Dem Geheimnis auf der SpurDer Heimatlose

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Der Dichter als Denker, Darstellung von Walther von der Vogelweide (circa 1300).
Der Dichter als Denker, Darstellung von Walther von der Vogelweide (circa 1300). Wikimedia commons/ public domain

Walther von der Vogelweide gehört zu den berühmtesten Minnesängern. Aber über sein Leben ist fast nichts bekannt. Wer war er wirklich?

Von Willi Winkler

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Zu seinen Füßen versammeln sich in Bozen gelegentlich Impfgegner und Separatisten. Ihm tut's nichts, er steht da, wie er seit 1889 dasteht, ein Symbol für ein kaum mehr verständliches Gestern. Bei der Einweihung schrieb damals eine Wiener Zeitung: "Am Standbild Walthers auf dem Johannisplatze hält der deutsche Geist Wache." Wo sich die "Macht der einschmeichelnden italienischen Laute" bereits bis in das Weichbild Bozens erstrecke, wie die Neue Freie Presse überfremdungsängstlich klagte, demonstrierte der marmorne Dichter für die Zeitgenossen, dass Deutschland wirklich vom Belt bis hinunter an die Etsch reichte.

Ganz in der Nähe, in Lajen im Eisacktal, soll dieser Walther geboren sein, der Flurname Vogelweide ist dort mehrfach belegt, Walter mit oder ohne h ein guter, deutscher Name, warum also nicht? Ignaz Vinzenz Zingerle war überzeugt, dass der Vogelweider ein Tiroler war. Dem Innsbrucker Professor für deutsche Sprache und Literatur gelang es 1874 sogar, die zu einer Tagung aus allen deutschen Gauen herbeigeeilten germanistischen Ordinarien zu einer Exkursion nach Lajen zu bewegen, wo der Vogelweiderhof stand, der mittels einer Gedenktafel flugs zum Geburtshaus des Dichters erhoben wurde.

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Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird das Mittelalter ganz neu erfunden. Die Reichswerdung wird vorbereitet und eingeleitet durch ganz viel Kultur, je älter, desto besser und deutscher. Der Kölner Dom wird endlich fertiggebaut, die Germanistik entsteht, die Handschrift des Nibelungenliedes wird entdeckt und aus Ritterspielen wird Richard Wagner. Walther passt da gar nicht hinein, aber er wurde passend gemacht.

Wenn er in seiner Elegie "Ôwê war sint verswunden alliu miniu jâr" nicht nur seine verschwundene Jugend beseufzt, lässt sich das Reimpaar "bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt" ohne weiteres als öko-fundamentalistisches Klagelied interpretieren. Die deutschnationalen Tiroler verstanden die darauffolgende Metapher "wan daz daz wazzer fliuzet,/als ez wîlent flôz,/für wâr, ich wânde, /mîn ungelücke wurde grôz" (in der Nachdichtung von Peter Rühmkorf: "Wenn da nicht noch Wasser strömte wo es immer floss/wahrlich, mein Unglück schiene übergangslos") nicht nur als Ausdruck für das Heimweh des Vogelweiders, sondern als Beleg dafür, dass mit dem Wasser, das da strömen sollte, der Eisack (italienisch: Isarco) gemeint sein musste. Walther war ein Tiroler, er musste einer sein.

Stammte er aus Tirol, dem österreichischen Waldviertel oder sogar aus Franken?

Wenig genug ist bekannt über den Minnesänger Walther von der Vogelweide, immerhin steht fest, dass er vor achthundert Jahren gelebt, gedichtet, gesungen hat. Wenn nicht aus Tirol könnte er aus dem österreichischen Waldviertel oder auch aus dem Fränkischen stammen. Bestimmt war er ein Emporkömmling, kein Adeliger, einer der Ersten, denen die Kunst den Aufstieg in die besseren Kreise ermöglichte, im streng hierarchischen Mittelalter keine kleine Leistung. Nach Dichterart schlug er sich so durch, suchte sich beliebt zu machen am Wiener Hof, wo er bei Reinmar lernte, wie der "hövesche sanc" so klang, dass er den Ohren der Herren schmeichelte und das eine oder andre Honorar abwarf. "Ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen", wird er später sagen, und bei Hermann von Thüringen erhielt er wenigstens eine Zeit lang sein Auskommen. Sonst arbeitete er sich von Hof zu Hof, politisierte, kritisierte, sang.

Ganz bestimmt hatte er mit Passau und dem dortigen Bischof zu tun, der auch als Mäzen des bis heute unbekannten Autors gilt, der das Nibelungenlied gedichtet hat. In den Reiserechnungen dieses Bischofs Wolfger von Erla findet sich unter dem 12. November 1203 ein Honorar in Naturalien: "Walthero cantori de vogelweide pro pellicio v solidos longos", dem Spielmann Walther von der Vogelweide werden für einen Pelzrock fünf Schillinge ausgefolgt.

In seinen Gedichten ging es ungewöhnlich freizügig zu

Der Künstler musste betteln und sich im Zweifel auch zum Narren seiner Herren machen. Dankbar musste er sein, wenn sich hinter der Küche, aber doch in Reichweite der mitleidigen Mägde, ein Winterquartier fand. Walther dankte und lernte dabei und dichtete ganz unhöfisch das Lied aller Liebeslieder, von den vertrockneten Literaturgeschichtlern der "niederen Minne" zugeordnet, weil es da so freizügig wie sonst nirgends in zeitgenössischen Poesie zugeht: "Under der linden/an der heide/dâ unser zweier bette was,/da muget ir vinden/schône beide/gebrochen bluomen unde gras./Vor dem walde in einem tal,/tandaradei/ schône sanc diu nahtegal." Der fahrende Sänger ist es nicht, ein Mädchen singt von dieser Geschichte unterm Lindenbaum, und es ist wirklich Liebe und keine Tragödie wie später beim armen entehrten Gretchen.

Nicht einmal, wo der größte deutsche Dichter starb und begraben liegt, ist bekannt. Er beschimpfte die Klerisei, soll aber ausweislich einer Tafel dort begraben liegen im Kreuzgang des Würzburger Neumünsters. Jedenfalls ist dort für eine Vogeltränke gesorgt, die Vögel waren seine Musen. Ob's aber stimmt?

"Ich saz ûf einem steine", hebt Walthers melancholische Rede an, in der er nach Dichterart überlegt, wie man richtig leben solle. "Dô dahte ich bein mit beine./dar ûf satzt ich mîn ellenbogen;/ich hete in mîne hant gesmogen/daz kinne und ein mîn wange./dô dâhte ich mir vil ange,/wie man zer welte solte leben./deheinen rât kond ich gegeben" - und weiß ehrlicherweise doch keinen Rat. Ein überraschendes Asyl fand der Heimatlose im letzten Text von Samuel Beckett, "Stirrings Still". Beckett variiert diese Position, die zu Walthers Markenzeichen geworden ist. Wo sich kein Stein fand, um wie Walther mit gekreuzten Beinen drauf zu sitzen, bleibe ihm nur, wie erstarrt stehen zu bleiben. Die Dichter wissen es also auch nicht besser, aber sie bemühen sich um Haltung.

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