Weihnachten:Sieben Wege durch die Stille Nacht

"Und wie feiert ihr heuer?" ist die am häufigsten gestellte Frage dieser Tage. Die Antwort darauf fällt unterschiedlich aus. Eine Typologie der Weihnachtsfeiern.

Von Violetta Simon und Magdalena Pulz

1 / 8

-

Quelle: Jochen Schievink

Egal, ob man Heiligabend und die Feiertage jedes Jahr auf die gleiche Weise verbringt, ob man mal etwas Neues probiert oder gar vor dem Trubel in den Süden flüchtet: Nahezu jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wie Weihnachten ablaufen soll - oder ist den Vorstellungen anderer Menschen unterworfen. Und selbst wenn man wollte: Manche Dinge ändern sich nie. Eine Auswahl.

Illustration: Jochen Schievink

2 / 8

Traditionell

Weihnachtstypologie

Quelle: Jochen Schievink

Motto: Haben wir schon immer so gemacht.

Programm: Nachmittags Sissi, Der kleine Lord, Drei Nüsse für Aschenbrödel. Spätnachmittags Krippenspiel. Abends Besinnlichkeit: Man lauscht dem jüngsten Kind beim Vortragen der Weihnachtsgeschichte und den Neffen beim Blockflötenkonzert, nicht ohne angemessen Entzücken zum Ausdruck zu bringen. Als die letzten Töne zu "In dulci jubilo" erklingen, schleicht sich Muttern hinaus und zündet die original Bienenwachskerzen auf der mit handbemalten Glaskugeln behängten Waldmann-Tanne an. Ein Glöckchen klingelt, die Kinderlein kommen, loben Baum und Krippe. Geschenke auspacken. Wenn es den besinnlichen Rahmen nicht stört, noch einmal sachte freuen - aber nicht ausflippen. Unbedingt Papier und Schleifen zusammenrollen. Dann ab in die Christmette.

Menü: Weihnachtskarpfen. Was sonst.

Spruch zum Geschenk: Eine Krawatte! Immer wieder schön

3 / 8

Weit weg

-

Quelle: Jochen Schievink

Motto: Sand statt Schnee, juchee!

Programm: Nach Ankunft im Hotel Reiserucksack mit oben eingewickelter Bastmatte abstellen, anschließend der seufzend-fröhliche Gedanke: Aaah, wundervoll hier, so weit weg vom Weihnachtswahnsinn. Darauf, später am Strand, einen Singapore Sling (Christmas Edition). Nach dem zweiten Singapore Sling (Strohhalm mit Sternen) erkennen, dass man vor schlechtem Wetter, nicht aber vor Weihnachten fliehen kann. Weihnachten ist überall. Künstliche Christbäume da, Weihnachtsgedudel dort, Surflehrer in Santa-Claus-Kostümen, und das bei 35 Grad und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit. Der dritte und vierte Singapore Sling führen zu missmutigem Last-Christmas-Mitsummen. Auf dem Tresen der Bar blinkt ein sich im Takt bewegender Plastikbaum. Die Füße graben sich im Sand ein. Fühlt sich das nicht an wie warmer Schnee? Zeit, das Geschenk aus dem Rucksack zu holen.

Menü: Fisch. Gott sei Dank gibt es im Meer keine Karpfen.

Spruch zum Geschenk: Packe ich dann zu Hause aus.

4 / 8

Pragmatisch

-

Quelle: Jochen Schievink

Motto: Wir schenken uns nichts. Höchstens was Nützliches.

Programm: Am Vortag werden Wiener und Honig-Dijon-Senf im Edeka gekauft sowie ein Edelstahltopf, der für Induktionsplatten geeignet ist (der alte Topf hat nach 20 Jahren ausgedient). Am Morgen des 24. werden die Würstchen in den Topf und der Topf unter den mit einer Lichterkette (21,99 Euro, beim Lidl im Angebot) und roten Kugeln (2,99 Euro das 24-Stück-Set) geschmückten Weihnachtsbaum gelegt. Anschließend: TV-Zeitschrift scannen. Noch ein bisschen warten, Kreuzworträtsel lösen, eine CD mit besinnlichen Liedern hören. Abends: Topf einweihen. Würstchen erwärmen. Freuen.

Menü: Würstchen.

Spruch zum Geschenk: Nächstes Jahr machen wir mehr Würstchen und laden deine Eltern ein. Dann brauchen wir sie am ersten Feiertag nicht zu besuchen

5 / 8

Gar nicht

-

Quelle: Jochen Schievink

Motto: Weihnachten? Ist doch total überbewertet.

