Umwelt:Verzwickt verzweigt

Lesezeit: 4 min

Bäumen in der Stadt geht es alles andere als gut. Ruth Morell kraxelt rauf und rettet, was geht. Sie erzählt von Sonnenbrand auf Buchenrinden, alten Stämmen, die eine Zahnspange haben und warum wir alle ruhig ein bisschen gießen dürfen.

Von Anna Fischhaber

Ruth Morell

Bäume können sich gegenseitig stützen und helfen. Hier hat Ruth sie zusammengebunden. „Kronensicherung“ nennt man das.

(Foto: privat)

Ruth Morell kann durch die Luft laufen. Schritt für Schritt steigt sie nach oben, wie auf einer unsichtbaren, steilen Treppe. Das hat nichts mit Zauberei zu tun, sondern mit ihrem Beruf: Ruth, 32 Jahre alt, ist Baumpflegerin. Sie klettert auf Bäume und schaut von oben, wie es Buchen, Platanen und Eichen geht: Wie sehen die Blätter aus? Gibt es Faulstellen oder Verletzungen? Muss man Äste mit der Säge kürzen?

Wer an Bäume denkt, denkt erst einmal an den Wald. Aber Ruth arbeitet meistens in der Stadt, wo es natürlich auch Bäume gibt. Die meisten Menschen verbringen sogar sehr viel mehr Zeit mit dem Ahorn vor ihrer Haustür, der inmitten von Beton, Hundekot und Abgasen wächst. Bäume in der Stadt haben es schwer, sind aber wichtig: Sie spenden Schatten, sie filtern Feinstaub, sie schützen vor Lärm und Hochwasser. Ein Baum lockert den Boden und hilft so auch den Sträuchern und Blumen in seiner Umgebung. Und er verdunstet so viel Wasser, dass er die Stadt um sich herum kühlt. Das ist auch für die Menschen wichtig, besonders im Sommer. Viele der großen Bäume gab es schon, bevor Autos erfunden wurden, heute behüten sie mit ihrem riesigen Blätterdach die Kinder, die unter ihnen Kastanien sammeln und die Vögel, die hier ihr Futter finden.

"Manchmal arbeite ich in 30 Metern Höhe", erzählt die Baumpflegerin, die dafür jede Menge Spezialausrüstung hat. Wenn sie auf einen Baum klettern will, wirft sie eine Wurfschnur über einen Ast, zieht ein Aufstiegsseil daran hoch, und steigt dann Schritt für Schritt am Seil den Baum hoch. Mit einem zweiten Seil klettert sie dann in der Krone herum. Beim Klettern am Berg dient das Seil nur zur Absicherung im Falle eines Sturzes. Beim Baumklettern ist das anders, da trägt es das Hauptgewicht, um die Äste möglichst wenig zu belasten. Ruth klettert manchmal stundenlang in Bäumen herum. Das ist sehr anstrengend und manchmal gefährlich: Wenn sich ein Baumpfleger oder eine Baumpflegerin oben in der Krone mit der Säge in die Hand schneidet, muss schon mal die Feuerwehr mit der langen Leiter kommen und eine Rettungsaktion starten. Auf Leitern wird Ruth schnell schwindlig, auf Bäumen hingegen fühlt sie sich wohl. Vielleicht, weil sie dort einen Gurt und einen Helm trägt?

Ruth Morell

Ein Helm ist wichtig. Gurt, Karabiner und Seile aber auch: Baumkletterinnen wie Ruth arbeiten manchmal in 30 Metern Höhe.

(Foto: privat)

Ruth umarmt Bäume eher selten, aber manche Menschen machen das, sie baden sozusagen im Wald, um sich zu erholen. Auch ein Baum in der Stadt kann beruhigend wirken. "Wahrscheinlich wäre ein Leben in einer Stadt ohne Bäume möglich, aber nicht lebenswert", findet Ruth.

