Vaterentbehrung Reicht es aus, wenn der Vater seine Kinder nur alle 14 Tage sieht?

Nein, und man sollte daran rütteln. Es gibt so viele Väter, die sich engagieren wollen und zu Zahl- und Wochenendvätern degradiert werden. Mütter haben die Macht, den Vater seinen Kindern zu entfremden. Da ist das geltende Unterhaltsgesetz auch nicht gerecht, denn es rechnet dem Mann die Zeit, die er mit den Kindern verbringt, finanziell nicht an. Dass das keine geldwerte Leistung ist, sondern sich die Unterhaltszahlungen nur nach dem hauptsächlichen Wohnort der Kinder bemessen, halte ich für grundsätzlich falsch.

Was halten Sie davon, Verstöße gegen das Besuchsrecht zu sanktionieren?

Den Frauen, die sich nicht wie vereinbart an das Besuchsrecht ihrer Ex-Männer halten, sollte sofort der Unterhalt gestrichen werden. In Frankreich ist das so. Bei uns haben die Mütter in der Hinsicht viel zu viel Macht. An der Stelle gehört die Mütterhoheit vom Thron gestoßen. Ich weiß, dass das viele Gemüter erhitzen wird, aber hier geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern ich sehe die Folgen der Vaterentbehrung. Sie fällt uns gesellschaftlich massiv auf die Füße. Es gilt mittlerweile als erwiesen, dass Kinder zunehmend ein unsicher-vermeidendes Bindungsverhalten zeigen. Solche Kinder suchen dann Halt in anderen Strukturen, in Cliquen, in Organisationen.

Und wenn ein Vater, aus welchen Gründen auch immer, seine Kinder gar nicht sehen will. Was dann?

Man kann niemanden dazu zwingen und man kann kein künstliches Interesse hervorrufen. Wenn jemand seine Kinder nicht sehen will, dann ist das zwar traurig, aber es ist eben so. Auch das muss kommuniziert werden. Aber diese Männer müssen sich darüber im Klaren sein, was sie da bei ihren Kindern anrichten.

Wie erklärt man so etwas seinen Kindern?

Sicher nicht mit dem Frust der Mutter. Sonst kommt dabei so etwas heraus, wie bei mir: Männer waren für mich lange Schweine, die immer ihre Frauen verlassen und ihre Kinder sitzenlassen. Andererseits übten sie eine unglaubliche Faszination auf mich aus und ich konnte es ganz lange nicht aushalten, ohne Mann an meiner Seite zu sein. Will ein Vater sein Kind nicht, dann schmerzt das natürlich. Aber indem man es wertfrei kommuniziert, hat das Kind die Chance, sich damit auseinanderzusetzen.

Wie kann man Vaterentbehrung heilen?

Man muss in die Vergangenheit schauen und sich dem stellen. Natürlich ist das individuell. Auch ich musste erst ein realistisches Vaterbild finden, es positiv füllen und es in mein Leben integrieren, dadurch hatte ich eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Bei mir war es so, dass ich einen unglaublichen Drang verspürte, meinen Vater zu sehen. Doch als es dann dazu kam, war das mehr als ernüchternd, weil die Ablehnung weiter bestand und besteht. Aber auch das war gut zu erleben, denn damit konnte ich endlich die Tränen weinen, die geweint werden mussten, konnte die Wut rauslassen und die ewige Suche aufgeben.

Und dann haben Sie eine Psychotherapie begonnen und die Büchse der Pandora geöffnet?

Ja, ich musste mich meinem Trauma stellen - und ich hatte die psychischen Reserven dafür, mich dem zu stellen. Aber ohne diese erneute Konfrontation mit meinem Trauma hätte ich nicht gesunden können.

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Jeannette Hagen, 48, lebt in Berlin und ist freie Autorin und systemischer Coach. Gerade hat sie ein Buch veröffentlicht: "Die verletzte Tochter. Wie Vaterentbehrung das Leben prägt", Scorpio Verlag, 16,99 Euro.

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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