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Verbot von Sonnenstudios:Teuer erkaufte Hässlichkeit

Der Bundestag will Minderjährigen den Besuch von Solarien verbieten. Die Münchner Dermatologin Tatjana Pavicic über den Sinn des Verbots und die Gefahr von Solarien.

Der Umweltausschuss im Bundestag hat die Weichen für das geplante Verbot von Sonnenstudios für Jugendliche gestellt. Eine große Mehrheit der Politiker stimmte am Mittwoch in Berlin dafür, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wegen des besonderen Hautkrebsrisikos keine Solarien mehr nutzen dürfen. Tatjana Pavicic, Leiterin der Abteilung für Ästhetische Dermatologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, über die Gefahren von Solarien und den Sinn eines Verbots.

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Für ein bisschen Licht und Wärme riskieren Sonnenbankbesucher ein erhöhtes Hautkrebsrisiko.

(Foto: Foto: oh)

sueddeutsche.de: Halten Sie das Verbot von Sonnenstudios für Minderjährige für sinnvoll?

Dr. Tatjana Pavicic: Ja, denn die Haut von Kindern und Jugendlichen ist deutlich empfindlicher als die von Erwachsenen. Die Anzahl der Sonnenbrände in der Jugend ist der entscheidende Risikofaktor für die spätere Entstehung von Hautkrebs - vom hellen bis zum schwarzen Typ, dem Melanom. Nicht umsonst ist man erst ab 18 geschäftsfähig, denn die Jugendlichen können häufig die weitreichenden Folgen ihres Handelns nicht abschätzen. Bereits heute raten wir ihnen davon ab, ins Solarium zu gehen. Aber die Solarienbetreiber kontrollieren nicht freiwillig das Alter ihrer Kunden. Ein Verbot könnte dabei helfen.

sueddeutsche.de: Warum ist die Haut von Jugendlichen empfindlicher?

Pavicic: Die natürliche Barriere der Haut gegen Strahlung, bestehend aus Lipiden und dem Säureschutzmantel, ist nicht ausgereift. Außerdem ist die Zellteilungsrate höher als bei Erwachsenen, was das Risiko für Krebs erhöht. Es gibt natürliche Schutz- und Reparaturmechanismen der Haut, die bei jungen Menschen noch nicht auf Hochtouren laufen.

sueddeutsche.de: Wie groß ist das Hautkrebsrisiko durch Sonnenstudios?

Pavicic: Früher hat man häufig argumentiert, Solarien würden nur UVA-Strahlung liefern, und die löse keinen Hautkrebs aus. Das stimmt aber nicht. Zwar trägt UVB-Strahlung verstärkt zu Hautkrebs bei, aber über lange Sicht provoziert auch das UVA die Krankheit - und zwar durch die Bildung von freien Radikalen in tieferen Hautschichten. Wir wissen mittlerweile, dass UVA-Licht hauptverantwortlich ist für die Hautalterung und Pigmentstörungen. Das heißt, man kauft sich teuer eine kurzfristige "Schönheit", sprich Bräune ein, aber eine langfristige Hässlichkeit.

sueddeutsche.de: Das gefilterte Licht in den Solarien ist also genauso gefährlich wie Sonnenlicht?

Pavicic: Theoretisch ist die natürliche Sonne gefährlicher, denn Solarien liefern Strahlung in bestimmten Dosen. In der Praxis aber erfahren wir in den meisten Fällen nicht, wie viel Strahlung wir tatsächlich auf der Sonnenbank abbekommen. Es wird die Watt-Zahl als Richtwert angegeben. Die aber ist eine Energieleistung, die absolut nichts über die Intensität der Strahlen aussagt. Wir wissen nicht, ob es sich um UVA, UVB oder eine Mischung aus beiden handelt. Außerdem wird vorab nicht der Hauttyp geprüft. Ein Hauttyp 1 mit Sommersprossen, rötlichen Haaren und grünen Augen ist sehr viel empfindlicher als ein Hauttyp 3 - brünett mit olivefarbener Haut. Solarienbesucher unterschätzen das Risiko und wiegen sich in einer Scheinsicherheit. Sie sagen, sie gingen ja nicht in die Sonne, sondern "nur" ins Solarium. Und setzen sich folglich noch mehr der Strahlung aus, als sie es in der Natur tun würden.

sueddeutsche.de: Haben Sonnenstudios auch einen Nutzen?

Pavicic: Sie können einen Nutzen haben im Bereich der Lichttherapie für depressive Menschen. Sie fühlen sich nach dem Sonnen wohler, weil Glückshormone ausgeschüttet werden. Für die Haut haben sie keinen zusätzlichen Nutzen. Im Gegenteil: Die Menschen sitzen dem Trugschluss auf, dass das "Vorbräunen" im Solarium vor dem Sonnenbrand im Urlaub schützt. Es handelt sich hierbei aber um eine Scheinbräune, die keinen Schutz vor der natürlichen Sonne bietet. Die Menschen greifen dann zu einer Sonnencreme mit niedrigerem Lichtschutzfaktor und meiden nicht die Mittagssonne. Dadurch kommen zusätzliche Hautschäden zustande. Medizinisch setzen wir minimale Bestrahlung in der Therapie von Neurodermitis und Schuppenflechte ein. Vor dieser zeitlich begrenzten Behandlung klären wir den Patienten über das erhöhte Krebsrisiko auf. Und: Wir ermitteln zunächst die verträgliche Mindestdosis, bei der es - je nach Hauttyp - zu einer Rötung und ersten Bräunung der Haut kommen kann.

sueddeutsche.de: Wie oft dürfen Erwachsene pro Jahr auf die Sonnenbank - ohne Schäden davonzutragen?

Pavicic: Ich empfehle maximal einmal pro Quartal und dann nur so lange, dass die Haut keine Rötung zeigt. Generell sollte man die minimale Bestrahlungszeit und Intensität wählen. Eine Messung der Mindestdosis wie in der Medizin wäre auch vor jedem Solariumbesuch sinnvoll: Wie viel UVA-Strahlung vertrage ich, bis es zu einer sofortigen Bräunung kommt? Und wie viel UVB-Strahlung verursacht eine Rötung der Haut? Dieser Aufwand ist aber sicherlich jedem Solariumbesucher viel zu groß.

© sueddeutsche.de/mmk/bre
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