Besonders gut geht es dem Stadtbaum aber nicht. Bei der Entscheidung, ob ein alter Baum erhalten oder eine neue Wohnung gebaut wird, gewinnt meist die Wohnung. Die Bäume, die stehen bleiben, leiden nicht nur unter den Abgasen der Autos, sondern, infolge des Klimawandels, auch unter Hitze und Trockenheit. Und unter Borkenkäfern, die unter der Rinde ihre Eier ablegen. Die Larven fressen dann die wichtigsten Schichten des Stammes, und wenn der Baum schon geschwächt ist, stirbt er früher oder später. Besonders Fichten mögen die Borkenkäfer sehr gerne. Empfindlich sind aber auch Buchen. Ihr Laub kommt spät, die Rinde ist dünn, und wenn es zu früh zu heiß wird, bekommen sie Sonnenbrand, wie wir. Bei Buchen führt das dazu, dass leichter Pilzen wachsen können und sie faulen. Wenn Ruth gerufen wird, muss sie oft entscheiden, ob ein Baum gefällt wird oder noch gerettet werden kann. Manchmal kann sie von oben den Zustand nicht beurteilen. Dann berechnet sie von unten die Bruchsicherheit. Mit einem Zugseil simuliert sie den Wind, der Baum dehnt daraufhin die Stammrandfasern. Das kann man mit Sensoren digital erfassen. Bis zum Orkan muss der Baum halten, also etwa 120 Kilometern pro Stunde Windgeschwindigkeit. Dafür ist sie verantwortlich.

Früher füllten Baumpfleger die vielen hohlen, alten Bäume, die in einer Stadt herumstehen, mit Bauschutt und stützten die Löcher mit Eisenstangen, wie ein Zahnarzt einen hohlen Zahn. Heute macht man das nicht mehr. Weil man weiß, dass Bäume sich selbst heilen können, wenn sie verletzt sind. Manchmal helfen sie sich auch gegenseitig, fast wie Freunde. Ruth bindet dann schon mal Äste von alten Platanen mit Seilen aneinander, damit sie sich gegenseitig stützen können.

Baumpflegerin Ruth Morell

Was wie eine Zahnspange aussieht, ist eine Stütze aus Eisenstangen. Früher hat man hohle Bäume so gestützt.

(Foto: privat)

Ruth wünscht sich, dass Bäume besser geschützt werden. Dafür gibt es tolle Ideen: Hinkelsteine zum Beispiel, damit Autos beim Parken nicht gegen die Bäume fahren. Als vor einer Schule ein Parkplatz für die Eltern gebaut wurde, hat Ruth eine große Linde, die im Weg stand, umpflanzen lassen. Gerade begleitet sie die Baustelle am Tübinger Bahnhof, wo der Busbahnhof umgebaut wird. Vom Dach der Haltestellen soll das Wasser bald direkt zu den Platanen und Ginkgos fließen.

Die Baumversteherin ärgert sich, wenn Menschen über Laub schimpfen oder Gartenbesitzer an ihren Bäumen einfach mal drauflos schneiden. Sie wünscht sich, dass wir unsere Bäume mehr schätzen. Dass wir morgens mit der Gießkanne kommen. 300 Liter Wasser am Tag braucht ein Baum, aber jeder Liter hilft. Wenig ist mehr als nichts, meint Ruth.

Baumpflegerin Ruth Morell

Bei einem Wettbewerb für Baumkletterinnen kraxelt Ruth in einer großen Platane. Manchmal ist Schwingen der kürzeste Weg.

(Foto: privat)

In ihrem Heimatdorf in der Nähe von Tübingen, wo sie mit ihrem Mann, drei Kindern und vielen Hühnern lebt, hat sie eine Nachbarschaftshilfe für die Robinien am Straßenrand organisiert. Die Anwohner wechseln sich jetzt beim Gießen ab. Jeder kann den Baum vor seiner Haustür gießen, findet Ruth. Damit es den Stadtbäumen bald besser geht. Denn Bäume und Menschen müssen zusammenhalten.

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