Volkskunst Echt schön

Trachten spielen wieder eine Rolle in der Mode: weil sie für Ursprünglichkeit stehen und ein wenig Weltflucht. Ein neuer Bildband feiert die Kleider-Kunstwerke.

Von Anne Goebel

Als das hawaiianische Model Binx Walton vergangenen Dezember streng gescheitelt, in schwarzem Tuch und geranienroter Blumenstickerei den Saal von Schloss Leopoldskron durchschritt, war die Frage: Wer lief da eigentlich für Chanel über das historische Tafelparkett? Die Malerin Frida Kahlo? Ein andalusischer Torero, eine von Heimweh befallene Puszta-Schönheit mit Knöpfchenstiefeln - oder eine Mischung aus allem? Das Couture-Haus zeigte in Salzburg seine "Métiers d'Art"-Kollektion mit besonders aufwendig gearbeiteten Stücken, und passend zum K.u.k.-Umfeld lautete das Thema eigentlich "Habsburg Glamour". Dass sich unter die Parade der Hotpants aus Hirschleder, die Kaskaden von Edelweiß-Sternen auch ganz unösterreichischer Aufputz mischte - geschenkt. Die Grundbotschaft war angekommen: Folklore. "Sissi", hauchte der Rezensent auf Style.com. "Heidi", fasste verzückt die Vogue zusammen.

Trachtenkleidung weckt Gefühle, das ist nicht erst so, seit die junge Romy Schneider in ihrer ikonischen Filmrolle als Kaiserbraut im Dirndl durch den Wald tollte. Solche und ähnliche Bilder von Heimatverbundenheit scheinen durch alle Länder und Zeiten eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Zugehörigkeit zu stillen: Wenn die Art, wie sich jemand anzieht, mit seiner regionalen oder kulturellen Herkunft zu tun hat, wird das Gewand zum emotional aufgeladenen Zeichen. Und die Mode hat mit diesen Codes immer gespielt, denn zur Verbundenheit kam die Schönheit als Merkmal ganz von selbst dazu - Trachten sind oft Festtagskluft und bilden einen unerschöpflichen Fundus außergewöhnlicher Schnitte, Texturen, Ornamente. Man muss nicht Karl Lagerfeld heißen und ein ganzes Schloss zur Modebühne machen für Rüschenkleider oder veredelten Grobstrick - Designer wie Dolce und Gabbana schöpfen seit jeher in ihren Entwürfen aus der multiethnischen Tradition Siziliens. Und Yves Saint Laurent hat schon 1976 mit seiner fulminanten "Ballets Russes"-Kollektion voller schwingender Mäntel, Keulenärmel und Pelzhauben Maßstäbe gesetzt in punkto Folk Glam. Ob damals jedes Detail dem Formenkanon russischer Kostümgeschichte entsprach? Der Exaktheit setzte YSL seine Fantasie, die künstlerische Freiheit entgegen, genauso wie jüngst der Chanel-Zeremonienmeister bei der geografisch großzügig gehaltenen Alpencouture zu Salzburg. Textile Akribie, das ist etwas für die Feldforschung von Ethnologen.

Bunte Heimat: Eine Tracht von der Insel Amrum.

(Foto: Gregor Hohenberg, aus: Trachten, Copyright Gestalten 2015)

Unruhige Zeiten begünstigen die Vorliebe für tröstliche Kostüme aus vermeintlich heilen Welten

Das Interessante ist, dass nun genau deren Arbeitsfeld etwas Glamouröses bekommt in einem neuen Bildband. Schlicht "Trachten" heißt das Buch von Gregor Hohenberg, es erscheint Ende des Monats im Gestalten-Verlag und geht die Dokumentation deutscher Kleiderordnungen von Amrum bis Berchtesgaden durchaus gründlich an. Faltenwurf und Rocklänge, Flechttechniken oder der korrekte Name eines speziellen Spitzenhäubchens aus Mittelhessen: Der Leser erfährt viel Volkskundliches auf 320 Seiten. Wenn er sich denn aufs Lesen einlässt, denn in erster Hinsicht ist Hohenbergs Buch eine Augenweide. "Das Thema Trachten liegt einfach in der Luft", sagt der Fotograf über sein Fünf-Jahres-Projekt. Unermüdlich ist er kreuz und quer durch die Republik über die Dörfer gekurvt und hat Heimatarchive konsultiert, um den Formenreichtum, die ganze Opulenz von Schürzenkleidern, Schnürmiedern und bestickten Lederhosen einzufangen. Warum aber die althergebrachten Muster und Schnitte gerade jetzt so wunderbar zum Zeitgeist passen, hat viele Gründe. Es gab immer wieder Zyklen intensiver Ethno-Mode, die Hippiekluft zum Beispiel mit ihren fransigen und klimpernden Folklorezitaten. Immerhin sind die Siebziger derzeit das am heftigsten kopierte Modejahrzehnt, darin könnte ein Grund für den neu entfachten Hype um volkstümliche Formen liegen. Karl Lagerfelds bejubelte Métiers-d'Art-Dirndl dürften weitere Spuren hinterlassen in kommenden Kollektionen, auch anderer Designer. Und angespannte Zeiten, wie wir sie weltpolitisch und wirtschaftlich gerade erleben, haben die Vorliebe für tröstliche Kostüme vermeintlich heiler Welten sowieso immer begünstigt.

Deshalb ist Gregor Hohenbergs Trachten-Kompendium natürlich keine reine Dokumentation und will das auch gar nicht sein. Der Berliner Modefotograf folgt mit seinen Bildern aus dem Glottertal oder von der Nordseeküste dem Stil von Magazinstrecken. So könnte auch eine Reportage für Neon oder das Lifestyle-Heft Achtung aussehen: Ohne Models zwar, sondern mit Laien, aber sie zeigen die buchstäblich vielschichtige, oft sperrige Schönheit überlieferter Kleidung ohne Schnickschnack. Kein Kitsch à la Rosenresli oder Friesendeern, sondern puristische Inszenierungen im Berliner Beiläufigkeitsgestus: Bild für Bild werden die Trachten vom Brauchtumsmief befreit, zu modischen Kunstwerken erhoben und fast kieztauglich gemacht. Wenn man schon Rüben zieht auf Stadtrandbrachen, sich in Berlins Hipsterlokalen Waldkräuter servieren lässt - warum nicht in gefältelter Spreewaldbluse zum Bioladen um die Ecke? Kombiniert mit Edeljeans, versteht sich. Gregor Hohenberg sagt: "Es ist im Grunde das Manufactum-Ding. Offenbar gibt es den Wunsch nach Wertigem, Überliefertem - die Glühlampe, alte Arbeiterhemden und was sonst noch alles ausgegraben wird seit ein paar Jahren." Für ein Buch über Kleidungsstücke mit Geschichte also der richtige Moment. Andernfalls hätte der Gestalten-Verlag mit seinen feinen Antennen für Trends und Tendenzen Hohenbergs Projekt auch kaum verwirklicht.

Das notorische Dirndlweib war schon immer langweiliger als Frauen mit Gespür für Stilbrüche

Für die Mode als flüchtigste aller Künste ist das System Tracht, das festen Regeln folgt bis zur vorgeschriebenen Ösenform, immer ein reizvoller Bezugspunkt gewesen. Um das Strikte zu kontrastieren, zu verwandeln oder zu imitieren. Der coole Minimalismus des Wieners Helmut Lang soll auch auf die zeitlose Schlichtheit des guten alten Jankers, kastig und kragenlos, zurückgehen. Den japanischen Designer Yoji Yamamoto begeisterte die Strenge bäuerlicher Kluft, wie er sie auf den Bildern des deutschen Fotografen August Sander sah. Und vor ein paar Wochen hat Christopher Bailey für Burberry in London mit einer "Crafts collection" die Faszination fast ausgestorbener Textiltechniken wie Kunststeppen oder Zierstickerei gefeiert. "Ich mag das Schnelllebige unserer Zeit", sagte der britische Designer damals. "Aber es gibt Dinge, die ihre Zeit brauchen, die slow sind. Das finde ich wunderschön." Dass darin auch ein Stück Weltflucht liegt, ist nicht schwer zu diagnostizieren und vielleicht nicht mehr als eine Pose. In Form eines Mantels mit Dutzenden aufgenähten Spiegelsteinchen sah der folklorelastige Eskapismus jedenfalls bildschön aus.

Was die Tracht-Trägerin betrifft, so ist das notorische Dirndlweib schon immer viel weniger interessant gewesen als Frauen mit Gespür für Stilbrüche. Auf einem Sommerfrische-Foto aus den Dreißigerjahren ist zum Beispiel Marlene Dietrich in Salzburg zu sehen, das Kunstgeschöpf, die Großstadtpflanze - im perfekt geschnittenen Lodenspenzer. Ein irritierender Gegenpol zu den Markenzeichen Silberblick und Lippenrot. Für die Malerin Frida Kahlo waren ihre Schränke mit kostbaren mexikanischen Gewändern - dokumentiert in dem opulenten Buch "Frida's Wardrobe" - keineswegs bloß Ausdruck anrührender Heimatliebe. Sondern von selbstbewusster Extravaganz, in ihrer Jugend pflegte die schöne Frida in Männerkluft Aufsehen zu erregen. Und die Amerikanerinnen, die sich von dem Online-Dirndlshop "Heidi's Closet" angesprochen fühlen, dürften normalerweise auch nicht in Schürze und Taillenrock unterwegs sein. Die potenzielle Kundin wird wortreich ermuntert, modisch mal aus der Rolle zu fallen: "Channel your inner Fräulein".

Im Land der Fräuleins selbst greifen junge Designer kaum auf Volkskunst-Elemente zurück, abgesehen von reinen Trachtenlabels natürlich. Das ist ein Jammer und wohl noch immer eine Folge der Nazizeit. Ländliches Gewand gehörte zum Idealbild der sauberen deutschen Frau, diese dumpfe Vereinnahmung wirkt bis heute nach. Dabei stehen Trachten auch für Weltoffenheit, das hat Gregor Hohenberg auf seinen Erkundungsfahrten immer wieder festgestellt. Man verwendete Silber aus Portugal für schmückende Miederketten oder steckte sich Federn exotischer Vögel an den Hut. Manche Frauen in seinem Buch wirken fast asiatisch mit ihren seltsam steifen Lätzen, den polsternden Stoffbahnen oder Aufbauten aus Glasperlen auf dem Kopf. Dann wird Tracht zu dem, was Yves Saint Laurent über seine russische Kollektion sagte, die er ersann, ohne das Land je betreten zu haben: "Un voyage imaginaire", eine Fantasiereise zu anderen Zeiten und Orten.