24. Februar, Tag 1
Jeder hat doch einen Lieblingstag. Für mich war es immer der Donnerstag: Da habe ich nicht lang Schule, das Wochenende steht vor der Tür, irgendwie gut. Heute ist wieder Donnerstag. Seit heute hasse ich den Donnerstag. Als mich meine Mutter weckt, ist es noch dunkel draußen. Ich stehe immer früh auf. Alles ganz normal. Als ich meine Schulsachen anziehe, fragt mich meine Mutter, wohin ich damit will. "Zieh das hier an. Es ist kalt im Keller." Erst jetzt werde ich wirklich wach. Erst jetzt sickert der Satz durch, mit dem mich meine Mutter vor ein paar Minuten geweckt hat: "Aufwachen, Explosionen." Statt zu frühstücken, sehen meine Familie - meine Mutter und Großmutter und ich - im Keller die Nachrichten. Ich mache mir Sorgen um die Schule. Gehen wir heute hin? Wie eine Antwort hören wir um kurz nach acht eine laute Explosion. Nein. Den ganzen Tag über bin ich verwirrt. Putin spricht von irgendeiner Militäroperation, die Dinge besser machen würde. Wir hören schwere Explosionen. Strategische Ziele? Am Ende ist alles betroffen und jeder! Der Abend ist schlimm. Je dunkler, desto wahrscheinlicher wird es, beschossen zu werden.
25. Februar, Tag 2
Ich bin mit dem Kopf noch nicht im Krieg angekommen. Ich spüre weder Hunger noch Durst. Ich telefoniere mit meinem Bruder in Kiew. Bei ihm ist alles ruhig.
Meine Klassenkameradin erzählt mir, dass sie jetzt Angst hat, aus dem Fenster zu schauen. Bei mir ist es die Dunkelheit. Seit Krieg herrscht, müssen die Lichter in allen Häusern und Straßen ausgeschaltet werden. So haben es die feindlichen Truppen schwerer, die Stadt zu treffen. Nachts herrscht jetzt totale Dunkelheit. Ich hatte nie Angst davor. Jetzt schon.
26. Februar, Tag 3
Meine Mutter und ich gehen einkaufen. Wir müssen weit gehen. Viele Läden haben zu. Auch die offenen Geschäfte sind oft leer. Wir laufen von Laden zu Laden. In einer Warteschlange meint ein Großvater zu seiner Enkelin, es sei nicht weit weg vom dritten Weltkrieg. Die Enkelin, noch sehr jung, versteht nichts und bettelt um Süßigkeiten.
28. Februar, Tag 5
Gestern Abend habe ich stundenlang mit meinem Bruder in Kiew gesprochen. Er lebt jetzt auf seinem Tiefgaragenplatz. "Der hält ein Gewicht von 63 Tonnen aus", meint er. Er sagt auch jeden Tag, dass es bald vorbei sein wird, dass alles gut wird. Ich bin wirklich erstaunt, wie er es schafft, mich so zu beruhigen. Er selbst klingt auch so optimistisch. Und das, obwohl ich doch alle zehn Minuten irgendwelche Explosionen durchs Telefon höre, bei ihm ganz in der Nähe.
Ich bin es leid, Nachrichten zu hören. Ja, es gibt Unterstützung aus der Welt. Das ist schön, aber ich bin müde. Sehr müde. Ich hasse diesen glatzköpfigen Mann im Anzug. Ich verdiene keinen Krieg, nicht noch einen, niemand verdient das. Aber er will es so.
1. März, Tag 6
Es ist Frühling. Und fühlt sich doch überhaupt nicht so an. Ein Freund aus Moskau ruft an. Ich solle den Kopf nicht hängen lassen, sagt er. "Alles wird gut." Er mache sich Sorgen über den Wechselkurs des Rubel. Irgendwann sagt er: "Sie schießen doch nur auf militärische Ziele." Erst versuche ich ihm, ruhig zu erklären, was hier wirklich passiert. Am Ende schreien wir uns an. Letztlich ist es so: Er hat Angst um den Rubel, ich um mein Leben.
2. März, Tag 7
Ich habe aufgehört, Nachrichten zu schauen. Ich will jetzt so tun, als wäre alles in Ordnung. Einfach, um weiterzuleben. Ich will Musik machen und ein Album aufnehmen - zusammen mit anderen Mädchen aus meiner Stadt. In den Songs wollen wir erzählen, was uns passiert ist, in unseren 14 bis 16 Lebensjahren.

