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Wachkoma:Ins Pflegeheim, eingeliefert in der Annahme, dass ich da sterben werde

Im Dezember 2007 kam ich in ein Pflegeheim. Eigentlich wurde ich dort eingeliefert in der Annahme, dass ich da sterben werde. Die Ärzte hatten kaum noch Hoffnung, die Krankenkasse war nicht mehr bereit, den teuren Aufenthalt im Krankenhaus und in der Reha zu bezahlen. Kann ich auch nachvollziehen. Das Heim war sehr hilfreich für mich. Letztendlich haben mich die Leute da mit ihren guten Ideen gerettet.

Ich war die Jüngste im Haus und habe in der ersten Phase mehr Aufwand verursacht als die Hundertjährigen. Weil ich so stark gähnte, mussten sie mir mehrfach am Tag den Kiefer wieder einrenken. Es stellte sich heraus, dass meine Müdigkeit und Inaktivität zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch an den Medikamenten lag. Sie wurden umgestellt - zwei Wochen später erwachte ich aus dem Wachkoma. Dies soll keine Beschwerde sein, weil mir die Medikamente zunächst das Leben gerettet haben. Aber mein Körper hatte sich wohl inzwischen geändert, und benötigte andere Medikamente - oder eine andere Menge. Ich danke den Mitarbeitern im Altenheim noch heute, dass sie so auf mich geachtet und meine Veränderungen wahrgenommen haben.

Lange habe ich nur gelegen, nun durfte ich endlich in den Rollstuhl. Allmählich reagierten meine Gesichtsmuskeln, schließlich kam meine Mimik zurück. Und diesmal bemerkte es nicht nur meine Mutter. Zunächst kommunizierte ich über die Tauchersprache: Ich formte mit Daumen und Zeigefinder ein O, das ist das Okay-Zeichen der Taucher. Erst da begriffen wirklich alle, dass ich alles seit langem mitbekommen hatte. Aus meinem Mund bekam ich aber noch lange kein Geräusch - geschweige denn ein Wort - heraus. Das dauerte Monate.

Alles was ich liebte, darf ich nicht mehr

Eine Psychotherapie habe ich nie gebraucht. Es gab keinen Punkt, an dem ich mich aufgegeben hätte. Ich wollte immer leben. Merkel wurde Bundeskanzlerin, nachdem ich ins Koma fiel, und war es noch immer, als ich aufwachte. Mich hat nur gewundert, dass wir einen deutschen Papst hatten. Mir half, dass ich an Gott glaube. Er hat mir dreimal das Leben geschenkt, das finde ich ziemlich großzügig von ihm. Ich habe mir meine eigene religiöse Theorie zusammengebastelt, in der Gott sagt: 'Hier oben kann ich dich nicht brauchen, die Hölle hast du nicht verdient, also kannst du auf der Oberfläche bestimmt noch was für mich tun.' Wenn ich anderen Leuten helfen kann, und sei es nur durch meine Geschichte, dann ist das doch schon etwas.

Heute ist meine Tochter elf. Sie ist ganz anders als ich, ein richtiges Mädchen. Ich war in diesem Alter genau das Gegenteil. Mit meinem Mann bin ich zwar noch verheiratet, aber nicht mehr zusammen. Meine Tochter lebt jetzt bei ihm. Ich sehe sie alle 14 Tage. Wir haben ein gutes Verhältnis. Ich bin nicht eifersüchtig auf die neue Freundin meines Mannes, es ist alles gut so. Ich freue mich sogar, dass sie für meine Tochter da ist. Ich war einfach zu lange weg. Aber dafür kann ich ja nichts.

Alles was ich liebte, darf ich nicht mehr: Tauchen, Flugreisen, Auto oder Motorrad fahren und auch nicht mehr Trompete spielen. Zu viel Druck für den Kopf. Dabei hatte ich so viel Hobbys: Aikido, Karate, Kickboxen, bin gerne geritten, gejoggt, geschwommen. Irgendwann sagte ich mir, dass ich etwas anderes finde, das mir Spaß macht. Inzwischen kann ich wieder Gitarre und Blockflöte spielen sowie Radfahren. Ich schwimme wieder, mache Gymnastik und Zumba. Wenn man die Alternativen sieht, kann das Leben wieder lebenswert werden. Im Fitnesscenter habe ich übrigens meinen neuen Partner kennengelernt. Da hatte ich bei so viel Pech auch mal Glück.

Seit 2011 lebe ich in einer eigenen Wohnung. Ich bin leicht verzögert in manchen Dingen, kann aber für mich selbst sorgen. Da es mir schwerfällt, mir neue Dinge zu merken, bleibe ich wohl Frührentnerin. Die Aneurysmen sind alle verkapselt, können sich aber neu bilden. Alle fünf Jahre werde ich durchgecheckt. Ich möchte meine Zeit im Wachkoma niemandem wünschen, aber wenn es passiert, muss man daraus das Beste machen. Selbst wenn man das Liebste loslassen muss, findet sich immer etwas Neues. Habt Mut, das Leben geht weiter. Auch wenn es nicht immer so gelingt, wie wir uns das vorstellen."

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Carola Thimm, 47, lebt heute in ihrer Heimatstadt Preetz. 2015 ist ein Buch über ihre Erlebnisse erschienen: "Mein Leben ohne mich. Wie ich fünf Jahre im Koma erlebte", Patmos.

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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© SZ.de/lala/vio/rus
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