Programm: Heiligabend: Alle paar Jahre eine der Einladungen aus dem Verwandtenkreis annehmen, um die Du-bist-ja-ganz-allein-Sprüche einzudämmen. Ruhiges Dabeisein, freundliches Freuen an der richtigen Stelle, frühzeitiges Verabschieden; geht schon, Hauptsache, keiner erwartet, dass man sich materiell oder energetisch einbringt. Erster oder zweiter Feiertag: Anstandsbesuch bei Verwandten, es gibt Punsch und ein Kuvert (nie war der Stundenlohn höher). Dabei bisweilen ein unerklärlicher Emotionsschub (so schlimm ist Weihnachten ja vielleicht doch nicht?), der so lange anhält, bis jemand fragt, ob man beim Tischabräumen helfen kann.

Menü: Alles, was die Küche von Oma, Mutti, Freunden, Nachbarn hergibt.

Spruch zum Geschenk: Nein, ich habe nichts für dich. Du weißt ja, ich mache mir nichts aus Weihnachten.

6 / 8

Mit allem

Weihnachtstypologie

Quelle: Jochen Schievink

Motto: Jingle bells, jingle bells, jingle all the way.

Programm: Ein letzter Kontrollgang durch das Winter-Wonderland-Wohnzimmer - Duftkerzen, Dekospray, singender Karpfen, Lichterkette, Lametta, noch mehr Lametta, alles da. In oh-du-fröhlicher Stimmung den Gästen entgegenschweben, von denen manche die Hände vor die Augen halten, wegen der LED-Lichterketten und dem blinkenden Rentierschlitten im Vorgarten. Viele Umarmungen. Die Gäste bekommen Zipfelmützen (kleiner Gag, gnihihi) und Weihnachtspunsch in Merry-Christmas-Tassen, auf denen ein als Weihnachtsmann verkleidetes Rentier grinst (extra vorgestern noch bei Amazon Prime bestellt). Bald kommt Helene Fischer im Fernsehen. Hach.

Menü: Truthahn. American Apple Pie.

Spruch zum Geschenk: Glitzer-Geschenkpapier, awesome!

7 / 8

Gestresst

-

Quelle: Jochen Schievink

Motto: Weihnachten ist ein Minenfeld.

Programm: Streng durchgetaktet. Sind alle Geschenke besorgt, der Baumschmuck aus dem Keller geholt (und überprüft)? Ist das Essen gekocht, das schöne Geschirr sauber und Opas Sonntagsanzug gereinigt? Steht der Besuchsplan? Wer Mutter, Mutters neuen Freund, ihr gemeinsames Kind, Papa, Stiefmama, zwei Geschwister aus früherer Ehe und sieben Paar Großeltern innerhalb von drei Tagen besuchen will, braucht nicht nur Organisationstalent und die diplomatischen Fähigkeiten eines UN-Generalsekretärs. Sondern auch einen Saumagen. Am Abend des zweiten Feiertags der immergleiche Schwur: Nächstes Jahr Weihnachten auf Honolulu (siehe: Weit weg).

Menü: Erst Gans, dann Raclette, Plätzchen, am nächsten Tag Karpfen, dann Würstchen, am zweiten Weihnachtsfeiertag Ente, Gulasch, Plätzchen.

Spruch zum Geschenk: Das ist von den Kindern zusammen.

8 / 8

Nachhaltig

-

Quelle: Jochen Schievink

Motto: Dafür müssen doch keine Bäume sterben!

Programm: Mietbaum abholen, gemeinsam mit Salzgebäck behängen und währenddessen mit ihm, also dem Baum, sprechen, um Knospenstress vorzubeugen. Das Verzieren des Packpapiers mit Kartoffeldruck entfällt diesmal: Ethisch und politisch korrekte Geschenke bedürfen keiner Verpackung. Die eingesparte Zeit wird genutzt, um dem Mietbaum zwischendurch ein Gedicht vorzutragen. Während der Vorspeise gibt es einen Disput, weil die Christbaumbeleuchtung flackert und der Große verpennt hat, auf den Heimtrainer zu steigen und den Strom für die nächsten 30 Minuten zu erstrampeln. Zur Strafe muss er die Klimabilanz des Weihnachtsessens ausrechnen.

Menü: Vegane Köstlichkeiten nach Attila Hildmann (die Flugananas zum Dessert war ein Notfall).

Spruch zum Geschenk: Find ich echt voll schön, dass du dieses Jahr in meinem Namen einen Orangenbaum adoptiert hast.

© SZ/vs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB