Massaker in Norwegen Was mache ich als Erstes, wenn jemand schießt?

Johannes Dalen Giske hat eine Therapie gemacht, die ersten 24 Monate nach Utøya waren die Hölle. Er hat sein Studium abgebrochen. Er las eine Seite aus einem Buch und konnte sich nichts merken. Er besuchte keine Konzerte mehr und mied Veranstaltungen mit zu vielen Menschen, entwickelte Notfallpläne: Was mache ich als Erstes, wenn jemand schießt?

Einmal stand vor der Uni ein Van, der aussah wie Breiviks Wagen. Alarmglocken. Manchmal ging er aus dem Haus und dachte: Wenn ich zurückkomme, liegt jemand tot in der Wohnung. Er setzte sich in ein Flugzeug und dachte: Jetzt stürzen wir ab. Giske kann sich bis heute keine Filme anschauen, in denen jemand stirbt.

Kriminalität Island-Krimi
Mysteriöse Mordfälle

Island-Krimi

1974 verschwinden zwei Männer in der Nähe von Reykjavík. Sechs junge Leute gestehen, sie hätten sie ermordet. Doch: Keiner von ihnen kann sich daran erinnern.   Von Silke Bigalke

Er sagt, dass es ihm gut geht. Besser als vielen anderen. Seit 2014 studiert er Jura. Ihm hat geholfen, dass er wusste, wer für die Tat verantwortlich war. "Ich habe keine Schuld daran. Niemand auf der Insel hat das. Wir waren dort, weil wir den Wunsch nach einer besseren Welt haben. Eine Welt, in der sich die Menschen umeinander kümmern."

Nicht nur Johannes Dalen Giske hat sich verändert, auch Utøya musste sich wandeln. Diese Insel, an der seit dem 22. Juli 2011 gezerrt und gezogen wird wie an einem Erbstück, aufgeladen mit Emotionen. Es gibt die Eltern, deren Kinder auf der Insel hingerichtet wurden. Die Politiker, die die Deutungshoheit über das mörderische Ereignis beanspruchen. Und die Nachbarn, die verhindern wollen, dass der Terror-Tourismus überhandnimmt.

Allein in der Cafeteria tötete Breivik 13 junge Menschen. Manche Eltern wünschten sich, dass das Gebäude mit den vielen Einschusslöchern verschwindet, einfach weg. Andere wollten den Ort erhalten, an dem ihre Kinder zum letzten Mal am Leben waren. Mittlerweile sind Teile der Cafeteria in einem neuen Haus integriert, halb Gedenkstätte, halb Lernzentrum. Sie nennen es Hegnhuset, Schutzhaus. Das Dach wird von 69 Holzpfeilern getragen, als Symbol für die Opfer. Um das Haus herum stehen 495 Pfeiler. Einer für jeden Überlebenden.

Johannes Dalen Giske hat die Schlüssel für einige Türen auf Utøya, auch für dieses Gebäude. Drinnen gibt es eine große Wand mit einer Rekonstruktion der Tat, Zeitstrahl, Bilder, Tweets. Das Schlimmste sind die Chat-Verläufe zwischen Eltern und ihren Kindern. Sie beginnen als Dialog und enden mit Stille. Wie bei Benedichte, einem 15-jährigen Mädchen, das seiner Mutter geschrieben hat.

17.25: Mama, es geht uns nicht gut. Wir werden mit Schusswaffen angegriffen!

Was für eine Waffe?

Ruf die Polizei an! Sie müssen hierher kommen!

Hat das noch keiner gemacht? Gibt es dort keine Erwachsenen?

Doch! Mama, ich habe Angst, getötet zu werden!!! Hilf uns!

17.46: Ich habe mit der Polizei telefoniert, ruf mich an.

17.58: Ruf mich an.

18.13: Ich habe noch mal mit der Polizei gesprochen, sie ist jeden Moment auf Utøya. Ruf mich an. Soll ich kommen?

18.53: Ruf mich an. Ich werde dich abholen.

19.04: Soll ich kommen?

19.20: Bitte, bitte ruf an. Ich muss wissen, wo du bist. Dann hole ich dich ab.

Ganz am Ende, hinter den grünen und grauen Sprechblasen, steht: Benedichte wurde gegen 18.14 Uhr getötet. Als Johannes Dalen Giske die Nachrichten aus dem Norwegischen übersetzt, hat er Tränen in den Augen. Utøya ist ein unwirklicher Ort. In der alten Cafeteria hängen Bilder von jungen Menschen, die hier getötet wurden. Am Boden liegen verwelkte Rosen, Briefe, Herzen, Engel. "In diesem Türrahmen wurde eine Freundin erschossen." Giske zeigt auf ein Foto an der Wand. Ein lächelndes Mädchen, schulterlange blonde Haare, 16.

Juli 2011: Blumen, Kerzen und Fahnen, die an die 69 Opfer des Rechtsextremisten Anders Behring Breivik erinnern.

(Foto: Joerg Carstensen/dpa)

Eine andere Freundin von Johannes Dalen Giske war auch in diesem Raum, versteckte sich hinter dem Klavier. Breivik schoss mindestens vier Mal auf sie, blutend konnte sich das Mädchen nach draußen retten. Dort halfen ihr mehrere Jugendliche, einer legte sich unter die junge Frau, damit sie warm blieb. Die anderen hielten die Wunden zu, retteten ihr Leben. Heute ist sie die Vorsitzende von AUF. Utøya ist nicht nur die Insel der Toten, sondern auch die der Lebenden, ein Ort, der sich nicht kleinkriegen lässt.