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Video-Trend ASMR:"Soll mich das jetzt müde oder geil machen?"

  • 88 Millionen Menschen haben sich im Netz die Videos von Maria angesehen. Das macht sie wohl zur bekanntesten Vertreterin des ASMR-Kults.
  • Meistens raunen die Frauen weitgehend sinnfreie Sätze in die Kamera. Manche User sagen, das löse bei ihnen ein Kribbeln im Kopf aus.
  • In einem besonders absurden Video sieht man minutenlang eine Hand, die in Waschpulver buddelt.

Von Katrin Langhans

Manchmal braucht es zum Erfolg nicht mehr als eine Bürste, zwei Mikrofone, eine Kamera und eine Säuselstimme. Maria spricht leise, haucht die Wörter fast, als verrate sie gleich ein Geheimnis: "This video is dedicated to your relaxation." Ihr Kopf, ihre Lippen, sie kommen ganz dicht an den Bildschirm, ihre Stimme ganz nah ans Ohr, "sodass du schneller einschläfst". Maria zieht ihren Kopf zurück, lächelt sanft, beugt sich vor und raunt: "Fühl dich relaaaaaaxed".

Wer glaubt, das sei schon merkwürdig oder irgendwie anstößig, der hat Maria noch nicht mit ihrer Bürste erlebt. "This is an wonderbrush", sagt sie und hält ein gewöhnliches Exemplar aus Holz in die Kamera. Dabei hat sie einen Blick, als würde die Bürste sie in Verlegenheit bringen. Mit ihren lackierten Nägeln fährt Maria über die Holzborsten. Später wird sie dem Betrachter imaginären Rauch ins Gesicht pusten und ihm mit ihren Händen scheinbar den Kopf massieren. Wie soll man das finden? Entspannend? Verrückt? Erotisch?

Im Netz schreiben Facebook- und Youtube-User, dass das Gesäusel bei ihnen ein Kribbeln im Kopf oder gar eine Gänsehaut auslöse. Sie nennen das Phänomen Autonomous Sensory Meridian Response, kurz ASMR. Das klingt nach Wissenschaft, ist bisher aber nicht belegt. Die deutsche Infoseite ASMR-Deutschland beschreibt es so: Das Kribbeln durchziehe den Kopf und sei "vergleichbar mit einem Schauer, der einem Menschen über den Rücken laufen kann - nur im positiven Sinne".

"Ich könnte es den ganzen Tag anhören"

Maria, die ihren Nachnamen nicht veröffentlichen möchte, ist die wohl bekannteste Vertreterin des ASMR-Kults. Ihre Beiträge haben mehr Klicks als Menschen in Deutschland leben. Mehr als 88 Millionen haben ihr bereits zugesehen, wie sie ein Handtuch faltet, sich mit einer Pfauenfeder kitzelt oder Seiten in einem Buch umblättert. Die 28-Jährige schlüpft immer wieder in neue Rollen. Mal ist sie eine Ärztin, mal Schneiderin oder Bibliothekarin. Immer aber haucht sie weitgehend sinnfreies Zeug in die Kamera.

Die Facebook- und Youtube-User nehmen das ganz unterschiedlich auf: "Ich könnte es den ganzen Tag anhören" oder "Das macht mich müde, danke" - so sehen es die einen. Die anderen verstehen die Welt nicht mehr: "Soll mich das jetzt müde oder geil machen?" Es sei ein merkwürdiges Nebenprodukt unserer Zeit, ausgelöst durch zu wenig zwischenmenschliche Kommunikation - so kommentiert es ein anderer.

Manchmal buddelt einer einfach nur im Waschpulver

Maria sagte der Washington Post, sie glaube, die Videos würden im Betrachter positive Gefühle auslösen. Falte sie ein Handtuch, so habe das etwas bemutterndes, massiere sie jemandem scheinbar den Kopf, so löse das Geborgenheit aus. ASMRtists, wie sie sich nennen, hätten ihr einst selbst durch eine schwierige Zeit geholfen. Als sie vor fünf Jahren nach New York zog, hatte sie sich gerade von ihrem Mann getrennt. Auf Youtube fand sie ein Video mit dem Titel "whisper", einem Beitrag der ASMR-Community. "Als ich die Stimme der Dame hörte, kribbelte es überall", sagte Maria der Washington Post. Jetzt wolle sie dieses Gefühl weiter geben.

Geborgenheit, Erotik, einfach mal lachen: Es mag viele Gründe geben ASMR-Beiträge anzusehen. Jedenfalls, wenn man darin Menschen sieht, die komische Dinge tun. Weniger erklären lassen sich jene Videos, in denen ein profanes Geräusch im Zentrum steht. Da buddelt zum Beispiel einer etwa drei Minuten lang in einer Packung Waschpulver (wie in einem Sandkasten) oder sortiert Teebeutel. Besonders absurd: Ein Video von einem Föhn, der zehn Stunden lang ein Handtuch trocken pustet. Darunter ein freudiger User-Kommentar: Das Baby könne mit dem Sound endlich ganz wunderbar einschafen.

© sz.de/kala

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