bedeckt München 20°

Wachkoma:Im siebten Monat wurde meine Tochter geholt

Ich fiel aber ins Wachkoma. An diese anfängliche Zeit habe ich kaum noch Erinnerung. Nach zwei Monaten in diesem Zustand bekam ich im siebten Monat Wehen und meine Tochter wurde per Kaiserschnitt geholt. Die Ärzte rechneten damit, dass einer von uns sterben wird. Vielleicht auch beide. Nun, wir haben es beide geschafft.

Nur war mir das lange nicht bewusst: Fünf Jahre später war mir noch immer nicht klar, wer das kleine Mädchen ist, das so oft mit meiner Mutter zu Besuch kam und an meinem Bett spielte. Ich dachte, dass sie eine Verwandte sein musste, weil sie denselben Nachnamen trug. Ich sagte: 'Ich freue mich für meine Schwester, dass sie ein zweites Kind bekommen hat und ich bin ein wenig traurig, dass es bei mir nicht geklappt hat.' Meine Mutter nahm meine Hand, schaute mich an, und sagte zu mir: 'Das ist deine Tochter.' Dann begriff ich.

Es gab keinen richtigen Moment des Aufwachens, es war ein Prozess. Bis ich wieder ganz zu mir gekommen war, vergingen Jahre. Fünf insgesamt. Im Wachkoma konnte ich mich nicht mehr bewegen. Ich schlief nachts, hatte aber tagsüber die Augen offen. Ich versuchte mich zu artikulieren, aber niemand konnte mich verstehen. Ich konnte alles sehen und hören, aber mein Mund bewegte sich nicht. Ich konnte nichts machen.

Ganz am Anfang musste ich wohl auch noch zum Teil beatmet werden. Ich weiß nicht, wann das beendet werden konnte. Ernährt wurde ich anfangs mit einer Sonde, bis eine Therapeutin versucht hat, mich mit Joghurt zu füttern. Sie hatten das vorher nicht gemacht, weil die Gefahr besteht, dass man sich extrem verschluckt und daran erstickt. Es hat dann aber gut geklappt.

Dann haben sie mich normal gefüttert. Um die Pfleger zu entlasten und mich zu fördern, ist meine Mutter oft so gekommen, dass sie mir eine Mahlzeit geben konnte. Als ich wieder essen konnte, hat meine Familie mich ins Krankenhausrestaurant gefahren - im Sommer auf die Terrasse unter den Sonnenschirm. Sie haben mich mit Eis oder Kuchen gefüttert - das war schön.

Ich war ein wenig traurig, dass ich denen nichts sagen konnte, oder alternativ ihnen mit den Händen etwas zeigen. Ich dachte, dass das ein Nebeneffekt meiner Krankheit ist, weil ich gar nicht wusste, was Wachkoma ist, und dass ich das habe.

Es dauerte Jahre, bis ich wieder sprechen und gehen konnte

Es dauerte Jahre, bis ich wieder sprechen und gehen konnte. Die Tage waren gleichförmig, aber ich störte mich nicht daran. Ein Zeitgefühl hatte ich nicht. Glücklicherweise war ich durch die Medikamente sediert. Das Leben zog an mir vorbei, lange war ich mit meinen Gedanken allein.

Zunächst kamen die Erinnerungen zurück. Mir war irgendwann klar, dass ich im Krankenhaus war, also musste ich krank sein. Aber welche Krankheit, das blieb mir lange unklar.

Nach dem Aufwachen konnte ich mich zunächst nur an lange zurückliegende Ereignisse erinnern: Kindergarten, Grundschule, wie meine Klassenlehrerin hieß, das Gymnasium, mein Studium - und meine heiß geliebten Reisen. Einige Monate zuvor hatte ich noch 30 faszinierende Tauchgänge auf Palau in Ozeanien absolviert, die kehrten plötzlich so deutlich zurück, als seien sie gegenwärtig.

Interessanterweise kamen nur die positiven Erinnerungen. Von den Schmerzen, den Wehen, der Beerdigung meines Vaters während dieser Zeit bekam ich nichts mit. Mein Gehirn ließ das nicht zu. Es weigerte sich, negative Dinge aufzunehmen.

Nach und nach erkannte ich auch die Besucher an meinem Krankenbett. Meine Mutter besuchte mich jeden zweiten Tag, mein Mann kam oft, auch Freunde. Das Durchblättern alter Fotoalben half mir sehr, meine Erinnerungen zurückzubekommen. Die Funktion meiner kaputten Hirnzellen wurde durch gesunde Zellen übernommen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite