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Übergewicht bei Kindern:Rund und ungesund

Europäische Adipositas-Tag

Brüste, wo (noch) keine sein dürften: Mehr als eine Million Kinder in Deutschland sind übergewichtig.

(Foto: dpa)

Eine Mutter beschreibt, wie sie ihre übergewichtige Tochter auf Zwangsdiät setzt. Für viele ist dieses Buch ein Skandal. Für Deutschland muss es ein Signal sein: 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche sind hierzulande zu dick - die Debatte darüber ist überfällig.

Zu ihrer Vollkommenheit gelangt eine Erniedrigung ja erst, wenn sie vor Publikum vorgetragen wird. In einem Café zum Beispiel, an einer vollbesetzten Essenstafel oder - Gleichaltrige eignen sich besonders gut als Statisten der Demütigung - auf einem Kindergeburtstag.

"Bea, was machst du denn da?!", schreit die Mutter ins Partygetümmel, laut genug, um den Kinderlärm zu übertönen. Laut genug also, damit alle Eltern und Kinder mitbekommen, dass sich das kleine dicke Mädchen gerade an den Keksteller heranpirschen wollte und dabei von der Mutter ertappt worden ist. Wie dieses verfressene Kind daraufhin zur Sau gemacht wird und wie die Mutter ihm vorrechnet, wie viel Torte es an diesem Tag schon gehabt hat.

Eine Szene, in der die Erniedrigung zur Vollendung gelangt - Kinder, zumal die dicken, sind ja ohnehin leichte Opfer.

Eine Siebenjährige auf Zwangs-Diät

Man kann ihnen zum Beispiel, wie Beas Mutter, im Coffeeshop vor aller Augen den Kakaobecher aus der Hand reißen und in hohem Bogen in den Müll werfen. Man kann mit ihnen an einem vollbesetzten Tisch eine Diskussion über den nicht genehmigten Nachschlag führen, auch wenn sich das anfühlt, "als wären Scheinwerfer auf uns gerichtet". Man kann sie auch mal ohne Abendbrot ins Bett schicken, weil sie tagsüber zu feste reingehauen haben.

Darüber hat die New Yorkerin Dara-Lynn Weiss ein Buch geschrieben, das am 15. Juni bei Eden Books erscheint: "Wonneproppen", heißt es, das klingt knuddelig, nach flauschigen Tierbabys. Der Originaltitel ist da schon deutlicher: "The Heavy. A Mother, a Daughter, a Diet". - "The Heavy", erklärt Weiss, ist im Doppelsinn gemeint: "Man kann es auf die schweren Kinder beziehen, aber auch auf die harten Eltern." Im Buch beschreibt sie auf 240 Seiten, wie sie ihre siebenjährige adipöse Tochter Bea auf eine Zwangs-Diät setzt.

Als Bea nach einem Jahr acht Kilo abgenommen hat, stellt Weiss zwar fest: "Sie hatte nicht mehr das Gefühl körperlicher Unversehrtheit wie andere Kinder ihres Alters." Dennoch ist die Mutter zufrieden. So zufrieden, dass sie die Geschichte veröffentlicht: Zuerst, im April 2012, in der amerikanischen Vogue. Zum Artikel werden Hochglanzfotos der verschlankten Tochter in Designerkleidern abgedruckt. Ein Kind wie eine Puppe, im Arm einer attraktiven, schlanken Frau: Dara-Lynn Weiss. Wenige Monate später erscheint "The Heavy".

Der Aufschrei war gewaltig in den USA. Im feministischen Blog Jezebel.com brachte die Bloggerin Katie Baker die Stimmung auf den Punkt, als sie Weiss "eine der selbstsüchtigsten Frauen aller Zeiten" nannte. Im Internetmagazin Salon hieß es, das Verhalten der Mutter sei "verwerflich, verachtenswert, abscheulich". In der Huffington Post wandte sich selbst die Ärztin, die das von Weiss angesetzte Diätprogramm entwickelt hat, öffentlich gegen die "emotionale Bedrängung" der Tochter.

Es sind nur noch wenige Tage, bis "Wonneproppen" in Deutschland erscheint, und schon jetzt kann als sicher gelten: Auch hierzulande wird es Ärger geben. Vor zwei Jahren erst sorgte die "Tiger Mom" Amy Chua für aufgeregte Diskussionen, als sie in ihrem Buch "Die Mutter des Erfolgs" länglich erklärte, wie man kleine Mädchen mit drakonischer Härte zu Wunderkindern drillt.

Wertvolle Debatte

Brauchen Eltern jetzt wirklich das nächste Wehe-wenn-du-nicht-Buch, in dem eine "Diet Mom" schildert, wie sie ihre eigenen Gewichtskomplexe an ihrer Tochter aufarbeitet, die sie mit feldwebelhafter Disziplin auf Idealmaß trimmt?

Man kann von Dara-Lynn Weiss halten, was man will. Man kann über ihre Motive den Kopf schütteln, ihre Methoden verwerflich finden; man muss an das unsägliche Vogue-Shooting gar keinen weiteren Gedanken verschwenden. Aber die Antwort lautet: Ja. Wir brauchen ihr Buch.

Wir brauchen die Debatte darüber, wie unsere Gesellschaft zu einem weniger ratlosen Umgang mit übergewichtigen Kindern finden kann, die sie sehenden Auges hervorbringt. Wir müssen uns eingestehen, dass der Widerwille gegenüber der Diet Mom ein tiefer liegendes Unbehagen verbirgt: unsere Unbeholfenheit gegenüber dicken Kindern. Unsere Unfähigkeit, Regeln durchzusetzen, unverantwortlich selten. Dara-Lynn Weiss wiederum hat sie zu oft durchgesetzt und unverantwortlich öffentlich. Aber die Debatte, die sie damit anstößt, ist wertvoll.

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