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Viagra wird 10:Falsche Pillen, echte Scham

Wer im Internet Potenzmittel kauft, wird oft hereingelegt - doch trauen sich die Betrugsopfer in diesem Fall nur selten zur Polizei.

Kristina Läsker

Gern genommen, gern gefälscht: Potenzmittel gehören zu den Medikamenten, die am häufigsten billig nachgemacht und illegal vertrieben werden. Und so ist dringend davon abzuraten, die verschreibungspflichtigen Medikamente - womöglich ohne Rezept - im Internet zu ordern, weil sie oft gar keine oder sogar schädliche Wirkstoffe enthalten.

Viagra, AFP

Vom Bestellen des Potenzmittels im Internet raten Apotheker ab.

(Foto: Foto: AFP)

Jede zweite online gekaufte Tablette ist gefälscht: Das ist das Ergebnis der jüngsten Testkäufe des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker. Präparate von zehn Anbietern aus dem Ausland haben die Pharmazeuten untersucht: "Die gefälschten Mittel enthielten nur 60 Prozent des Wirkstoffs", sagt Apothekerin Mona Tawab. Auch das Bundeskriminalamt in Wiesbaden warnt vor allzu naiven Viagra-Bestellungen im Netz. "Es wird angenommen, dass etwa 50 Prozent der im Internet angebotenen Potenzmittel Fälschungen sind", sagt Heike Sürmann, die Expertin des Bundeskriminalamts.

Die meisten Käufer werden angelockt vom billigen Schnäppchen für den Nachttisch: Im Internet gibt es Viagra schon mal für drei Euro im Angebot, statt für mindestens 11,50 Euro pro Pille im Original. Auch will nicht jeder einem Mediziner seine Potenzstörungen anvertrauen, wissen die Experten vom Bundeskriminalamt: Per Internet-Order würden Arzneien bestellt, "bei denen der Bezug sowie die Konsultation des Arztes das Schamgefühl tangieren".

Freie Bahn für Fälscher?

Den Ordnungshütern gelingt es allerdings nur selten, Verkäufern von gefälschten Potenzpillen den Betrug nachzuweisen und damit Schäden für weitere Kunden zu vermeiden. Denn im Fall von Viagra beschwerten sich viele peinlich berührte Käufer erst gar nicht, heißt es beim Landeskriminalamt München. Oder die falschen Pillen wirkten tatsächlich stimulierend, weil der Placebo-Effekt eintrat, und die Fälschung dem Original in nichts nach stand.

Wer Viagra dennoch im Internet kaufen will, sollte auf Gütesiegel achten, die vom Verband der Versandhändler vergeben werden, raten Verbraucherschützer. Sie empfehlen, Potenzpillen auf Rezept nur bei seriösen Händlern zu kaufen, hinter denen eine örtliche Apotheke mit Angabe der Adresse steckt. Auch wer die Medikamente mit einem Rezept tatsächlich in der Apotheke kauft, muss bei der Einnahme einiges beachten.

In der Kombination mit anderen Mitteln, wie etwa der Szene-Droge Poppers - die auch der sexuellen Stimulation dienen soll - könne Viagra zu einem lebensbedrohlichen Blutdruckabfall führen, warnen Arzneimittelexperten. Vor allem ältere Männer mit starken Herzproblemen sollten auf die Einnahme von Viagra eher verzichten - selbst wenn sie mit diesen Potenzmitteln ihre Ehe retten wollen. Denn das könnte tödlich enden.

Oder es ergeht den Männern wie John Pettigrew, einem Klempner aus dem englischen Seebad Brighton. Der nimmt seine Umgebung nur noch in Blautönen wahr, weil er zu viel Viagra genommen habe, behauptet die englische Klatschzeitung The Sun. Pettigrew habe den Packungshinweis ignoriert, dass eine Überdosis zu Sehschäden führen könne.

© SZ vom 27.03.2008

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