Vogue:Leute, macht lieber Liebe!

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Models kiffen und haben Sex im Soldaten-Camp: Der Tabubruch in der Modewelt wird zur Norm. Aber die Botschaft hilft nicht über das moralische Defizit hinweg.

Miriam Stein

Auf der Suche nach dem Mantel für den nahenden Winter in einer der Bibeln des exquisiten Geschmacks, der Vogue Italia, stolpert man über ein Foto von einem jungen Mädchen mit zerzausten Haaren und glasigem Blick, das sich so eine Art grünen Fetzen über den ansonsten nackten Körper hält.

Vogue: Tabubrüche in der Mode: Böse Jungs und Mädchen treiben's im Militär-Camp

Tabubrüche in der Mode: Böse Jungs und Mädchen treiben's im Militär-Camp

(Foto: Foto: von Vogue)

Recht orientierungslos irrt sie durch das, was dem Betrachter wie ein US-Militärcamp im Nahen Osten erscheinen soll. Wenig später weint eine Kollegin im Abendkleid neben einem selig schlafenden Model-als-GI auf dem Feldbett, während eine ihrer spärlich bekleideten Kolleginnen ein paar Seiten weiter vorne einen Lapdance hinlegt, der sogleich live aufgezeichnet und auf einer Leinwand übertragen wird. Böse Jungs und Mädchen, sie treiben's im Camp, das ist besser als kämpfen, erzählt uns Steven Meisel durch seine Linse und setzt dabei, ganz elegant und beiläufig, die glitzernde Abendmode für unsere Feiertagssaison ins rechte Licht.

Ein Schock, ein Skandal, ein Bestseller

Steven Meisel gilt zweifelsfrei als einer der größten und einflussreichsten Modefotografen unserer Zeit. Am 21. Oktober des Jahres 1992 erreichte "Sex" die Buchläden, ein Bildband, von Meisel fotografiert, in dem wir die Sängerin Madonna in diversen unverschämten Stellungen und Konstellationen bei der Ausübung des namensgebenden Aktes sehen.

Ein Schock, ein Skandal, und: ein Bestseller. Madonna bewegt sich in den Bildern von Meisel haarscharf an der Grenze zwischen Erotik und Pornographie entlang. Pornographie verlor gegen Ende der achtziger Jahre mehr und mehr von ihrem öffentlichen Stigma. Meisel, ein stilgebendes Auge der frühen Neunziger, bildete diese Welt in ihrer vermeintlich skandalösen Offenherzigkeit mit Brüsten, Bäuchen und Schamhaaren eher nüchtern, distanziert und androgyn ab.

"One", die ikonographische Kampagne des Hauses Calvin Klein zum Launch ihres Unisex-Dufts "CK One" zeigt "Girls who are boys/who like boys to be girls/who do boys like they're girls/ who do girls like they're boys" - wie Blur, die englische Popband, 1994 den Trend in einem Song zusammenfasst; dürre Jungs und Mädchen in Ripp-Unterhemden und Jeans in Schwarz-Weiß ohne Graustufen in neutralem Raum. Sinnlichkeit und Farben finden in dieser Kampagne nicht statt, es geht um Androgynie und den Moment, da der Körper des Models mit der spärlichen Kleidung sich im Kopf des Betrachters als Suggestion tabuisierter Praxis neu zusammensetzt.

Print-Kampagnen für große Marken sind eine spezielle Kategorie visueller Kommunikation; sie sind sowohl Abbild der Zeit, ästhetisches State-of-the-Art, als auch Verführungs- und Betäubungsmittel. Leser renommierter Magazine haben sich an das Überblättern stilisierter Abbilder schöner Menschen in Posen auf 70 Seiten plus gewöhnt, bevor ein einziges Wort zu lesen ist. Aber die Bilder sprechen, wenngleich in einer anderen Sprache: Wir lesen die Motive, Farbgebung und Auswahl der Models wie eine eigene Kunstform - denn all das erzählt von Inspirationen des Zeitgeschehens und von Trends, die Designer, Fotografen und Werbestrategen in dieser Saison für relevant halten.

Mal ist es Marokko und der Orient, mal die weiße Schaumwelt von Florida. Marken und deren Anzeigen definieren nicht nur die Liga, in der das Magazin spielt, sondern auch den Ton für die Stimmung der Mode. Geschulte Augen lesen vor dem Editorial bereits die Strömungen: ob Neo-Goth, Slim Beach, Folk oder New Rave. Modefotografie, die sich auf dem Niveau eines Steven Meisel in der Peripherie zwischen Kunst und Werbung befindet, ist Inszenierung von Symbolen und Zeichen, aber eine, die es auch vermag, neue Realitäten zu schaffen.

Leute, macht lieber Liebe!

Kiffen und Sex in teuren Kleidern

Oliviero Toscani hingegen benutzt für Benetton die Authentizität von Aidskranken oder die blutige Uniform eines toten Soldaten aus dem Balkan-Krieg. Die Debatte, ausgelöst durch das Bild, setzt die Anzeigenkampagne zwar in den Kontext des realen Zeitgeschehens, aber die davon ausgehende Erregung kommt nicht über den Verweischarakter hinaus. Die Aufmerksamkeit, die Toscani mit seiner aktuellen Kampagne für eine italienische Modemarke mit dem mehr als sprechenden Namen "Nolita" auf eine magersüchtige Schauspielerin lenkt, bleibt in ihrer Geste des Zeigens gefangen. Ein Verrat an der Wirklichkeit wie bei René Magritte? Die Abbildung von Anorexie allein erklärt sie nicht.

"Make Love, not War", Steven Meisels "Foto-Story", veröffentlicht in der Vogue Italia im September 2007, führt in ein namenloses Wüstencamp, das laut dem Tattoo eines darstellenden Models zur 101st Airborne Division gehört, jener Angriffseinheit der US-Army, die ganz traditionell die Speerspitze einrückender Truppen auf fremdem Terrain bildet. Stramme Soldaten, so sieht es aus, verbringen ihre kampffreie Zeit mit jungen Models in teuren Kleidern, mit denen sie raufen, trinken, kiffen und schließlich Sex haben, den die Strecke nur postkoital zeigt. Nach den Gesichtsausdrücken der Frauen zu urteilen, ist die Befriedigung nicht so umwerfend, doch Kriegsunterhaltung wird eben for the boys gemacht.

Testosteron-geladen und gierig

Teils solidarisch, teils antithetisch zur Uniformierung kennt die Mode Einflüsse in Tarn und Olive seit den frühen Sechzigern. Ob aus erster Hand oder aus der Verarbeitung durch den Kulturbetrieb, Camouflage bleibt chic. Meisels Frauen aber tragen Versace in höchst weiblichen Schnitten, denn die Frauen dieser Strecke sollen keinen Kampfgeist verkörpern, sondern die Verweigerung der Kriegshandlung im Akt der Liebe. Keine Aggressivität, sondern Lustobjekte.

Nicht nur die feministische Front wird hier eine Augenbraue heben - auch die Elite-Freiheitsverteidiger selbst werden nicht gerade als Schwiegermütterträume dargestellt. Testosteron-geladen und gierig umfassen sie die eher schmalen Damen, die sie erfolgreich von der Kampfhandlung ablenken: Macht Liebe, nicht Krieg - das ist ja auch die Botschaft. Muskeln werden nicht zum Kampf, sondern nur zur Schaustellung, zur Pose geflext. Das Risiko, dass der gute Wille im augenzwinkernden Appell für den Frieden durch die ästhetisch zwiespältige Inszenierung verloren geht, ist natürlich groß. Am Ende werden die vermeintlichen Kriegshelden zweideutig desavouiert. So waren die Reaktionen der Leser auf die Bilder in der Mehrzahl kritisch.

"Eine Strecke namens ,Make Love, not War' hätte viel besser umgesetzt werden können. Wenn ihr mich fragt, ist diese Arbeit billig, degradierend und beleidigend für jeden Mann und jede Frau, die gerade im Namen der US-Army dienen. Einer dieser Männer ist übrigens mein Ehemann", kommentiert eine anonyme Internet-Nutzerin die Meisel-Strecke in einem Fashionblog. "Ehrlich gesagt, gelingt es mir nicht genau zu sagen, warum, aber diese Bilder machen mich rasend. Die Darstellung der Soldaten ist einfach verkehrt. Ich bin strikt gegen diesen Krieg (im Irak), Modefotos wie diese sind absolut unnötig", schreibt sie weiter, bevor ihrer Kritik die Worte ausgehen, "sie (die Fotos) sind einfach ... ekelhaft, mir fällt leider keine bessere Bezeichnung ein."

Ekel und Abscheu - dass eine Soldatengattin eine Strecke wie die von Meisel nicht differenziert oder ästhetisch wahrnehmen kann, ist verständlich. Das mag nur am Rande daran liegen, dass die Abbildung von der sexualisierten Seite des Krieges schwer fassbar ist, weil der Kontext in der Vogue mit Luxuslabels und viel zu schönen Models im krassen Gegensatz zu der von ihrem Mann direkt und real erlebten Wirklichkeit steht.

Leute, macht lieber Liebe!

Werbung als Sozialkritik

Die hat die britische Journalistin Emine Saner vom britischen Guardian im Auge, wenn sie schreibt: "US-Soldaten im Irak machen bereits Liebe, allerdings nicht mit Supermodels, sie machen sich über irakische Prostituierte her, wenn sie nicht rauben und vergewaltigen. Sie (die Strecke) glamourisiert eine bereits obszöne, kriminelle und tragische Situation." Fünf ehemalige GI's eben jener 101sten Division wurden wegen Vergewaltigung einer 14-jährigen Irakerin und Mord an ihr und ihrer Familie verhaftet und verurteilt.

