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Dem Geheimnis auf der Spur:Spur der Steine

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Streunende Felsbrocken: Im Death Valley in Kalifornien tun sich seltsame Dinge.

(Foto: U. Gernhoefer/imago images/Shotshop)

Im Death Valley bewegen sich große Felsen wie von Geisterhand und hinterlassen dabei seltsame Linien im Sand. Über die Ursache haben sich Wissenschaftler mehr als 60 Jahre die Köpfe zerbrochen.

Von Titus Arnu

Die Rolling Stones sind ein rätselhaftes Naturphänomen. Seit 1962 stehen Mick Jagger, Keith Richards & Co. auf der Bühne. Die ultrareichen Uraltrocker gehen mittlerweile auf die 80 zu und wollen noch immer nicht an die Rente denken, müssen sie ja auch nicht. Was treibt diese Stones an? Haben sie Hilfsmotoren eingebaut? 2010 planten sie schon mal ihre "endgültige Abschiedstournee", traten danach aber trotzig weiter auf. Dem Magazin Rolling Stone sagte Rolling Stone Keith Richards vor der Tour im Sommer 2019, dass ein offizieller Abschied mit Ansage nicht im Sinne der Band sei: "Vielleicht wird das die letzte sein, ich habe keine Ahnung."

Die Wandering Stones geben ebenfalls Rätsel auf. Die Hauptdarsteller dieser phänomenalen Gruppe heißen nicht Mick und Keith, sondern Karen und Diane. Karen ist 320 Kilogramm schwer, zusammen mit Diane und weiteren Artgenossen liegt sie die meiste Zeit unbeweglich in der Gegend herum. Genauer gesagt: im Death Valley, Kalifornien, einem der heißesten Orte des Planeten. Dort tun sich seltsame Dinge: Über den trockenen Wüstenboden streunen Felsbrocken. Diane und Karen sind die prominentesten von ihnen, es gibt Hunderte weitere ohne Namen. Seit Jahrzehnten fragen sich Wissenschaftler: Was treibt diese Stones an? Haben sie Hilfsmotoren eingebaut?

Während sich die Rolling Stones trotz ihres Alters erstaunlich flink bewegen, besonders wenn Zehntausende Fans ihnen zuschauen, ist es bei den Wandering Stones genau umgekehrt. Sie bewegen sich anscheinend nur, wenn niemand hinschaut. Wissenschaftler mussten sich lange damit begnügen, die zurückgelegten Strecken der Steine zu dokumentieren. "Diane" schaffte in einem Monat mal 880 Meter, die dickere "Karen" nur 18 Meter. Die Steine hinterlassen Schleifspuren auf dem Boden, manche sind schnurgerade, andere kurvig, manche gezickzackt. Der ausgetrocknete See, auf dessen Ebene diese geisterhaften Rock-Touren stattfinden, wird "Racetrack Playa" genannt, Rennstrecken-Ebene.

Spielen hier Außerirdische mit monströsen Murmeln?

Schon seit 1948 versuchen Wissenschaftler, den Grund für das Phänomen der vagabundierenden Felsen herauszufinden, auch die Nasa war an den Untersuchungen beteiligt. Geologen analysierten die Gesteinsorten und den Untergrund, Medien verbreiteten die wildesten Theorien. Erlaubt sich da jemand einen aufwendigen Spaß, vergleichbar mit den Kornkreisen? Spielen Außerirdische mit monströsen Murmeln? Wenn ja, warum? Felsen geben natürlich keine Antwort auf solche blöden Fragen. Sie machen, wie das eben die Art ist von Felsen, völlig ungerührt weiter. Sie benehmen sich wie Landstreicher, wie die Hauptfigur in Bob Dylans Song: "like a complete unknown, like a rolling stone".

Die wahrscheinlichste Theorie zur Spur der Steine hat mit Wind und Feuchtigkeit zu tun. Im Death Valley regnet es so gut wie nie. Aber wenn mal Niederschläge fallen, explodiert die Natur. Und in der Wüste weht oft starker Wind. Der würde aber nicht ausreichen, um Hunderte Kilo schwere Felsen mehrere Hundert Meter weit zu verschieben, haben Forscher ausgerechnet. Um "Diane" auf dem ausgetrockneten, welligen Wüstenboden in Bewegung zu bringen, wären theoretisch Windgeschwindigkeiten von 800 Stundenkilometern nötig.

Normalerweise setzt man Fotofallen und automatische Videokameras ein, um schwer zu fassende Naturphänomene dingfest zu machen. Im Tal des Todes ist das aber nicht ohne Weiteres möglich, weil die superstrenge Nationalparkverwaltung es nicht erlaubt, Überwachungsanlagen in der Wüste zu installieren. Das Gebiet, in dem sich die Racetrack Playa befindet, steht komplett unter Naturschutz und ist als "unberührte Wildnis" ausgewiesen. Zwar tuckern pro Jahr normalerweise eine Million Touristen mit Allradautos durch das Death Valley, doch gerade in der Zeit der stärksten Felsbewegungen, während und nach Regenperioden, ist der Zugang gänzlich untersagt, weil dann das Leben in der Wüste erwacht und jede Störung von außerhalb vermieden werden soll.

Eine steinerne Gleitzeit, die noch niemand erlebt hatte

Erst im Jahr 2014, nach mehr als einem halben Jahrhundert vergeblicher Verfolgungsjagd, kam man den schleichenden Steinen auf die Schliche. Wissenschaftler des Scripps Institution of Oceanography und des Forschungsinstituts Interwoof legten sich auf die Lauer, um die Felsen in flagranti zu erwischen. "Es ist eine Freude, daran beteiligt zu sein, diese Art öffentlichen Mysteriums aufzuklären", sagte Richard Norris, der die Studie zusammen mit seinem Cousin James leitete.

Die Norris-Cousins erfassten die Bewegungen der Felsen mit GPS-Trackern, setzten diese Daten zum Wetterbericht in Bezug und wiesen so nach, dass die Steine sich nur bewegen, wenn es sehr kalt ist an einem der heißesten Orte der Welt. Im Winter werden dort nachts manchmal Minustemperaturen gemessen. An einem kalten Tag Ende Dezember beobachteten die Wissenschaftler dann tatsächlich, wie die Felsen in Bewegung gerieten. Der ausgetrocknete See war nach einem Regenguss zu zwei Dritteln von einer dünnen Eisschicht bedeckt, Temperaturschwankungen am Morgen brachten das Eis zum Brechen. Dünne Scheiben wurden vom Wind weggeblasen und blieben unter den von Eis überzogenen Felsen hängen. Die Kombination von Wind und Eis ließ die Brocken über die Ebene rutschen - eine steinerne Gleitzeit, die noch niemand erlebt hatte.

Die Antwort auf das Rätsel der wandernden Steine wusste der orakelnde Stones-Experte Bob Dylan also schon vorher, als er heulte: "The answer, my friend, is blowing in the wind."

© SZ/kar
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