Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“Dschuliän, der Geheimnisvolle

Lesezeit: 2 Min.

Kolumnist Patrick Bauer.
Kolumnist Patrick Bauer. Lorenz Mehrlich

Was Eltern mit Vornamen ausdrücken wollen: Individualität und Geschmack. Was dabei oft herauskommt: Sophia, Noah – und die Erkenntnis, dass man doch viel gewöhnlicher ist als gedacht.

Von Patrick Bauer

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Ich habe es vor Jahren schon mal in einem Artikel verraten, und irgendjemand hat es daraufhin auch auf Wikipedia eingetragen, deswegen kann ich hier offen damit umgehen: Ich habe vier Vornamen. Patrick Raoul Julian Nils Bauer. Julian spricht man Dschuliän. Meine Eltern hatten eben viele Ideen und wenig Lust, sich festzulegen, es waren die Achtziger. Patrick, Raoul, Dschuliän und Nils, das klingt aber eigentlich wie eine gecastete Boyband aus den Neunzigern. Patrick, der nette Schwiegersohn. Raoul, der hübsche Temperamentvolle. Dschuliän, der Geheimnisvolle mit englischen Wurzeln. Nils, das blonde Küken der Truppe.

Lange bevor ich es in den Artikel schrieb, googelte ich mal nach „Patrick Raoul Julian Nils“ und stieß auf ein Forum mit dem Titel „Was sind die komischsten Namen, die ihr kennt?“, und da schrieb ungelogen jemand: „Ich hatte früher mal jemand in der Klasse, der hieß Patrick Raoul Julian Nils.“ Das Forum ist heute offline, und ich mag meine Namen, von denen ich drei zwar gar nicht nutze, aber es gibt einem eine gewisse Sicherheit zu wissen, dass man jederzeit auch ein Raoul werden und sich neu erfinden könnte. Nur die Blicke und Fragen bei Einreisekontrollen und an Autovermietungs-Tresen nerven.

Die beliebtesten Vornamen in Deutschland waren auch 2025 Sophia und Noah, das gab die Gesellschaft für deutsche Sprache diese Woche bekannt. Sophia geht zurück auf das Griechische sofía, was Weisheit bedeutet, und der hebräische Name Noah bedeutet so viel wie „Ruhebringer“. Vielleicht sehnen sich die Eltern unterbewusst nach einem weisen Ruhebringer. Man denkt dabei nicht unbedingt an Friedrich Merz. Friedrich kann man übrigens mit „mächtiger Beschützer“ oder „friedlicher Herrscher“ übersetzen, nun ja, Namen sind bekanntlich Schall und Rauch.

Ansonsten sind die aktuellen Top Ten der angesagtesten Mädchen- und Jungennamen wie auch in den vorigen Jahren eine wilde Mischung aus Italien-Urlaub (Emilia, Matteo, Luca), Retro-Sehnsucht (Hannah, Clara, Theo, Emil, Elias, Paul), dem Trend zur Kürze (Mia, Lia, Leo) und Manga-Serien aus der Kindheit der Millennials (Mila).

Die Namen unserer drei Kinder sind da nicht zu finden. Ich finde, wir haben ihnen sehr schöne gegeben. Ich musste aber bei den beiden Großen die Erfahrung machen, dass sie sich im Grundschulalter weniger ausgefallene Namen gewünscht haben (Lara und Paul). Immer dieser Undank!

Auf den Spielplätzen mussten wir feststellen, dass andere ungefähr zur gleichen Zeit diesen exotischen Namen entdeckt haben

Zugleich hat mir die Aufgabe der Namensfindung wie wenig sonst im Leben vor Augen geführt, dass ich (trotz meiner vier Namen) nichts Besonderes bin in meinem Streben nach Individualität. Der Name unseres Sohnes etwa war bei seiner Geburt sehr exotisch. Aber dann, auf den Spielplätzen und Schulfesten, mussten wir feststellen, dass einige andere ungefähr zur gleichen Zeit diesen exotischen Namen entdeckt haben. Dazu passt, was kürzlich die Freundin meiner großen Tochter mit dem seltenen Namen festgestellt hat, als sie bei uns zu Besuch war: „Hä?! Ihr habt die gleiche Kaffeemaschine, den gleichen Wasserkocher, den gleichen Fernseher und das gleiche Sofa wie wir!“ Mag schon sein: Wir sind wie alle. Aber wenigstens gibt es nur einen Patrick Raoul Dschuliän Nils Bauer!

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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