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Überflüssige Kleidung:Angst vor Plagiaten

Es sind aber nicht nur Massenmodeketten, die unverkaufte Kleidung zerstören. Seit Jahren hält sich mit erstaunlicher Hartnäckigkeit das Gerücht, das französische Luxushaus Chanel ließe nicht verkaufte Handtaschen nach einem Jahr verbrennen - aus Angst vor Plagiaten. Bestätigt wurde dies von offizieller Seite nie. Auch eine Anfrage in Paris für diesen Text blieb unbeantwortet.

Der Faktor, der die Entsorgung fast neuer Kleidung intern rechtfertigt, ist die Produktionsmenge. Das Konzept der High-street-Labels beruht auf der Idee, ständig neue, aktuelle Trends auf den Markt zu bringen. Entsprechend hoch sind die Produktionszahlen. Genaue Angaben über den Umfang geben weder Zara noch H&M bekannt, die Zahl lässt sich aber erahnen: In einer Zara-Filiale hängen etwa 10 000 Entwürfe pro Kalenderjahr, multipliziert mit der Herstellungsmenge für den Bedarf von mehr als 1000 Filialen. Nicht unwahrscheinlich, dass diese Zahl mit einem gewissen Überschuss kalkuliert wird, und dass die Kleider, Accessoires und Schuhe, die am Ende übrigbleiben, nicht nur für wohltätige Zwecke gespendet werden.

Viele Unternehmen fürchten auch, dass gespendete Kleidung auf dem Schwarzmarkt verkauft wird. Mary Lanning, Vorsitzende der "Clothing Bank", einer Wohltätigkeitsorganisation in New York, hat dagegen eine Methode entwickelt: "Wir machen die Logos unkenntlich. Das beeinträchtigt die Tragbarkeit der Kleidung nicht, macht die Teile für den Schwarzmarkt aber wertlos."

Kleinere Modelabels haben kein Problem mit überschüssiger Ware: Hier fällt sie erst gar nicht an. Einkäufer von Boutiquen machen ihre Bestellungen in den Showrooms während der Präsentationen anhand der Musterkollektion. Zu diesem Zeitpunkt ist die Produktion noch nicht in Serie gegangen, fertiggestellt werden nur die bestellten Stücke. Unverkaufte Einzelteile bleiben so meistens in der Verantwortung der Großhandelskäufer.

Nelly Hemmann, Pressesprecherin der Berliner Galeries Lafayette, erklärt: "Es gibt die Retourmöglichkeit bei einigen Marken. Ab einem bestimmten Datum haben wir die Möglichkeit, die Ware frei zu reduzieren." Bleiben kleinere bis mittelgroße Modemarken selbst auf Einzelstücken sitzen, werden diese entweder in speziellen Sample-Sales für Mitarbeiter verkauft - oder unkenntlich gemacht und weiterverwendet oder verschenkt.

Eine andere beliebte Option ist seit jeher das Outlet, der Discounter für Saisonware und beschädigte Einzelstücke. Immer mehr Modehäuser haben ihre eigene Schnäppchenläden - wie im Ingolstadt Village -, oder verkaufen ihre Restbestände in Outlets wie Schustermann & Borenstein. Natalie Massenet, Chefin des Online-Nobelkaufhauses Net-a-porter, betreibt seit einiger Zeit den Internetshop Theoutnet.com, "the most fashionable designer outlet": Die dort feilgebotene Prêt-à-Porter-Mode stammt aus der letzten oder vorletzten Saison - und ist mitunter um bis zu 70 Prozent reduziert. Ob und unter welchen Umständen unverkaufte Stücke hier irgendwann im Müll landen, bleibt offen.

Es gibt aber auch Marken, die sich schwer von Altem trennen können. Im Prada-Outlet in Montevarchi, Toskana, darf der Besucher rätseln, aus welchen dunklen Jahren des Modehauses die angebotenen Artikel stammen. Jedenfalls nicht aus den letzten zehn Saisons.

© SZ vom 23.07.2011/vs

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