, mit dem er sich so nett unterhalten habe, habe ihm sogar das Taxi nach Hause gezahlt. "Einen Versuch war es wert", findet er, auch wenn er seine Gastgeberin nicht wieder treffen möchte.

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