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Weihnachten mit Corona:Dieses Fest ist leiser als sonst

Heiligabend in der St.Petrikirche

Weihnachten, sonst in vielen Familien getaktet wie keine andere Zeit im Jahr, ist diesmal gezwungenermaßen ruhiger. Aber das bietet auch eine Chance.

(Foto: dpa)

Die Pandemie hat das bürgerliche Weihnachtsfest geschrottet. Das ist traurig, aber es ist auch eine Chance. Denn man kann hören, was man sonst nicht hört und wahrnehmen, was man sonst betäubt.

Kommentar von Matthias Drobinski

Weihnachten? In diesem Jahr scheint das Fest Teil eines ins Unbestimmte hinein verlängerten Advents zu sein. Das Volk, das im Dunkeln der Pandemie lebt, sieht ein Licht am Horizont: die ersten Impfungen als Verheißung der Erlösung. Ein ahnungsvoller Klang weht herüber aus jener künftigen Zeit, da die Menschen wieder singen und tanzen werden.

Bis dahin heißt es, die Zähne zusammenzubeißen und die Plätzchen im möglichst kleinen Kreis zu knabbern. Die Frommen und Weihnachtsfrommen werden stumm und vereinzelt in der Christmette stehen und zum Nachbarn schielen, ob der bedenkenlose Strolch nicht hustet - oder die Erbauung lieber gleich ins Virtuelle verlagern.

Die Adventszeit, sonst mit Türchen und Kerzenkranz getaktet wie keine andere Zeit im Jahr, ist formlos geworden, eingefroren und beschleunigt zugleich und voller Unvereinbarkeiten. Namenlose Angst steht neben aggressiver Leugnung der Gefahr, die Sorge um kranke Freunde und Verwandte, um die Alten und Einsamen steht neben der heimlichen Erleichterung, endlich mal nicht das ganze Festtags-, Gemütlichkeits- und Familienbrimborium mitmachen zu müssen.

Das Virus hat geschafft, was keine Macht der Welt bislang geschafft hat: Es hat das bürgerliche Weihnachten geschrottet. Es hat das wirkmächtigste Fest im weltweiten Jahreskreis einfach über den Haufen geworfen. Im Heimeligen und Gemütlichen hat sich das Unheimliche breitgemacht, grinsend sitzt es auf den Kästen voller Freude und Frieden, die man sonst einmal im Jahr aus dem Keller holt. Die Nähe ist zur Gefahr geworden, jede Sicherheit vorläufig.

Das ist traurig, weil die Menschen von Nähe leben, weil sie Sicherheit und Heimat suchen und auch Kitsch und falscher Frieden ihr Recht haben. Das ist aber auch eine Chance, die sich so keiner gewünscht haben mag, die jetzt aber nun mal da ist. Das Fest ist leiser als sonst. Man kann hören, was man sonst nicht hört; wahrnehmen, was man sonst betäubt.

Die Illusion ist dahin, Wohlstand und Globalisierung könnten unverwundbar machen

Das passende Adventslied zu dieser Zeit wird übernächstes Jahr 400 Jahre alt. 1622 wurde es erstmals gedruckt, verfasst hat es vermutlich der Jesuitenpater Friedrich Spee von Langenfeld. "O Heiland reiß die Himmel auf!", ruft der Dichter ins Dunkle. "Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für!" Der Schrei kommt mitten aus dem Leben Spees.

Seit vier Jahren herrscht Krieg. Die Pest entvölkert Städte und Dörfer. Hexen sollen schuld sein an dem Elend. Folterknechte pressen den Frauen Geständnisse ab, die sie auf den Scheiterhaufen bringen. Es heißt, Spee habe den gefolterten Frauen die Beichte abgenommen. Ihre Verzweiflung verzweifelt ihn. Er schreibt gegen die Hexenprozesse an. Die Folge: Er wird strafversetzt nach Trier zu den Pestkranken, er infiziert sich, stirbt mit 44 Jahren.

Reiß den Himmel auf. Zerbrich die Schlösser, tritt die verrammelten Tore ein, komm: Spee bittet seinen Herrn nicht, die Regenwolken beiseite zu schieben, den Himmel blank zu putzen und den Menschen ein Winterwunderland zu schenken. Er schreit seinen Heiland an, der sich zu verbergen scheint hinter Tor und Tür: Schau die Ungerechtigkeit, die zertretene Menschenwürde! Wo bleibst du? Wir leiden hier die größte Not! Zerreiß den Himmel, zerreiße dein Herz!

Spees Advent hat nichts mit dem holden Knaben im lockigen Haar zu tun, ist nichts für zarte Gemüter und besinnliche Momente. Er hadert mit seinem rätselhaft abgründigen Gott. Sein Schrei nach Erlösung hat wenig mit der Naherwartung auf den nebenwirkungsarmen Impfstoff zu tun und gar nichts mit der illusionären Vertröstung dieses Frühjahrs: Alles wird gut.

Es ist bewundernswert, wie schnell ein neuer Impfstoff entwickelt war, erstaunlich, als wie widerstandsfähig Gesellschaft und Wirtschaft sich erwiesen; Rechtsstaat und Demokratie sind trotz der über alle bisherigen Grenzen gehenden Freiheitsbeschränkungen stark geblieben. Und doch: Es wird nicht alles gut werden, wenn die Welt herdenimmun ist. Gekittete Risse bleiben Risse, auch bei vollen Fußballstadien und Partys durch die Nacht. Die Illusion ist hin, Wohlstand und Globalisierung könnten unverwundbar machen. Es bleiben die Schreie der unerlösten Welt, der geschundenen Menschen, der ausgebeuteten Natur und Kreatur.

Das "Wagnis der Verwundbarkeit" ist der eigentliche Kern von Weihnachten

"Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?", fragt Spee in der vierten Strophe seines Liedes. Selten war Trost so gefragt wie in diesem Jahr, da der Tod so gegenwärtig wurde, wo es so viele kleine und große Momente ungelebten Lebens gab, von der ausgefallenen Abifeier bis zum einsamen Sterben. Selten zeigte sich, wie schwer es ist, gut zu trösten, übers schulterklopfende "wird schon" hinaus. Guter Trost heißt: den Schmerz und den Verlust nicht verniedlichen, sondern das Untröstliche und Unerlöste aushalten, sich um des anderen willen den Himmel und das Herz zerreißen lassen, den Schrei wie den leisen Seufzer hören. Es heißt, sich selber verwundbar zu machen und verwunden zu lassen. Für Feiglinge ist das nichts.

Das ist die Chance dieses eigentümlichen Weihnachtsfests im fortgesetzten Advent: Seine bürgerliche Fassade hat was abgekriegt, die Inszenierung ist gescheitert, bevor sie angefangen hat, das Festkleid hängt in Fetzen. Eine gute Gelegenheit, zum Kern des Weihnachtsereignisses zu kommen, zum "Wagnis der Verwundbarkeit", wie es die Theologin Hildegund Keul genannt hat: Gott wird ein verletzliches Kind, der Erlöser ist in jeder Hinsicht angreifbar und imperfekt. Wer das feiern will, muss die eigenen Panzerungen zerbrechen, die Schlösser und Riegel der eigenen Sicherheitssysteme. Er muss sich Herz und Himmel zerreißen lassen, auch, weil ein Mensch ohne Risse und Brüche eine traurig hermetische Existenz bleibt. Er muss die Sinne schärfen, um wahrzunehmen, was ist mit dem anderen.

Je leiser man selber dabei bleibt, desto besser geht das.

© SZ/jok
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