Süddeutsche Zeitung

Umwelt:"Wenn ich groß bin, wird mein Dorf vom Meer verschluckt"

Erst Hitze, dann Hagel - auch hier in Deutschland ist der Klimawandel schon spürbar. Vier Kinder, die näher dran sind, erzählen.

Protokolle: Hannah Weber

Skye, 10, Wales

"Ich lebe in Fairbourne, einem kleinen Küstendorf ein paar Hundert Meter vom Strand entfernt. Unser Haus steht auf einem Hügel - der ist für meine Familie das große Glück. Denn der Rest des Dorfes wird einer der ersten Orte sein, die in Großbritannien vom Meer verschluckt werden. Gerade wird das Dorf noch von einer dicken Ufermauer und aufgeschüttetem Kies geschützt. Aber der Meeresspiegel steigt immer weiter, und die Mauer kann nicht unendlich in die Höhe ragen. Deshalb hat die Regierung angekündigt, dass sie 20 Jahre lang helfen werden, das Dorf vor der Überflutung zu schützen, danach nicht mehr. Wenn ich groß bin, wird mein Dorf vom Meer verschluckt sein. Das macht mich wirklich traurig. Aber vor allem bin ich stinksauer: Was muss alles passieren, damit wir Menschen wirklich was verändern?"

Nomhle, 13, Südafrika

"Wenn ich im Sommer in der Küche den Wasserhahn aufdrehe, kann es passieren, dass da nichts kommt. Hier in Südafrika erleben wir durch den Klimawandel nämlich immer längere und immer stärkere Dürrephasen. Es regnet dann nicht mehr, ganze Flüsse trocknen aus. Es gibt immer mehr Waldbrände. Um Wasser zu sparen, wird dann manchmal in einigen Städten und Dörfern das Wasser für viele Stunden abgedreht. Das ist vor allem für die Menschen ein Problem, die wenig Geld haben und sich im Supermarkt kein teures Wasser aus Flaschen leisten können. Und auch die Lebensmittel werden teurer. Denn mit weniger Wasser schrumpfen auch die Ernten auf den Feldern, und die Bauern müssen ihre Preise erhöhen, um zu überleben."

Khanak, 10, Indien

"Ich lebe in einem Slum in Bhopal, einer großen Stadt in Indien. Hier leben Menschen, die nur wenig Geld haben. Durch den Klimawandel verändert sich das Wetter. Wir haben hier immer stärkere Stürme, oft mit sehr viel Regen. Das ist besonders für uns in Slums ein großes Problem, denn die meisten Hütten hier sind nicht sehr stabil. Wenn ein Sturm aufzieht, versuchen wir, unser Dach mit großen Mülltüten abzudichten, das schützt uns zumindest kurze Zeit. Weil es kein richtiges Abwassersystem gibt, kann das Wasser aber nicht von den Wegen ablaufen, und unsere Hütte läuft trotzdem schnell mit Wasser voll. Wir stapeln dann alles, was wir haben, um es vor der Nässe zu schützen. Dann schöpfen wir das Wasser mit Eimern aus dem Haus, manchmal bis zum nächsten Morgen."

Atlas, 14, Türkei

"Istanbul liegt direkt am Marmarameer. Seit einigen Wochen ist die Wasseroberfläche von einer dicken, weißgelben Schleimschicht überzogen. Der Schleim hat sich durch eine extreme Vermehrung von Plankton gebildet. Das liegt vor allem daran, dass das Meer durch den Klimawandel immer wärmer wird. Jetzt droht hier ein Massensterben. Denn der Schleim überzieht Korallen und macht das Meer für Fische und andere Tiere unbewohnbar. Das ist natürlich so schon schlimm genug, aber auch für uns Menschen ist das ein Problem. Denn hier an der Küste leben viele Menschen von der Fischerei. In einem toten Meer gibt es aber nichts zu fischen. Politiker sagen: Wir saugen den Schleim einfach ab. Aber damit bekämpfen sie ja nur die Auswirkungen des Klimawandels, nicht die Ursachen."

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Quelle:
SZ vom 03.07.2021
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