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Umgang der US-Medien mit Skandalen:Medien im "Fressrausch"

"Uns geht es heute nicht mehr wirklich darum, christliche Moralvorstellungen durchzusetzen, sondern darum, den immer größeren Hunger nach Celebrity-Geschichten zu stillen", sagt David Rosen. "Nichts finden die Leute so anziehend, wie einen Prominenten, der öffentlich weint." Der New Yorker Autor hat 2009 das Buch zum Thema geschrieben: Sex Scandal America: Politics and the Ritual of Public Shaming.

Rosen beschreibt eine auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung. Einerseits, erklärt er am Telefon, werde der Tonfall amerikanischer Medien, vor allem im Internet und Fernsehen, immer "härter und respektloser". Andererseits fielen die praktischen Folgen moralischer Verstöße immer geringer aus. Selbst ein Politiker wie Newt Gingrich habe stets weitergemacht - trotz etlicher Affären, unter anderem mit einer 23 Jahre jüngeren Angestellten des Amerikanischen Repräsentantenhauses, die heute seine Frau ist. 2012 will sich der 67-Jährige sogar um die Präsidentschaft bewerben - für die Republikaner.

Auch in Deutschland gab es schon erste Versuche, mit der amerikanischen Abart des People-Journalismus Geld zu verdienen. Der Münchner Verleger Hubert Burda, der privat sehr auf Familiensinn achten soll, brachte 2010 das Online-Portal Vipdip ("lassen keine Dreckpfütze aus") und das Klatschheft Chatter ("Angelina Jolie lebt eine einzige Lüge") auf den Markt. Beide Produkte fielen durch eine quasi recherchefreie, im Ton dafür umso rabiatere Machart auf.

Doch was in den USA massenhaft verschlungen wird, kam in Deutschland nicht an. Beide, Vipdip und Chatter, sind schon wieder Geschichte.

Anders als Anthony Weiner. Der Politiker habe durchaus noch eine Chance, glaubt Autor David Rosen. Nicht auf den Bürgermeisterposten in New York, das sei "gelaufen". Aber auf eine Wiederwahl in den Kongress. Der vorgesehene Termin dafür ist der 6. November 2012. Reichlich Zeit, sagt Rosen. Bis dahin würden sich TMZ und die anderen "Fressrausch"-Medien, wie er sie nennt, längst neuen Opfern zugewandt haben.

Wer will, kann eine solche Prognose tröstlich finden. Für den Betroffenen bedeutet sie allerdings nicht weniger als den Verlust der persönlichen Würde für den Erhalt der öffentlichen Rolle. Menschen wie Weiner können ihre privaten Affären und Affärchen überstehen - wenn sie bereit sind, sich öffentlich erniedrigen zu lassen. Und das nicht, um daran mitzuwirken, eine irgendwie noch gültige christliche Moral zu stärken. Sondern als Futter. Als Würstchen, in das jeder mal ungefragt beißen darf.