Verherrlichung der Mafia Der Ausbrecherkönig

Ein Schrein in Culiacan, in dem Jesus Malverde verehrt wird. Als "El Narcosanto" und "El Santo Bandido" ist Malverde eine Art Heiliger der Drogenschmuggler und Mörder.

(Foto: Carlos Villalon/Redux/Redux/laif)

Kinder in El-Chapo-T-Shirts statt Messi-Trikots: In Mexiko werden Drogenbosse verehrt wie Weltstars. Das alles hat eine lange Tradition.

Von Boris Herrmann

Als neulich El Chapo geschnappt wurde, war er gerade mit seinem Freund El Cholo unterwegs. Auf der Flucht nahmen El Chapo und El Cholo, der Kurze und der Indianer, die Geheimtür hinterm Schlafzimmerspiegel, sie gelangten durch einen Tunnel in die Kanalisation, schlüpften durch einen Gullideckel wieder ans Tageslicht und klauten ein rotes Auto. Dann kam die Polizei und nahm den Chapo und den Cholo mit. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man das für eine heitere Verfolgungsjagd aus einem Zeichentrickfilm halten.

Kein mexikanischer Drogenboss kommt heute ohne einen drolligen Spitznamen aus. Es gibt El Chapo, El Cholo, El Chango, El Chino, El Chayo und El Mayo. Alle Welt weiß, dass es hier nicht um die allernettesten Gestalten geht. Und doch werden diese kumpelhaften Narco-Nicknames überall benutzt, wenn die Menschen ihre Abenteuer nacherzählen. In den Zeitungen, in den Fernsehnachrichten, an den Stammtischen. Als ginge es um Comicfiguren und nicht um Schwerverbrecher. Chapo und Cholo, das klingt wie Chip und Chap oder Tom und Jerry. Es ist bloß nicht ganz so lustig. Nach neueren Schätzungen sind im mexikanischen Drogenkrieg in den vergangenen zehn Jahren etwa 120 000 Menschen gestorben oder spurlos verschwunden.

Joaquín Archivaldo Guzmán Loera und Orso Iván Gastélum Cruz, El Chapo und El Cholo, wurden am Freitag, 8. Januar 2016, in der mexikanischen Stadt Los Mochis verhaftet, weil sie zu den Protagonisten dieses Krieges gehören. Sie führen oder führten (wohl eher ersteres) die erfolgreichste und mächtigste Mafia-Organisation unserer Zeit an, das Sinaloa-Kartell. Guzmán als der Boss der Bosse, Gastélum als sein Sicherheitschef. Das Drogenkartell ist in mehr Staaten aktiv als jede andere mexikanische Firma, sein Jahresumsatz wird auf mehr als drei Milliarden Dollar geschätzt. Guzmán ist ein Mann, der mit Kokain und Metamphetaminen, mit Korruption und Bestechung, mit Auftragsmorden und Blutrache reich geworden ist. Es gibt keinen vernünftigen Grund, ihn zu verklären. Vernunft ist aber eh die falsche Kategorie, um dem jüngsten Chapo-Hype beizukommen.

"Der Staat nimmt, der Chapo gibt", sagen die Leute in Guzmáns Heimatregion Sinaloa

In dem inzwischen weltberühmten Wackelvideo-Interview, dass Guzmán Loera kurz vor seiner Verhaftung dem Hollywood-Schauspieler Sean Penn gewährte, sticht vor allem ein blaues Hemd mit Paisleymuster ins Auge. Ehre, wem Ehre gebührt, aber Guzmán sieht in diesem Aufzug wie ein verkleideter Gockel aus. Seine Antworten sind dagegen so schlicht und öde wie der staubige Bauernhof im Hintergrund des Bildes. Immer wieder kräht ein Hahn in das fast schon bemitleidenswerte Gestammel jenes Mannes hinein, den sie den "König der Tunnel" nennen. Man möchte meinen, Guzmán hätte sich mit diesem 17-minütigen Einblick in sein erstaunlich einfältiges Gemüt und seinen bizarren Kleidergeschmack selbst entzaubert.

Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Das blaue Hemd wurde von der Mode-Boutique Barabas im Design-Destrict von Los Angeles entworfen. Barabas vertreibt es inzwischen unter dem Label "Most-Wanted-Shirt". Es kostet 128 Dollar und findet offenbar reißenden Absatz.

In seinen Essays über "Politik und Verbrechen" zitiert Hans Magnus Enzensberger den Mafioso Al Capone so: "Ich bin ein Geist, geboren aus den Köpfen von Millionen." Joaquín Guzmán Loera hat nach neuesten Erkenntnissen nicht die rhetorischen Fähigkeiten, um solch einen Satz zu formulieren. Und doch passt er eins zu eins zu seinem Werdegang. El Chapo ist wie alle echten und fiktiven Gangsterbosse der Geschichte vor allem eine sagenumwobene Gestalt. Im Grunde kennen wir ihn (abgesehen von Sean Penn) ja alle nicht, deshalb lässt sich so viel in ihn hineininterpretieren. Etwa die Figur des Aufsteigers aus einem bettelarmen Dorf in der Sierra Madre, der als Kind in einer Tomatenkiste schlief und mit Anfang fünfzig auf der Forbes-Liste der reichsten Männer der Welt geführt wird. Oder den ehrenwerten Ganoven, der den Armen jene Schulen und Krankenhäuser stiftet, die der Staat nie gebaut hat. Oder auch den Familienvater, der mit strengem Regiment die eigene Truppe gegen äußere Feinde verteidigt und dafür Treue, Mut und Tapferkeit einfordert. Und nicht zuletzt den bauernschlauen Ausbrecherkönig, der mal im Wäschewagen und mal durch den Tunnelzugang unter der Zellendusche aus den angeblich sichersten Gefängnissen Mexikos ausbüxt. Es ist nicht entscheidend, wie viel davon stimmt. Entscheidend ist, dass sich kaum einer dem Sog dieser Geschichten entziehen kann. Vielleicht weil sie archaische Sehnsüchte des Menschen bedienen, nach Gemeinschaft, Ordnung und Omnipotenz.

Gerade in einem Land wie Mexiko, wo die Staatsorgane traditionell mehr Chaos als Ordnung stiften, verfangen sich solche Heldensagen über das bunte Leben der Outlaws. "Der Staat nimmt, der Chapo gibt", sagen die Leute in Guzmáns Heimatregion Sinaloa. Zur Verherrlichung von Drogenbaronen gibt es dort eine eigene, kommerziell sehr erfolgreiche Musikgattung, die sogenannten Narcocorridos. Die bekanntesten Bands füllen große Konzerthallen, auch nördlich des Rio Grande. Die lateinamerikanische Variante des Gangster-Rap klingt oft nach seichter Biergarten-Polka, in den Texten aber werden mit Wollust Luxuskarossen und Frauen verheizt, Gegner zersägt und Verräter gevierteilt.

So wie sich die Adelsleute der Renaissance in idealisierten Porträts malen ließen, werden viele dieser apologetischen Hits von den Titelhelden zu Selbstvermarktungszwecken in Aufrag gegeben. Dasselbe gilt auch für das entsprechende Filmgenre, die Narco-Peliculas, die nicht selten mit echten Capos gedreht werden. Einer der erfolgreichsten dieser Filme heißt "Comandante Antrax", er handelt von José Rodrigo Aréchiga, genannt El Chino Antrax, dem 2014 verhafteten Chef der Killerkommandos von Joaquín Guzmán. In der Anfangsszene werden vier Männer im IS-Stil hingerichtet. Der Film wurde bei Youtube fast zweieinhalb Millionen Mal angesehen.

