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Debatten über Feminismus:Beschwörung einer angeblichen Feminismuspanik

Um diese Probleme zu kaschieren, arbeiten die Autorinnen beider Bücher wiederum mit der "Nichts darf man mehr sagen"-Prämisse, die in der deutschen Verlagslandschaft derzeit ja eine Art Allround-Zutat zu sein scheint. Ähnlich wie es Thilo Sarrazin oder Akif Pirinçci in ihren populären Büchern oder Harald Martenstein in seiner wöchentlichen Kolumne in der Zeit tun, erschaffen die Autorinnen eine Welt, in der permanent Maulkörbe verteilt werden an diejenigen, die vermeintlich unbequeme Wahrheiten aussprechen. Dass Korbik immerhin für eine Sache streitet, statt es bei Feindbildern zu belassen, ehrt sie. Es ändert aber nichts daran, dass auch sie mit dem fiktiven Szenario einer Feminismuspanik arbeitet, um die Notwendigkeit ihres "radikalen" Manifests betonen zu können.

Das Gefühl, weil alle anderen so viel sagten, bekäme man selbst keinen Satz mehr unter die Leute, ist allerdings offenbar selbst unter denen weitverbreitet, die dafür bezahlt werden, ständig Sätze in Leitmedien unterzubringen. Ein begeisterter Rezensent schrieb etwa für Spiegel Online, man laufe ja dauernd Gefahr, beim Thema Feminismus "Ärger auf sich zu ziehen", da sei es wohltuend, dass Knüpling und Bäuerlein das "ernüchternde, einschüchternde Klima" rund um die Geschlechterdebatte ins Visier nähmen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung lobte "Tussikratie" dafür, dass es versuche, die "feministische Diskursherrschaft" zu durchbrechen.

Nur beweist ja gerade der Ton dieser Bücher und Besprechungen, wie weit entfernt wir von etwas wie einer feministischen Diskursherrschaft sind. Hätten feministische Ideen auch nur den Bruchteil des Einflusses, den man ihnen zuschreibt, dann wäre Feminismus nicht mehr die Sache von Feministinnen. Dann gäbe es etwa längst ernst gemeinte Versuche, Vollzeitarbeit auf 32 Wochenstunden zu verkürzen. Es gäbe eine Debatte darüber, ob es wirklich im Sinne der Menschheit ist, die Bundeswehr zu einem familienfreundlichen Arbeitgeber zu machen. Es gäbe nicht ein paar Dutzend Frauenhäuser, sondern bundesweit flächendeckende Gewaltpräventionsprogramme.

Lebendige Feminismusverbesserungs-Industrie

Überhaupt würden weniger Bücher und Zeitungsartikel veröffentlicht, die sich mit den Defiziten "des Feminismus" beschäftigen und dafür viel mehr, die sich - mit feministischen Analysewerkzeugen ausgestattet - Fragen der Sozial-, Kultur- oder Außenpolitik widmeten. Diese Artikel wären dann im Übrigen auch von Männern geschrieben: Denn in einer feministisch durchdrungenen Welt wäre das Geschlecht nicht mehr nur Frauensache.

All das ist aber nicht der Fall. Stattdessen bekommen wir eine "Feminismusdebatte" nach der anderen serviert, und jede beginnt bei null. Kein anderer Bereich der Gesellschaftskritik ist so anfällig für intellektuelle Sabotage: Wer schreibt schon Bücher darüber, warum Kapitalismuskritiker an den Verwerfungen unserer Wirtschaftsordnung schuld sind?

Die Forderungen nach einem Feminismus mit mehr oder weniger Kapitalismuskritik, mehr oder weniger Männerfreundlichkeit weisen so auf eine klaffende Leerstelle hin, die sich dort auftut, wo "Feminismusdebatte" getitelt wird: Wie ein Parasit hält sich eine publizistische Feminismusverbesserungs-Industrie am Leben, indem sie jene große Frage, wie die Gesellschaft gerechter werden kann, umwälzt auf die ungleich leichter zu beantwortende Frage, was am "Feminismus" unangenehm, abschreckend oder kompliziert ist.

Der Feminismus als Idee und Bewegung wird dabei zum Sündenbock einer ungerechten Gesellschaft degradiert. So diskursmächtig kann er nicht sein. (Diese Erkenntnis ist zugegeben umso bestürzender, wenn man selbst eines der Bücher geschrieben hat, die offensichtlich zyklisch wieder neu aufgelegt werden, von anderen Autorinnen, mit anderen Titeln, aber mit derselben wohlgesinnten Verachtung.)

Wahre Probleme geraten aus dem Blickfeld

Und auf diese Weise wird in der Feminismusdebatte der "Feminismus" stets nur als reformbedürftig behandelt, verkommt also von einer kritischen Perspektive, aus der heraus prinzipiell jedes Thema zu verhandeln wäre, zu einer nervigen Baustelle, an der es immer etwas zu tun gibt. Für diejenigen, die sich als Feministinnen engagieren, kann das nur entmutigend wirken. Wie kommt man darauf, dass ausgerechnet sie eine Klassendiskussion zu entfachen haben, die bislang ja auch niemand anderer führen wollte?

Dass sich Feministinnen entscheiden müssen, ob sie innerhalb der bestehenden Wirtschaftsordnung oder gegen diese arbeiten wollen, versteht sich von selbst. Dass frauenpolitische Ziele nicht automatisch zu besseren Verhältnissen führen, ist ein Thema, das unbedingt Beachtung verdient. Dass Feministinnen nun aber für die - von den Deutschen mehrheitlich als ungerecht empfundene - Wirtschaftsordnung irgendwie verantwortlich gemacht werden, zeigt vor allem, dass die "Feminismusdebatte" kaum feministisch ist.

Man sollte also das destruktive Potenzial eben dieser Debatte nicht unterschätzen: Denn in der wohlfeilen Meta-Forderung danach, endlich die "richtige" Diskussion zu führen, also diejenige, in der es um Klasse geht statt um Geschlecht, steckt auch die Vorstellung, dass gesellschaftlicher Fortschritt nur noch als Produkt einer totalen Diskussion möglich ist. Durch die eine, einzig richtige Debatte, die alle anderen Debatten beendet - und endlich all diejenigen zum Schweigen bringt, die es nicht kapiert haben, was auch immer "es" ist. Wie dabei noch irgendetwas tatsächlich geschehen soll, ist eine Frage, die von dem, was hierzulande unter "Feminismusdebatte" läuft, wohl so schnell nicht geklärt werden wird.