Religion in den USA:Alle Versuche, das Snake Handling zu verbieten, sind gescheitert

Lesezeit: 8 min

Morrows Kirche, die Church of God in Jesus Christ's Name, steht in Edwina, einem Dorf in Tennessee, das aus kaum mehr als einer Straßenkreuzung und ein paar schiefen Häusern besteht. Die Appalachen waren immer schon arm. Aber sie waren auch immer ein Ort voller Mysterien, wo in engen Tälern zwischen nebelverhangenen Bergen rätselhafte Dinge passieren. Auch das steht in der Bibel, in der Apostelgeschichte, Kapitel 7, Vers 38: Die Gemeinde versammelt sich in der Wildnis. "Das sind Zeichen, die uns die Schift gibt", sagt Morrow. "Und außerdem leben hier die Schlangen."

Die Menschen in den Appalachen sind eigenwillig und stur, sie mögen es nicht, wenn Sheriffs oder Richter ihnen sagen, wie sie Gott in ihren Kirchen zu feiern haben. Alle Versuche, das Snake Handling gesetzlich zu verbieten, sind deswegen gescheitert. Inzwischen ist es in den meisten Bundesstaaten, in denen es noch stattfindet, entweder als legaler religiöser Ritus anerkannt, oder es wird von den Behörden zumindest geduldet. Die Pastoren bekommen allenfalls Probleme, wenn sie gegen Tierschutzgesetze verstoßen. Oder wenn Gläubige gebissen werden und sterben, dann ermittelt die Polizei. Schätzungen zufolge gibt es noch 50 bis 120 Gemeinden in Amerika, in denen das Snake Handling praktiziert wird; zusammen haben sie vielleicht tausend oder zweitausend Mitglieder.

Bei Pastor Morrow sind es ungefähr fünfzehn Menschen, die regelmäßig in seinen Gottesdienst kommen. Morrow hatte früher in der Nähe von Edwina eine Farm, er hat das Land mit Pferden gepflügt und Mais und Tabak angebaut. Davon haben er und seine Frau Pam gelebt. Doch Morrows wahre Berufung war es, Gottes Wort zu verbreiten. Seit er klein war, habe er gewusst, dass er eines Tages eine Kirche bauen werde, sagt er. Und er wusste, dass die Schlangen dazugehören werden. "In meiner Familie haben wir das immer schon gemacht." Als er 18 war, ging Morrow zum ersten Mal in die Berge, um Schlangen zu fangen.

Schlangen Prediger

Für den Gottesdienst hat der Pastor eine Copperhead-Schlange dabei.

(Foto: Hubert Wetzel)

Morrow öffnet den Holzkasten und nimmt die Copperhead vorsichtig heraus. "Oh Jesus", murmelt er, "oh Jesus, ich glaube an Jesus, halleluja, im Namen von Jesus Christus." Er hält die Schlange mit beiden Händen, das Tier bewegt sich träge und tastet mit der Zunge in der Luft herum. So friedlich sind die Schlangen nicht immer. Morrow ist in den vergangenen Jahren drei Mal gebissen worden, in die Hände und in die Brust. "Sie sind schnell wie ein Blitz, ich habe die Bisse gar nicht gesehen", sagt er. "Und es tut sehr weh." Trotzdem sagt Morrow, dass er nie Angst habe, die Schlangen anzufassen. "Man darf keine Angst empfinden. Nur Liebe."

Wie viele von den Pastoren aus der alten Generation ist auch Morrow wegen der Bisse nicht zum Arzt gegangen. So ist der Glaube: Wenn die Schlange nicht beißt, dann ist das Gottes Wille. Wenn sie beißt, dann ist das auch Gottes Wille. Dann kann der Verletzte beten und den Herrn um Heilung bitten. Und wenn der Herr es will, dann heilt er, so wie er Jimmy Morrow drei Mal geheilt hat und Gregory Coots, der nur einen Finger verloren hat.

Doch manchmal lässt Gott den Verletzten sterben, so wie er Jamie Coots nach dem Biss der Klapperschlange sterben ließ. Das kommt in den Snake-Handling-Gemeinden immer wieder vor, manchmal sterben Pastoren, manchmal Gottesdienstbesucher, die eine Schlange in die Hände genommen haben. Insgesamt sind 90 bis 120 Todesfälle durch das Snake Handling dokumentiert. Doch die Gläubigen nehmen das mit einer fast tröstlichen Gelassenheit hin. Ein tödlicher Schlangenbiss bedeutet für sie, dass die Zeit, die Gott diesem Menschen gegeben hat, vorbei war. "Wir verlassen diese Erde nicht, bevor Gott nicht bereit für uns ist", sagt Morrow.

Drei Menschen riskieren an diesem Sonntag ihr Leben

Jeden Sonntag um eins feiert Jimmy Morrow Gottesdienst. Vorher betet er an einem großen Felsblock, der hoch oben an einer steilen Bergflanke hinter seiner Kirche liegt. Morrow hat dort das Gebüsch weggehackt, er hat die Bäume gefällt und zersägt und an dem Hang einen Friedhof angelegt. Zwei Menschen sind hier begraben, zwei langjährige Mitglieder seiner Gemeinde. Irgendwann wird auch er hier liegen. Der Stein, an dem er betet, ist sein Grabstein. Er hat sein Geburtsjahr, seinen Namen und den seiner Frau darin eingemeißelt: 1955, Jimmy Morrow, Pamela.

Der Gottesdienst dauert ungefähr eineinhalb Stunden. Nur eine Handvoll Gläubige sind an diesem Sonntagmittag gekommen, darunter Morrows Bruder und eine Familie mit zwei kleinen Kindern, etwa sechs und sieben Jahre alt. Es sind einfache Menschen, und sie feiern einen einfachen Gottesdienst: Sie beten, sie danken Gott für alles, was gut ist in ihren Leben, und sie bitten ihn um Beistand für Menschen, denen es nicht gut geht. Sie stehen reihum auf und singen einfache Lieder über die Liebe Gottes und Jesus, ihren Retter. Es gibt keine Orgel, und anders als Pastor Coots spielt Pastor Morrow auch nicht Gitarre. Bei Morrow muss Gott sich mit den Stimmen der Gläubigen begnügen, die sein Lob singen, und die sind zumindest an diesem Tag rau und schräg und nicht immer ganz im Takt. Aber das stört die Gottesdienstbesucher nicht. Sie heben die Hände, manche weinen, und ab und an stößt einer der Gläubigen einen verzückten Schrei aus. "Jesus" oder "Halleluja".

Und dann kommt der Moment, in dem - so beschreiben es die Pastoren - der Heilige Geist zu ihnen spricht und ihnen sagt, dass sie nun die Schlange in die Hände nehmen sollen. Morrow öffnet die Kiste, er nimmt die Copperhead heraus. Er balanciert das Tier auf seinen Händen und wiegt es hin und her. Die Schlange hängt zwischen seinen Fingern, während Morrow zur Gemeinde spricht: "Das ist das Wort Gottes: Sie sollen Schlangen aufheben." Manche Pastoren trinken auch Gift, Strychnin, so wie es im Markus-Evangelium steht, aber das macht Jimmy Morrow nicht. Er reicht die Schlange seiner Frau, diese gibt sie an Morrows Bruder weiter. "Als ich gebetet habe, hat jemand mich berührt", singt der Pastor mit gepresster Stimme. "Es muss die Hand des Herrn gewesen sein." Nach einigen Minuten legt Morrow die Schlange wieder in ihre Kiste. Drei Menschen haben an diesem Sonntag ihr Leben riskiert, um Gott zu zeigen, wie tief und fest ihr Glaube ist.

Gregory Coots mag nicht über seinen verstorbenen Sohn Jamie reden. Er zuckt die Schultern, wenn man ihn danach fragt, und schaut auf den Boden, dahin, wo die Kiste mit der Schlange steht. Aber Jimmy Morrow, der die Familie Coots gut kennt und bei Jamies Beerdigung gepredigt hat, sagt, dass der Tod des Sohnes den Glauben des Vaters nicht ins Wanken gebracht habe. "Das sind gute Leute", sagt er. "Sie haben am Evangelium festgehalten, auch als der Sohn gestorben ist."

Und was soll er auch herumkritteln am Willen Gottes? "Wenn es Zeit ist zu gehen", sagt Morrow, "dann ist es Zeit zu gehen."

Zur SZ-Startseite
SZ-Magazin

SZ PlusSZ-MagazinJahresrückblick
:Das große Jahresquiz 2019

Klimaproteste, der Absturz der SPD, Donald Trump und immer wieder der Brexit: Das Jahr 2019 war mal traurig, mal absurd - und oft unterhaltsam. Wir stellen 70 knifflige Fragen über die vergangenen zwölf Monate.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB