Webcam in Denver:Diesem Mann schauen Tausende beim Rasenmähen zu

Lesezeit: 2 min

Growing Grass -- Anruf bei...

Per Webcam kann man dem Rasen von Alek Komarnitsky beim Wachsen zuschauen.

(Foto: OH)

Alek Komarnitsky betreibt eine Webseite, auf der man seinem Rasen in Lafayette, Colorado, beim Wachsen zusehen kann und ihm beim Mähen. Stinklangweilig, oder?

Interview von Hannes Vollmuth

Amerikanische Vorstadtbezirke sind Orte der Langeweile. Haus an Haus, Vorgarten an Vorgarten. Doch in Lafayette, einem Vorort von Denver, Colorado, gibt es einen Rasen, dem Tausende Menschen beim Wachsen zusehen, online, auf watching-grass-grow.com. Ein Gespräch mit dem Besitzer, Alek Komarnitsky, 53.

SZ: Herr Komarnitsky, wer bitte interessiert sich dafür, wie Ihr Rasen wächst?

Komarnitsky: Wenn ich das nur wüsste. Manchmal sind es nur ein paar Hundert Menschen pro Tag, manchmal mehrere Tausend. Sie kommen aus der ganzen Welt, auch aus Deutschland. Und, ja: Sie schauen meinem Gras beim Wachsen zu.

Wie lange geht das jetzt schon so?

2002 stellte ich zum ersten Mal meine Webcam auf. Ich wollte im Urlaub überprüfen, wie verdorrt mein Rasen zu Hause ist. Ein Jahr später habe ich die Webcam auch für Halloween genutzt, und dann für Weihnachten. 2005 ließ ich sie einfach hängen und programmierte noch eine Webseite dazu. Es ist wirklich die langweiligste Webseite der Welt. Übrigens, sind Sie gerade dort? (Er winkt in die Kamera, dann läuft er eine Runde mit dem Telefon über den Rasen.)

Ja, schöner Rasen, aber das kann doch nicht alles sein. Was suchen die Leute bei Ihnen?

Das ist die große Frage, und eine Antwort habe ich auch noch nicht. Wir leben in einem Zeitalter mit extrem geringer Aufmerksamkeitsspanne. Ein Youtube-Video darf nicht länger als 20 Sekunden sein, sonst klicken die Leute weg. Wahrscheinlich kommen die Erschöpften zu mir und schauen meinem Rasen zu. Oder haben Sie eine bessere Erklärung?

In Europa nennt man das Slow TV: Man kann sich sogar Bahnfahrten ansehen.

Kenne ich nicht, klingt aber interessant.

Und ein bisschen erinnert Ihr 24-Stunden-live-Rasen auch an Performance-Kunst.

Ja, ich habe in meinen Rasen auch schon Muster gemäht. Und wenn es schneit, nehme ich einen Besen und male ein lachendes Gesicht in den Schnee. Mein Sohn hat vor unserem Haus das Einparken geübt, zwischen zwei Mülltonnen. Alles live im Netz. Und er hat sich nicht gerade geschickt angestellt. Aber ob das Kunst ist?

Sie dokumentieren Ihr gesamtes Leben?

Ja, ich nehme alles auf, aber 99,9 Prozent sind stinklangweilig, und das ist gut so. Manchmal schaue ich mir jetzt an, wie ich früher den Rasen gemäht habe. Die Kinder waren noch klein und mein Haar noch voll.

Die Vergänglichkeit des Lebens.

Wissen Sie, das Leben ist banal. Aber es ist auch schön. Und diese anrührende Banalität kann man in meinem Vorgarten beobachten. Da fällt mir ein, gleich kommt die Müllabfuhr und die Tonnen müssen noch raus. Die Müllabfuhr ist ein Highlight für alle Zuschauer.

Banalität kann poetisch sein.

Von Poesie versteh ich nichts, ich bin IT-Experte. Aber gut, ein bisschen poetisch ist es wohl schon, wenn die Sonne und der Schatten der Bäume über meinen Rasen wandern, wenn das Gras immer höher wird. Es ist Alltag in seiner nacktesten Form. Langweilig, aber unglaublich beruhigend.

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