Der mexikanische Politikwissenschaftler Ricardo Raphael schrieb dieser Tage in der Zeitung El Universal: "Joaquín Guzmán Loera hat sich schon vor längerer Zeit in den zentralen Mythos unserer Kultur verwandelt. Die Verklärung dieser Figur hat viele zu einem Leben im kriminellen Milieu inspiriert. Er erfährt Bewunderung, Respekt und Faszination und hat eine Heerschar von Nachahmern." Wer das bezweifelt, war noch nie in Culiacán, der Hauptstadt von Sinaloa. Dort rennen die Kinder in Chapo-T-Shirts statt in Messi-Trikots herum. Mitten im Zentrum steht eine Kapelle, die der sagenumwobenen Räubergestalt Jesus Malverde gewidmet ist. Malverde wird in Sinaloa als der Schutzheilige der Drogendealer verehrt. Narcos und Narco-Fans pilgern gleichermaßen an seinen Altar, um dort ein Kerzlein anzuzünden. Gott schütze die nächste Lieferung!

Es ist nachvollziehbar, dass Sean Penn kein Interesse hat, auf mexikanischen Todeslisten zu landen

Die Verklärung der Mafia hat eine lange popkulturelle Tradition. Nicht nur in Mexiko, sondern auch in den USA und in Europa. Marlon Brandos Schauspielkunst in "Der Pate" mag zu dem Besten gehören, was die Kinogeschichte hervorgebracht hat. Wahrscheinlich handelt es sich aber auch um den besten Mafia-Werbespot, der je gedreht wurde. Pablo Escobar war einmal der Schrecken von Medellin. Gut zwei Jahrzehnte nach seinem Tod ist er dort eine Touristenattraktion. Man kann Escobars Wasserski besichtigen, Escobars Ölgemälde, Escobars Bruder Roberto und Escobars Nilpferde. Der Kult um diesen Mann, der so etwas wie das kolumbianische Role-Model von Guzmán darstellt, wird weltweit von der höchst erfolgreichen Netflix-Serie "Narcos" befeuert. Brutal erscheint er den Zuschauern, klar; aber wie Don Vito Corleone im Paten doch auch tiefgründig und irgendwie sympathisch. Seit den "Sopranos" wissen die Seriengucker, dass Mafiabosse sogar komisch sein können.

Es ist nichts Neues, dass bei dieser naiven Idealisierung des organisierten Verbrechens die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen. Es gibt ja wenige Liebesgeschichten, die enger sind als die der Cineasten mit der Mafia und die der Mafiosi mit dem Filmgeschäft. Die eigene Fiktionalisierung liegt im Interesse der Gangsterbosse, weil sie die Distanz auflöst, die Verbrechen verharmlost und die Legendenbildung befeuert. Bei dem Camorra-Boss Walter Schiavone ging das so weit, dass er sich die Filmsets zum Vorbild nahm und die Luxusvilla des Großdealers Tony Montana aus dem Film "Scarface" nachbauen ließ, um darin zu wohnen (er wurde verhaftet, bevor er einziehen konnte). Die Produzenten der Paten-Trilogie sollen ihre Drehbücher wiederum dem real existierenden Mafioso Joseph Colombo vorab zur Autorisierung vorgelegt haben. Von Al Capone zu Corleone, von Escobar zu Walter White, dem etwas anderen Chemielehrer aus der Serie "Breaking Bad" - nicht immer ist klar, wer sich da eigentlich von wem inspirieren ließ. Aber selten war die Sachlage so verwirrend wie im aktuellen Fall von El Chapo Guzmán.

