US-Studentenverbindungen:Männlich, weiß, privilegiert - und unter Druck

University of California, Los Angeles

Allein an der University of California, Los Angeles (UCLA) mit mehr als 40.000 Studenten gibt es mehrere Dutzend Studentenverbindungen.

(Foto: iStockphoto)
  • Nach einer Reihe von Skandalen wächst die Kritik an männlichen Studentenverbindungen an US-Universitäten.
  • Fraternities spielten bei mehr als 60 Campus-Todesfällen zwischen 2005 und 2013 eine Rolle.
  • Der Schauspieler und einstige Verbindungs-Patron Will Farrell hat sich den Kritikern angeschlossen.
  • Beim Treffen mit einem SZ-Reporter in Kalifornien wehrt sich der Präsident einer der größten Verbindungen des Landes gegen eine Pauschalverurteilung.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Die mit den krassen Partys

Es ist der Geruch - und dieses erlesene Gemisch aus Tanzfläche, Umkleidekabine und Eckkneipe mit herumliegenden Pappbechern und Pizzaschachteln, das nahelegt, dass hier vor nicht allzu langer Zeit eine ordentliche Party stattgefunden hat. Hier, das ist das Haus der Studentenverbindung Lambda Chi Alpha (LXA) auf dem Campus der University of California, Los Angeles (UCLA).

"Entschuldigen Sie bitte die Unordnung", sagt Präsident Maarten Deschaumes. Im Haus nebenan spielen die Bewohner Basketball, weiter die Straße runter bereiten die Mitglieder einer anderen Verbindung das nächste Fest vor. Sie tragen Party-Utensilien ins Haus, sie klatschen einander ab, hin und wieder ruft einer: "Fuck, yeah!" Oder: "Hell, yeah!" Oder: "Fuck! Hell! Yeah!"

Hier, an der Gayley Avenue von Los Angeles, wohnen die coolen Jungs dieser Universität. Die herrlich verrückten Typen mit den krassen Partys. So jedenfalls werden sie in Filmen wie "Animal House" oder "Old School" porträtiert: als gute Kumpel, die sich hin und wieder wie Höhlenmenschen benehmen, grundsätzlich aber ein Herz aus Gold haben.

"Boys will be Boys" heißt es mitunter über die Mitglieder. Jungs sind nun mal so.

Harmlose Jungs oder Verbrecher und Rassisten?

Wer die Berichte über die jüngsten Verfehlungen verfolgt hat, der kann durchaus zu dem Schluss kommen: Wenn Jungs nun mal so sind, dann sind viele Rassisten und Randalierer, Sexisten und Sich-zu-Tode-Trinker - oder gar Verbrecher.

"Natürlich bekommen wir die Berichte mit, ich sitze deswegen andauernd in Meetings", sagt Deschaumes. LXA ist die drittgrößte Studentenverbindung der USA - Deschaumes ist der einzige von 36 Verbindungs-Präsidenten an der UCLA, der zu einem Treffen bereit ist: "Ich weiß, dass alle Präsidenten derzeit sehr vorsichtig sind."

Auch Deschaumes ist vorsichtig. Natürlich kennt er die öffentliche Meinung über die Fraternities: "Ich kann Ihnen versichern, solche Sachen passieren bei uns nicht."

Gewalt, Drogen, Rassismus

Solche Sachen. Hier mal ein kleiner Auszug von dem, was in letzter Zeit so passiert ist an US-Universitäten: demolierte Hotels mit Schäden in Millionenhöhe, verletzte Party-Besucher, Facebook-Seiten mit Videos von Drogendeals und gewalttätigen Aufnahmeritualen und Bildern von bewusstlosen nackten Frauen.

Dazu Studenten, die sich auf Verbindungspartys zu Tode getrunken haben - bei mehr als 60 Todesfällen zwischen 2005 und 2013 spielten Fraternities eine Rolle.

Und natürlich dieses Video, das an der University of Oklahoma aufgenommen worden ist. Darauf sind Mitglieder der Verbindung Sigma Alpha Epsilon (SAE) zu sehen, wie sie in einem Bus singen: "Es wird niemals einen Nigger bei SAE geben. Du kannst ihn an einem Baum aufhängen, aber er wird sich nie bei uns einschreiben können."

Wie Will Ferrell zum Systemkritiker wurde

Auch deshalb wird nun das Verbindungsleben an US-Universitäten hinterfragt. Kürzlich äußerte sich der Schauspieler Will Ferrell dazu. Der war während seiner Zeit an der University of Southern California ein Mitglied von Delta Tau Delta, in "Old School" verkörpert er Frank the Tank, einen langweiligen Mittdreißiger, der angetrunken zum Partylöwen mutiert.

Ferrell sagte: "Der Vorfall in Oklahoma liefert ein veritables Argument dafür, dieses ganze System abzuschaffen." Will Ferrell spricht öffentlich über das Ende studentischer Verbindungen. Das ist, als würde Don King das Ende des Boxsports fordern.

Will Ferrell

Der Schauspieler Will Ferrell - hier in einer Filmszene - war früher selbst Mitglied einer Studentenverbindung.

(Foto: AP)

Diskretion seit dem 18. Jahrhundert

Die Verbindungen in den USA entstanden Ende des 18. Jahrhunderts aus den intellektuellen Salons an Eliteuniversitäten, ihre Mitglieder repräsentierten damals den typischen Studenten: männlich, weiß, privilegiert.

Mittlerweile gibt es mehr als 80 verschiedene Fraternities mit Ablegern an den vielen der knapp 800 Colleges. Wer aufgenommen werden möchte, der muss Prüfungen absolvieren.

Deschaumes darf nicht über die Rituale seiner Verbindung sprechen, Diskretion ist eine der wichtigsten Regeln. Er sagt nur: "Es ist eine Zeit, in der die Kandidaten über sich nachdenken können."

Diese fehlende Transparenz mag zum Mythos der Verbindungen beitragen und auf manche Menschen faszinierend wirken, doch trifft genau das den Kern der Anschuldigungen: Die Verbindungen regulieren sich selbst, die Unis haben keinen Einfluss, ihre Mitglieder halten dicht.

"Das war wie Folter"

Justin Stuart hat gesprochen. Er hatte sich 2012 beim Ableger von Sigma Alpha Epsilon an der Salisbury University beworben. Er sei mit einem Paddel geschlagen worden, habe in einem mit Eis gefüllten Mülleimer ausharren müssen, er sei neun Stunden lang im Keller ohne Essen, Trinken und Toilette eingesperrt worden. Er habe bis zur Bewusstlosigkeit saufen und sich Frauenkleider und Windeln anziehen müssen.

"Das war wie Folter, es erinnerte mich an Guantanamo Bay", sagte Stuart. Der SAE-Ableger wurde daraufhin suspendiert - die Geschichte ist damit jedoch noch nicht zu Ende.

Jungs helfen Jungs

Sigma Alpha Epsilon ist eine mächtige Studentenverbindung, die 1856 in Alabama gegründet wurde und heute an mehr als 240 Universitäten vertreten ist. Jungs helfen ihren Jungs, ein Leben lang.

J. Michael Scarborough etwa gründete den SAE-Ableger in Salisbury, mittlerweile arbeitet er erfolgreich als Finanzberater und Autor. Als er von der Suspendierung hörte, reagierte er sofort: Er zog eine geplante Zwei-Millionen-Dollar-Spende an die Universität zurück. Er verteidigte seine Fraternity.

Universitäten im Interessenkonflikt

"Wir bemerken den Interessenkonflikt der Universität", sagt Deschaumes: "Einerseits wollen sie aufgrund der negativen Berichte am liebsten keine Verbindungen mehr haben - andererseits werben sie um potenzielle Studenten auch mit dem Argument, dass es ein großartiges Verbindungsleben geben würde."

Die positiven Aspekte würden angesichts der Skandale kaum erwähnt, sagt Deschaumes: "Es geht nicht nur um Partys und Spaß!" Durch die gegenseitige Hilfe der Mitglieder sei der Notenschnitt seines Hauses deutlich besser als der Uni-Schnitt, dazu gebe es zahlreiche philanthropische Aktivitäten.

Vorteile fürs Berufsleben

Deschaumes ist im zweiten Studienjahr, er möchte später in der Finanzbranche arbeiten. Die Mitgliedschaft in einer Verbindung kann sich durchaus lohnen - nicht nur dann, wenn zwei Brüder aufeinandertreffen. Die Mitglieder von Verbindungen gelten als diszipliniert, kollegial und sozial.

Diese Eigenschaften sind durchaus gefragt bei Arbeitgebern. "Bei einem Vorstellungsgespräch kürzlich haben wir uns einen Großteil der Zeit darüber unterhalten, dass ich der Präsident der Vereinigung bin, die auf dem Campus von UCLA überaus beliebt ist", sagt Deschaumes nicht ohne Stolz.

Vielfalt à la Lambda

Wie aber soll man mit den Skandalen umgehen, die keine isolierten Einzelfälle sind? Deschaumes verteidigt seine Verbindung, belegt genau dadurch aber den Vorwurf, dass die Fraternities in der Zeit stehen geblieben sind: "Wir sind das vielfältigste Haus in der ganzen Straße." 150 Mitglieder zählt der LXA-Ableger derzeit, sieben davon sind Afroamerikaner, einer kommt aus Brasilien, einer aus der Türkei.

Im vielfältigsten Haus der Straße sind immer noch 94 Prozent der Mitglieder weiße Amerikaner.

© SZ vom 30.05.2015/kat
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