Steven Meisels "Make Love, not War´"- Foto-Story ist nicht seine erste Kooperation mit Vogue Italia, die eine aktuelle soziopolitische Kontroverse in Prada und Dior kleidet. Im August zeigte er Mädchen im Drogenentzug ("Rehab"), voriges Jahr produzierte er in "State of Emergency" einen klar als aus Meisels Feder zu erkennenden Kommentar zur damals aktuellen Sicherheitsdebatte: Aufgepumpte männliche Models in den schicken Uniformen der New Yorker Polizei ziehen noch schickere Models aus Autos, durch Flughafenkontrollen, und strecken sie mit Hund und Schlagstock nieder.

Und wieder: Die Drastik, mit der Meisel seine kritischen Aussagen zum abgebildeten Geschehen inszeniert, geht in "State of Emergency" vor allem den weiblichen Protagonisten an die Nieren, die allerdings auch mal mit einer MG in der Hand auf der kontrollierenden Seite der Sicherheit stehen. Im semiotisch aufgeklärten 21. Jahrhundert steht eine solche, bei all ihrer Zwiespältigkeit doch perfekt fotografierte Strecke nicht allein im gesellschaftlichen Hallraum. Provokation als Geste löst de facto Diskurse aus, auch wenn Modefans vor allem über die "künstlerische Ästhetik" und heiße Models debattieren. Kritik wird auch von Meisels Gegnern kaum am Thema der Inszenierung, den Ursachen wie Krieg, Drogenmissbrauch oder der gegen den globalen Terror gerichtete Ausnahmezustand artikuliert. Nur die Moral oder Unmoral des Abbildes wird diskutiert, nicht seine Realität.

Vogue Italia gibt keinen Kommentar ab, lediglich die "Rehab"-Strecke, von vereinzelten Jugendschutzorganisationen ebenfalls als sittenwidrig eingestuft, erklärte man aus Mailand fast ironisch als "fröhlichen Kommentar zur Entzugskultur". Nolitas "No Anorexia"-Kampagne wurde vom italienischen Gesundheitsministerium unterstützt und somit vom Staat über die Werbung hinaus offiziell als Sozialkritik autorisiert.

Habenwollen siegt über Betroffenheit

Mode lebt von der Kunst des Abbilds, der äußeren Erscheinung. Glanz und Anziehung potenzieren die Ausstrahlung des Trägers. Sex, so sagte Steven Meisel schon vor 15 Jahren im Madonna-Buch, ist in seinen Augen ein Körperspiel um Macht und Lust, angetrieben von Kräften wie Aggression und Regression, Dominanz und Unterwerfung, fern von familiärer Reproduktion. Mode gestattet weder Bad-Hair-Days, noch Fettpolster oder Falten - keine Exzess ohne Strafe.

"Die Strecke ist wirklich zum Kotzen, aber das schwarze Model im vorletzten Foto ist wunderschön. Weiß jemand, wer das ist?" fragt eine Frau in einem anderen Fashionblog zu "Make Love, not War". Die zeitgemäß gutmenschliche Moral der Dame wird von ihrer eigenen Konsumhaltung ausgetrickst, "Haben-wollen" siegt über Betroffenheit. Ob also Steven Meisels Strecke als Symptom einer Auffassung angesehen werden darf, die Krieg als Vergeltung oder zur Sicherstellung von Bodenschätzen als poltisches Mittel legitimiert, scheint sehr fraglich. Vielmehr spielt der nüchterne Beobachter und in der Ausführung seines Handwerks harte Überzeichner Meisel absichtlich und höchst virtuos auf dem überspannten Bogen, einfach nur, um endlich überhaupt einmal irgendwas auszulösen: Damit Menschen beginnen, nachzudenken und sich zu polarisieren. Dazu brauchen Künstler, im Gegensatz zu Politikern, auch nicht den Segen eines Ministeriums. Die Schmerzgrenze der Angst, mit der Darstellung von Gewalt selbst Teil eines Verbrechens oder einer unkontrollierbaren Situation zu werden, wird im Balanceakt aus Satire, Kitsch und Hochglanz indes selten erreicht.

Modefotografie ist und bleibt ein Spiegel, ein Verstärker und Verzerrer, der die Traumwelt der Kleidung mit mehr oder weniger Phantasie umsetzt. Es fällt ungleich leichter, die Dekadenz einer Modestrecke zu entlarven als die eines andauernden Kriegfeldzugs. Es ist ungleich härter, die Vereinsamung oder Entfremdung einer Gesellschaft zu erfahren, als aus einer geschützten Position der westlichen Zivilisation die Freiheitseinschränkung von erlassenen Sicherheitsgesetzen in Frage zu stellen. Meisels Modestrecken wie "State of Emergency", "Rehab" und "Make Love, not War" als Frechheit zu bezeichnen und über deren Notwendigkeit streiten zu wollen, ist zwar durchaus legitim. Denn Meisels Werk ist Kunst im Kontext eines Modemagazins. Als moralischen Verstoß, als Verharmlosung oder Verrohung jedoch sollten vielmehr die reale Situation, der reale Krieg und die realen Verbrechen diskutiert werden.

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