Valentinstag in Japan Die Tradition, von der keiner weiß, woher sie kommt

Hündchen mit Hütchen: Eine Mitarbeiterin des Süßwarenladens Goncharoff in Tokios angesagtem Viertel Shibuya am Valentinstag. Japanische Frauen schenken ihren Freunden, Kollegen und Lehrern traditionell Schokolade am 14. Februar.

(Foto: Yoshikazu Tsuno/AFP)

In Japan machen am Valentinstag nur die Frauen Geschenke. Und sie beschenken nicht nur ihre Partner, sondern auch Lehrer, Chefs und Kollegen. Dagegen regt sich Widerstand - minimal.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Tokio - Seit Tagen ist die Sechzehnjährige schon nervös, am Donnerstag steht der Valentinstag an. Über Instagram hat sie mit ihren Freundinnen Fotos und Rezepte für Schoko-Gebäck ausgetauscht und sich so wichtigen Fragen gewidmet wie: "Kann man Brownies mit Mandeln statt mit Walnüssen machen?" Am Sonntag blockierte sie die Küche, zeitweise war alles braun verschmiert. Am Abend lag eine Einkaufstüte mit vielen einzeln verpackten, schmucken Brownies bereit. Sowohl mit Walnüssen als auch mit Mandeln.

In Japan machen am Valentinstag nur die Frauen Geschenke, sie verschenken dabei fast ausschließlich Schokolade. Angaben des Branchenverbands "Chocolate & Cocoa-Association of Japan" zufolge generieren Nippons Chocolatiers die Hälfte ihres Jahresumsatzes in den letzten zwei Januar- und ersten beiden Februarwochen. Die Japanerinnen beschenken nicht nur ihre Ehemänner, Freunde und Freundinnen, sondern auch Kollegen, Mitschüler und Lehrer. Sie unterscheiden dabei zwischen "Honmei"-Schoko und "Giri"-Schoko. "Honmei" steht für "wahre Gefühle", "giri" für Verpflichtung.

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Pflicht zur Freiwilligkeit

Wenn eine Mitarbeiterin oder eine Untergebene - in Japan sind die Frauen im Berufsleben fast immer Untergebene und werden oft auch dann so behandelt, wenn sie es eigentlich nicht sind - ihren Kollegen und Chefs am 14. Februar "Giri-Schoko" zusteckt, dann gilt das als kleiner Dank für eine gute Zusammenarbeit. Ein Dank, den zu unterlassen allerdings ein Affront wäre.

Die Pflicht zum freiwilligen Schenken hat in Japan Tradition und beschränkt sich nicht nur auf den Valentinstag. Es wird zum Beispiel erwartet, dass jeder Japaner aus dem Urlaub, und sei es nur ein Wochenendtrip, den Kollegen und Nachbarn eine Kleinigkeit mitbringt. Solche Geschenke sind reziprozitätspflichtig - sie müssen bald mit einem etwa gleichwertigen Geschenk erwidert werden. Als Gegenstück zum Valentinstag hat der Handel den "Weißen Tag" erfunden, den 14. März, an dem die Männer den Frauen Pralinen schenken.

Die Frage, wie es kam, dass am Valentinstag nur Frauen Schokolade verschenken, kann indes niemand mehr beantworten. Wie so oft in Japan heißt es schlicht: "Das war schon immer so". Dabei kennt Japan den Valentinstag erst seit den Siebziger Jahren. Eingeführt wurde er von Kaufhausketten - aus ökonomischer Sicht mit Erfolg: 1984 konsumierten die Japaner pro Kopf noch 1,3 Kilogramm Schokolade im Jahr, heute sind es zwei Kilo (zum Vergleich: die Deutschen verputzen 7,9 Kilo).

Schokolade sei Geldmacherei

Umfragen zufolge verschenken heute weniger Frauen ihren Arbeitskollegen "Giri"-Schoko als noch vor einigen Jahren. Seit 2006 gibt es sogar eine jährliche Demo dagegen. Begleitet von Polizisten sind am vergangenen Samstag acht Leute mit einem Banner durch den Unterhaltungsbezirk Shibuya gezogen: "Pulverisiert den Valentinstag".

Im Vorjahr war es etwas weniger kalt, da marschierten sogar 16 Menschen hinter dem gleichen Banner her. Die Gruppe nennt sich "die revolutionäre Allianz unpopulärer Männer". Ihre Website ist ziemlich ironisch, sie fordert die "Solidarität der Nicht-Motivierten", damit "auch Menschen ohne Motivation eine lichte Zukunft haben". Die "Giri-Schoko" sei reine Geldmacherei. "Die Liebe sollte den Kapitalismus zerschlagen."

Einige japanische Websites und in der Folge auch die Auslandspresse blasen das zu einer Bewegung gegen die "Giri"-Schokolade auf. Die Japaner klagen durchaus über die Verpflichtung, immer kleine Geschenke mitbringen zu müssen, um eine Freundschaft zu erhalten, die oft gar keine ist. Diese Geschenke müssen keinen Wert haben, aber schön verpackt sein. Einige Unternehmen haben das Giri-Schenken zwischen Angestellten inzwischen untersagt.

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