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Wahl zur "Miss Obdachlos":Laufsteg statt Straße

In Belgien wurde die "Miss Obdachlos" gekürt. Sie darf ein Jahr lang umsonst wohnen. Hilfsverbände kritisieren die Wahl - zu Recht.

Ulrike Bretz

Der Wettbewerb um Schönheit und Persönlichkeit wird längst nicht mehr nur auf Pro Sieben und in Großraumdiskos in der Provinz ausgerufen. Die Casting-Showisierung der Welt ist überall: Auch auf der Straße. In Belgien hat die gemeinnützige Organisation Artefix erstmals eine "Miss Obdachlos"-Wahl veranstaltet. Initiatiorin Aline Duportail sagte, man wolle damit auf die Probleme Obdachloser hinweisen und ihnen ermöglichen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Die Frage ist allerdings, wie gemeinnützig diese Aktion wirklich ist. Anstatt den Staat in die Pflicht zu nehmen, versucht man, das Problem mit einer Miss-Wahl zu lösen. Einer Wahl, in der es ausgerechnet um Schönheit geht - und die dürfte für die meisten der Obdachslosen nun wirklich nicht an erster Stelle ihrer Probleme stehen. Friseurbesuche, Faltenunterspritzung und Fitnesstraining gehören nicht unbedingt zum Alltag von Wohnungslosen.

Trotzdem schickte man die neun Teilnehmerinnen bei großen Show in Brüssel in unterschiedlichen Outfits auf den Laufsteg und beurteilte, was sie dort für eine Figur machen. Fünf Modenschauen mussten die Frauen laufen und ihre Persönlichkeit in Gesprächen präsentieren. Zur Gewinnerin wurde die 58-jährige Obdachlose Thérèse van Belle gekürt.

Mehrere Hilfsorganisationen für Obdachlose haben die "Miss-Wahl" als Verletzung der Menschenwürde der Betroffenen verurteilt. Thomas Beckmann, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins "Gemeinsam gegen Kälte", kritisiert die Aktion als öffentliche Vorführung: "Wer einigermaßen klar im Kopf ist, empfindet einen solchen Zynismus gegenüber den Leidtragenden als abartige Unverschämtheit."

Tatsächlich dient sie weniger dem Wohl der Teilnehmerinnen, als dem Unterhaltungs-Bedürnissen der Zuschauer. Der Vorher-Nachher-Effekt, der schon in Fernsehformaten wie "The Swan" und "Total Makeover" ausgenutzt wurde, zieht eben dann besonders gut, wenn das "Vorher" möglichst extrem ist: Umso besser, wenn der Teilnehmer kein Geld für neue Zähne hat und ungesunde Ernährung ihre Spuren hinterlassen hat.

Diese Shows sollen zeigen: Gut aussehen kann heute jeder, und wer es nicht tut, ist selber schuld. Auch ein Paul Potts, eine Susan Boyle oder ein Henrico Frank mit Bart. Jeder kann alles schaffen, wenn er es nur fest genug will. Das Ergebnis ist, dass sich überall Menschen zum Affen machen, weil sie sich einen Traum in den Kopf gesetzt haben. In Talentshows imitieren Pubertierende Mariah Carey, lassen sich unter Tränen zu Sätzen hinreißen wie: "Singen ist mein Leben, ich mach' mein Ding, ich geh' meinen Weg, ich lass' mich nicht verbiegen" - und wir schauen auch noch zu.

Nun erwartet man offenbar auch von den Menschen ganz am Rande der Gesellschaft, dass sie sich einmal richtig zusammenreißen und was aus sich machen. Sollen sich die Wohnungslosen - in Deutschland sind es geschätzt mehr als 300.000 - doch am eigenen Schopf aus dem Armuts-Sumpf ziehen. Auch die Teilnehmerinnen der Miss-Obdachlos-Wahl mussten sich ganz fest vornehmen, das Leben auf der Straße hinter sich zu lassen - das war die Voraussetzung fürs Mitmachen.

Thérèse van Belle hat es also geschafft: Die Obdachlose, die in den Straßen von Schaerbeck bei Brüssel lebt, bekam nicht nur die Schärpe und das Krönchen, sondern auch einen Schlüssel überreicht: Ein Jahr lang darf die Frau nun umsonst wohnen. Und dann? Dann muss sie wieder selber sehen, wo sie bleibt. Das ist Teil des Spiels.

© sueddeutsche.de/bgr
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