Vom Schwerverbrecher zum Sozialunternehmer:Kontakt zum Cali-Kartell

Ich war pleite, arbeitslos, hatte null Antrieb - und verfiel für kurze Zeit in Selbstmitleid. Das ist eigentlich untypisch für mich. Ich bin ein Stehaufmännchen und klettere, wenn ich falle, immer wieder die Treppe hoch. Disziplin und Pünktlichkeit wurden mir eingeprügelt. Das prägt mich bis heute und ist sicher ein wenig krankhaft, weil ich schon Panik bekomme, wenn ich nur eine Minute zu spät zu Terminen auftauche.

Jedenfalls lud mich zu dieser Zeit ein Freund auf einen Urlaub nach Kolumbien ein. Das Land gefiel mir so gut, dass ich darüber nachdachte, mir dort eine Existenz aufzubauen. Ich wollte endlich einmal Geld haben. Doch wie dort leben? Beim zweiten Besuch brachte mich mein Freund in Kontakt mit Leuten vom Cali-Kartell. Bevor es zur Zusammenarbeit kam, wurde ich durchleuchtet und auf meine Zuverlässigkeit überprüft.

Vom Schwerverbrecher zum Sozialunternehmer: Ein Dokument seiner Reisen als Drogendealer

Ein Dokument seiner Reisen als Drogendealer

(Foto: Volkert Ruhe)

Dann der erste Schmuggel. Zehn Kilo Koks, versteckt in einem Koffer, in Blitzgeräten für Fotoapparate. Die Ware war damals insgesamt rund 600 000 Dollar wert, zwei Kilo durfte ich selbst behalten, zusätzlich bekam ich 20 000 Dollar Transporthonorar. Plötzlich hatte ich Zweifel: Sollte ich das wirklich tun? Lief ich nicht Gefahr, in einem südamerikanischen Knast zu enden? Ich überlegte, den Koffer stehen zu lassen, doch ich fürchtete, dass die Leute vom Kartell mir dann eine Kugel in den Kopf jagen würden.

Mehrfach erlebte ich brenzlige Situationen. Einmal hatte ich eine Pistole am Kopf, als einer meiner Leute mit einem Koffer voller Koks verschwand. Ich wusste, dass ich tot bin, wenn ich die falsche Antwort gebe. Sie ließen mich leben - unter der Auflage, den Schaden wiedergutzumachen. Das bedeutete, dass ich die kommenden drei, vier Transporte umsonst machen musste. Erst da wurde mir bewusst, in was für einer Scheiße ich steckte.

Tatsächlich war ich ständig unter Beobachtung. Dreieinhalb Jahre organisierte ich die Kuriere für den deutschen Markt. Selbst durchgeführt habe ich den Transport nur einmal. Ich war nervlich nicht dafür gemacht und besorgte mir Leute, die den Transport nach Europa übernahmen. Das waren Menschen, die oft selbst in einer finanziellen Notlage waren. Wenn ich darüber heute nachdenke, wird mir klar, wie schäbig das war.

Damals aber lebte ich ein gutes Leben. Ich hatte eine kolumbianische Freundin, Eliza. Ich liebte sie, wollte eine Familie mit ihr gründen. Sie wusste nichts von meiner Tätigkeit - ich hatte immer behauptet, Werkstätten in Deutschland zu besitzen. Niemand bohrte da groß nach. Auch Eliza nicht, die immer davon ausging, dass ich als Deutscher in Kolumbien ohnehin vermögend sein müsse.

Als ich verhaftet wurde, war sie dabei. Meine Lüge war aufgeflogen. Ich schämte mich in Grund und Boden. In dem Jahr nach der Verhaftung brach ich den Kontakt zu Eliza ab, weil ich sie schützen wollte. Die meisten Frauen wären wohl spätestens da weg gewesen, doch Eliza ist eine treue Seele. Sie schrieb mir all die Jahre und versüßte mir so das Leben hinter Gittern. Heute ist sie meine Ehefrau und wir haben einen gemeinsamen Sohn.

In Kolumbien hatte ich mich sicher gefühlt, da kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland bestand. Doch zwei meiner Leute flogen auf und sagten als Kronzeugen gegen mich aus. Interpol stellte einen internationalen Haftbefehl aus, bei einem Kurzausflug nach Panama schlugen die Ermittler dort zu. In Folge meiner Verhaftung wurden noch etwa 15 weitere Personen festgenommen, einige wurden in den USA zu langen Haftstrafen verurteilt. Die Größe des gesamten Netzwerkes aber kann ich nicht abschätzen, weil ich in der mittleren Führungsebene mit den Bossen des Cali-Kartells nie in Berührung kam.

Zu der Zeit hatte ich kein schlechtes Gewissen wegen der Drogen. Ich selbst hatte bis auf ein paar Züge an einem Joint keinerlei Erfahrung damit. Koks war für mich etwas, dass sich Yuppies in die Nase zogen, um Party zu machen, sonst nichts. Was diese Drogen mit den Menschen machen, was mit dem Zeug auf dem Weg von Südamerika nach Deutschland passiert, wie viele Menschen in Mitleidenschaft gezogen werden und an ihrer Abhängigkeit zugrunde gehen - all das wurde mir erst viel später bewusst. Bis dahin wollte ich einfach nicht über die Auswirkungen nachdenken.

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