bedeckt München 14°
vgwortpixel

Übergewicht in den USA:Macht Armut dick - oder Übergewicht arm?

Aber sieht denn nicht jeder, dass die Menschen in den westlichen Ländern, vor allem aber in den USA, immer dicker werden? "Das täuscht", meint Rothblum. "Die Menschen leben länger, und Ältere sind eben dicker. Außerdem lebten in den USA heute mehr Osteuropäer und Latinos, und die seien eben gedrungener als die Menschen aus Mitteleuropa. Die dicksten Menschen der Welt wohnen auf einigen kleinen Inseln im Pazifik. Doch das interessiert keinen."

Während die Schlankheitsindustrie ihren Kunden die Werkzeuge verkauft, mit denen diese aus dem Rohmaterial Körper das wahre, freie Ich meißeln sollen, während Gesundheitsfunktionäre Milieu, Lebensstile und Kühlschränke der Fetten durchsuchen, um die Ursachen und Schuldigen an der gefährlichen Fettseuche zu finden, drehen die Fat-Pride-Aktivisten den Spieß um: Dick ist der Dicke nicht geworden, er ist es einfach. Und es ist nicht sein Körper, der leidet, sondern seine Seele - unter der Diskriminierung.

Ein realer Schmerz

Für die Dicken muss es ungeheuer befreiend sein, zu hören, dass die vielen Pfunde, die sie mit sich herumtragen, einfach okay sind und nicht Zeichen einer Beschädigung, die sie möglicherweise selbst zu verantworten haben, ganz sicher aber selbst reparieren müssen. Und der Schmerz, den die Diskriminierung verursacht, ist ohne Frage sehr real.

Keinen Platz hat in diesem Denkschema allerdings die Tatsache, dass es natürlich sehr wohl äußere Faktoren gibt, die den Körper dicker oder dünner werden lassen, ob mit oder ohne Zutun seiner Besitzer. Der elementarste dieser Faktoren ist die Armut. In New York etwa wohnen die dünnsten Menschen in den reichsten Vierteln von Manhattan und die dicksten in den ärmsten Vierteln der Bronx. Arme essen Fast Food, bewegen sich weniger, wissen weniger über gute Ernährung - und werden deshalb fett.

Für die Autoren des Fat Reader ist es hingegen umgekehrt: Die Fetten ziehen in die armen Gegenden, weil sie keine Jobs und keine erfolgreichen Ehepartner finden. Und weil sie arm sind, werden sie schließlich krank.

Dass es - wie in Precious - oft Essstörungen sind, die zu der Fettleibigkeit führen, hat in dieser Konstruktion ebenso wenig Platz wie die Praktiken der amerikanischen Nahrungsmittel- und Agrarindustrie, die in Büchern wie "Fast Food Nation" oder Filmen wie "Supersize Me" und "Food Inc." seit Jahren angeprangert werden.

"Natürlich halte ich wenig von Junk Food", meint Esther Rothblum, "aber ich sehe genauso viele Dünne, die es essen." Würde sie zugeben, dass es das Essen ist, das die Dicken dick macht, wären diese ja Opfer und Mitverantwortliche. Das wiederum passt nicht so ganz in ihr Weltbild.