Erwischt wurde er offenbar, weil er die bekannte mexikanische Schauspielerin Kate del Castillo mit der Verfilmung seiner Lebensgeschichte beauftragt hatte, gleichzeitig aber etwas zu unvorsichtig mit dieser Frau flirtete, die in der Telenovela "La Reina del Sur" eine Drogenbaronin verkörperte und im echten Leben wiederum den echten Drogenbaron verehrt. Der Oscar-Gewinner und Gonzo-Journalist Sean Penn war bei dieser Real-Crime-Romanze im Grunde nur als Statist dabei. Mit seinem Videointerview und dem Erlebnisaufsatz im Magazin Rolling Stone sorgte er gleichwohl dafür, dass die Verhaftung Guzmáns zum weltumspannenden Schauspiel werden konnte. Der Unterhaltungsfaktor überstrahlt bei weitem die dringlichste Frage, nämlich die nach der Glaubwürdigkeit der mexikanischen Demokratie. Vielleicht ist das ja auch schon die Antwort. Der Chapo kann noch so oft ausbrechen und wieder eingefangen werden, das Rennen um die Aufmerksamkeit des Publikums hat er längst gewonnen.

Es mag wohlfeil sein, Sean Penn vorzuhalten, dass er die von Castillo vermittelte Gelegenheit wahrnahm, den Mann, den alle suchten, zu treffen. Das Interview selbst hat Penn inzwischen als Flop bezeichnet. Angeblich wollte er eine ernsthafte Debatte über den Drogenkrieg auslösen. Gemessen daran hat er jedoch wenige Fragen zum Drogenkrieg eingereicht, nämlich null. Im Rolling Stone darf Guzmán sagen: "Was ich mache? Ich verteidige mich. Habe ich jemals Probleme gesucht? Nie." Das bleibt so stehen. Unkommentiert.

Penn unternimmt dabei gar nicht erst den Versuch, seine Chapo-Faszination zu verbergen. Er und Guzmán prosten sich mit Tequila zu, von Superstar zu Superstar, an einer der merkwürdigsten Stellen geht es um einen Abschiedsfurz. Im kritischen Sportjournalismus würde man sagen: Der Autor tritt auf wie ein Fan, der es über die Absperrung geschafft hat. Wenn man dem Credo italienischer Mafia-Ermittler folgt, dann sind solche Begegnungen auf Augenhöhe nicht nur ärgerlich, sondern fatal. Der Autor Roberto Saviano hat mit seinem Buch, seinem Film und seiner preisgekrönten Serie "Gomorrha", immerhin den Versuch unternommen, das Böse so zu zeigen wie es ist: böse. Dafür steht er in Italien angeblich auf Platz eins der Todeslisten. Es ist nachvollziehbar, dass Sean Penn kein Interesse hat, auf mexikanischen Todeslisten zu landen. Aber da er nun mal beim Chapo in der Sierra Madre war, lässt sich auch nicht leugnen, dass er sich an der Glorifizierung eines Verbrechers aus ganzem Herzen beteiligt.

Mutmaßlich steigt man aber nicht nur mit Herzlichkeit zum CEO des Weltmarktführers für Kokain auf. Der mexikanische Schriftsteller Hector de Mauleón schätzt, dass von den 120 000 Drogenkriegsopfern des vergangenen Jahrzehnts etwa die Hälfte auf Schlachten zurückgehen, die das Sinaloa-Kartell angezettelt hat. Guzmán also. In diesem Geschäft um Einfluss und Marktanteile wird gefoltert und geköpft, es werden Augen ausgestochen, Gesichtshäute abgezogen, Menschen verbrannt, es wird Menschenasche auf Müllhalden verscharrt. Zum Geschäftsmodell gehört es auch, Richter, Polizisten und Politiker zu bestechen oder zu erschießen, den Rechtsstaat zu korrumpieren, die Demokratie zu zerstören. Journalisten, die tatsächlich im Drogenmilieu recherchieren, spielen ohnehin mit ihrem Leben.

Penn hätte sich mutmaßlich viel Häme erspart, wenn er an einer Stelle erwähnt hätte, dass Joaquín Archivaldo Guzmán Loera ein Mörder ist. Ein Mörder, der obendrein Hemden trägt, die Al Capone niemals angezogen hätte.