Vom Christentum zum Islam:"Flagge der islamistischen Kreuzzügler"

Es gibt wohl kaum ein Kleidungsstück, das so viele Diskussionen provoziert. Als Grundschullehrerein Fereshta Ludin vor einigen Jahren vor das Bundesverfassungsgericht zog, um mit Kopftuch unterrichten zu dürfen, kam es in Deutschland zu einer Art Kulturkampf. Gestritten wurde zunächst nur über das Kopftuch im Klassenzimmer, die eigentliche Streitfrage aber lautete bald: Wie viel Islam verträgt unsere Gesellschaft?

Besonders harsche Worte fand damals Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer. Ein wenig klang es so, als würde mit dem Kopftuch das Abendland untergehen. Der Schleier der Frauen sei "die Flagge der islamistischen Kreuzzügler" erklärte sie und forderte: "Zeit also, endlich Schluss zu machen mit der gönnerhaften Pseudotoleranz und anzufangen mit ernsthaftem Respekt."

Die Karlsruher Richter entschieden 2003, dass für ein generelles Verbot an öffentlichen Schulen eine gesetzliche Grundlage fehle. Zahlreiche Bundesländer, darunter auch Bayern, reagierten und verbaten sichtbare religiöse Kleidungsstücke im Schuldienst. Für Jansen gilt das Gesetz nicht. Sie arbeitet an einer Privatschule. Aber sie will ihren Job nicht verlieren.

Viele muslimische Freundinnen finden keine Arbeit, erzählt sie. Nach Erkenntnissen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes haben Muslimas mit Kopftuch auf dem deutschen Arbeitsmarkt schlechte Chancen. Eine deutliche Mehrheit der Arbeitgeber wolle keine Frauen mit Kopfbedeckung einstellen.

"Wieso müssen wir über ein Stück Stoff sprechen?"

Claudia Jansen kennt diese Vorurteile, sie wird oft damit konfrontiert. Von Bekannten, von Kollegen, in der U-Bahn. Ob sie Deutsche sei. Wieso sich so eine hübsche, junge Frau verhüllen muss. Ob ihr Mann sie dazu zwingt. Dabei hat sie sich für das Kopftuch entschieden, bevor sie ihren Mann kennengelernt hat. Als sie mal wieder enttäuscht von der strikten Haltung der Schule nach Hause kam, schlug der tunesische Muslim vor, sie solle die Kopfbedeckung doch einfach ganz abnehmen. Doch Jansen wollte nicht. Für sie heißt Islam: respektvoll, bescheiden, würdevoll zu leben. Das gilt auch für die Kleidung.

Ob der Koran wirklich zum Kopftuch verpflichtet, ist in der islamischen Welt umstritten. Claudia Jansen nimmt den Glauben ernst. Sie ist eine gute Muslima. Sie betet fünfmal am Tag, trinkt keinen Alkohol, isst kein Fleisch. Gleichzeitig hat sie ziemlich liberale Ansichten. Sie hat in einer WG gelebt, hört sich die Trinkgeschichten ihrer nichtmuslimischen Freunde an, missioniert nicht. Sie findet, jeder sollte das glauben, womit er sich wohlfühlt. Jemanden zum Kopftuch zwingen? Für sie undenkbar. "Man muss das fühlen", sagt sie. Sich komplett verschleiern? Jansen schüttelt erschrocken den Kopf. "Ich kann das aus dem Koran nicht ableiten. Und ich verstehe, dass die Menschen Angst haben, wenn sie ihren Gegenüber nicht sehen."

Zum Beten legt die Münchnerin zusätzlich zum Kopftuch die lange schwarze Abaya mit den glitzernden Ärmeln an, die ihre Füße bedeckt. Der Koran fordert das so. "Allah", murmelt sie, kniet nieder, legt die Stirn auf den Boden, steht wieder auf. Sie lächelt. Dann erzählt sie, dass sie die Abaya manchmal auch zum Frühstück trägt, über dem Schlafanzug - wie andere einen Bademantel. Als sie neulich auf einer Fortbildung war, erntete sie misstrauische Blicke. "Die Leute denken dann gleich, ich will mich verhüllen."

Claudia Jansen, grüne Cordhose, Turnschuhe, Jeansmantel, ist keine Frau, die sich versteckt. Sie ist gebildet, schlagfertig, wortgewandt. Sie geht joggen, unterrichtet Yoga, lernt massieren - mit Kopftuch. Nur in der Schule muss sie sich verstecken. Sie versteht das nicht. "Die Schüler können mich danach bewerten, was ich kann. Nicht wie ich aussehe." Außerdem gebe es wichtigere Fragen im Berufsleben. "Wieso reden wir nicht über Gleichberechtigung am Arbeitsplatz oder Kinderbetreuung?", fragt Jansen. "Wieso müssen wir über ein Stück Stoff sprechen? Wie lang ein Rock ist, interessiert doch auch niemanden."

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