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Vorbilder der Deutschen:Deutschland, deine Denkmalsturz-Industrie

Sobald derlei Verfehlungen ruchbar werden, möchten wir unsere Vorbilder am liebsten keimfrei entsorgen. Der Staat möge sich bitte um den lügenhaften Minister Guttenberg kümmern, die Kirche die trinkfreudige Theologin Käßmann anderen Aufgaben zuführen, und die Staatsanwaltschaft soll sich den Hoeneß zur Brust nehmen. Den medial und bald auch präjudikativ dünngeprügelten Bundespräsidenten Wulff tröten wir zum Abschied mit unseren Vuvuzelas nieder, den Jerichotrompeten unserer gerechten Empörung.

Gefallene Vorbilder nehmen in unseren Gesellschaften eine besondere Funktion ein. Ihnen ist etwas geschehen, das so grotesk ihrer zugewiesenen Rolle widerspricht, dass ihnen und dem Publikum zunächst einmal der Atem wegbleibt. Aber wenn wir uns wieder gefasst haben, rechnen wir alles klein, was wir an diesen Leuten bewundert haben. Wir wollen diese Vorbilder nicht mehr, wir schicken sie zum Teufel, weil sie leider genau so sind wie wir: bemüht, sich anständig durchs Leben zu bewegen und dabei ständig verführbar, verführt, am Ende gescheitert - an den eigenen Ansprüchen oder den der anderen. Ach, könnten wir uns nur ein Vorbild zimmern wie der Bildhauer Pygmalion aus Ovids Metamorphosen, an dem wir so lange feilen, bis es uns perfekt erscheint, und dann erst lassen wir es ins Leben tanzen.

Wenn jemand sehr lange das Amt des Vorbilds oder der moralischen Instanz eingenommen und in diesem Amt gewissermaßen konkurrenzlos gewirkt hat, dann ruft eine vermeintliche Verfehlung des Heroen eine ganze publizistische Denkmalsturz-Industrie in Gang. Bei Günter Grass, dem Langzeit-Korrektiv der schuld- und geschichtsvergessenen deutschen Gesellschaft, war das zum ersten Mal der Fall, als er seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS einräumte.

Ungleich heftiger, sagen wir ruhig: lustvoller ging die Abräumarbeit vonstatten, als Grass in dieser Zeitung sein Gedicht "Was gesagt werden muss" publiziert hatte, in welchem er seiner Befürchtung Ausdruck verlieh, der Staat Israel könne Atomwaffen gegen Iran zünden - eine Volte, die ihm als Antisemitismus ausgelegt wurde. Die Statue Grass war schon längst vom Sockel gestürzt und in ihre Einzelteile zerstoben, aber diese Einzelteile wurden immer noch mit ganzer Kraft durch den Staub gezogen. Manchmal sieht es so aus, als seien Vorbilder erst dann interessant, wenn sie zerlegt worden sind.

Gestörtes Sauberkeitsempfinden

Das gilt insbesondere dann, wenn Menschen mit besonders geleckten Biografien und Karrieren auf den Plan treten wie der amerikanische Vier-Sterne-General und spätere CIA-Chef General David Petraeus, der vornehmlich für seine eisenharte Disziplin und seine logistische Brillanz im Afghanistan-Einsatz bekannt war. Ausgerechnet er hatte sich auf eine Affäre mit der Militärforscherin und Elite-Soldatin Paula Broadwell eingelassen. Politisch und militärisch gesehen hatte die Liaison überhaupt keine Folgen, es wurden keine Geheimnisse verraten und das Land wurde nicht geschwächt; dafür aber das Sauberkeitsempfinden derer gestört, die der Ansicht sind, Integrität müsse sich in allen Lebensbereichen einer öffentlichen Figur widerspiegeln.

Das Tugendgebot, ein inzwischen international angewendetes Gesetz, kann einer noch so wichtigen Integrationsfigur den Garaus machen - im Weißen Haus trat man zu Krisengesprächen zusammen, als Genevieve Cook, eine frühere Freundin von Barack Obama ihre olfaktorischen Erinnerungen an die Liebesnacht mit dem späteren Vorbilds-Präsidenten zu Papier brachte: "Läuferschweiß, Deodorant, Zigarettenqualm, Rosinen . . ."

In jüngster Zeit haben ohnehin solche Vorbilder Konjunktur, die Sauberkeits- und Reglementierungsbewegungen anführen, Männer wie Sebastian Frankenberger, den Heiner Geißler das Vorbild einer politisch resignierenden Jugend genannt hat. Offenbar hat diese ihren Glauben an die Politik in dem Moment zurückbekommen, als Frankenberger das bayernweite Nichtraucherschutzgesetz gegen die Qualmer durchgesetzt hat, eine Art Karlsbader Beschluss für die Reformhaus-Gesellschaft.

Kleiner Kreis der Vorbild-Kandidaten

Sicher, es ist ein Elend: Einerseits wollen wir die eine oder andere Leitfigur. Andererseits beginnen wir zu verstehen, dass bei der hohen Messlatte, die an Integrität, Tugendhaftigkeit und Gradlinigkeit gelegt wird, die Personaldecke für mögliche Vorbild-Kandidaten denkbar dünn wird.

Jeder von uns sollte sich mal spaßeshalber vorstellen, er wäre ganz plötzlich ein Vorbild für ganz viele Deutsche. Möglicherweise wegen einer guten Sache, die er gemacht hat oder wegen einer Äußerung, die als sehr wohltuend für unser Gemeinwesen empfunden wird, möglicherweise sogar aufgrund einer privaten Entscheidung, in der sich viele Menschen wiedererkennen.

An dieser Entscheidung wird er gemessen - aber nicht nur. Seine neue Vorbildrolle muss auch in seinem sonstigen bisherigen Leben aufgehen, und dann schaut man sich das mal genauer an und findet so manches daran eher unvorbildlich: nein, ich habe nicht jeden nebenbei verdienten Betrag beim Finanzamt angegeben, ja, ich habe aus strategischen Gründen gelogen, gewiss, ich habe schon einmal einen fremden Gedanken für meinen eigenen ausgegeben, weil er so klug war und ich ihn gerne selbst gedacht hätte.

Weil viele wissen, dass jedes Vorbild ein Vorleben hat, in dem viele Entscheidungen und Taten aus Unreife, Unbedachtheit und anderen menschlichen Schwächen zustande gekommen sind, gibt es inzwischen das wohlfeile Entlarvungsprogramm. Digitale Wadenbeißer, die frühe Veröffentlichungen von angesehenen Leuten nach Plagiaten abscannen. Joschka Fischer hat dem Debattenmagazin Cicero einmal erklärt: "Ich habe mein Leben so geführt, dass ich den hohen moralischen Standards, die neuerdings an öffentliche Ämter durch die Medien angelegt werden, nicht mehr gerecht werde."

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