Udo Jürgens Flott in Frottee

Dittsche trägt ihn, Hugh Hefner empfängt darin Partyhäschen - aber nur an einem Mann wirkt der Bademantel weder schlampig noch schmierig: Und das ist Udo Jürgens.

Von Birgit Lutz-Temsch

Der Mann gibt alles, restlos alles. Für den Fan, für die Musik, für die Kunst. Er singt und spielt, er kämpft und schwitzt, und irgendwann ist er am Ende. Alle Menschen im Saal liegen ihm zu Füßen. Und dann kommt er noch einmal, ein letztes Mal, in einem weißen Bademantel. Der große Entertainer, ein Mann, dem Frauen von 25 bis 85 Teddys auf die Bühne werfen.

Ein Entertainer der alten Schule - Udo Jürgens, ganz in Weiß.

(Foto: Foto: Getty)

Die Tradition des weißen Bademantels entstand bei Jürgens' erstem Konzert, als er schon im Bademantel in seiner Garderobe saß und seine Gäste weiter nach einer Zugabe verlangten. Kurzentschlossen ging er in dem weißen Frotteemantel auf die Bühne, die Fans jubelten, er klimperte ein paar Lieder, eine Legende war geboren.

Jürgens ist ein Entertainer der alten Schule, ein Künstler, der auf der Bühne vollkommen aufgeht in seiner Kunst und doch immer die Contenance bewahrt. Könnte man sich Udo Jürgens zum Beispiel vorstellen, wie er vor seinen Fans mit geschlossenen Augen und zuckendem Mund auf den Rücken fällt und doch immer weiter und weiter spielt? So wie das Angus Young von ACDC mit seiner Gitarre des Öfteren in seiner Verzückung passiert? Wohl kaum.

Ein Musiker tut, was ein Musiker tun muss

Young ist ein Rock 'n' Roller, und er tut, was ein Rock 'n' Roller tun muss: Er rockt. Die Accessoires eines Rock 'n' Rollers sind animalischer Schweiß, fliegende Bier-Pappbecher und Klamotten, die im Tourbus gerade herumlagen. Ein Rock 'n' Roller trüge nie einen Bademantel und ist generell so hart, dass er sich seinen Schweiß auch mit Schleifpapier vom Körper kratzen könnte.

Udo Jürgens ist ein Entertainer, und er tut, was ein Entertainer tun muss: Er unterhält. Auch er schwitzt, weil Bühnenarbeit nun mal anstrengend ist, aber Jürgens transpiriert mit Stil. Anstelle der Bierbecher fliegen bei ihm Rosen auf die Bühne und seine Garderobe ist faltenfrei.

Flott in Frottee

Der Bademantel ist hier kein Bruch, weil es ein weißer, dicker Frotteebademantel ist. Man stelle sich Udo Jürgens in einer verwanzten, karierten Dittsche-Kutte vor! Udo Jürgens ist kein Mann für einen Stehimbiss, das signalisiert dieses porentief reine Strahlendweiß. Denn unweigerlich erinnert das weiße Flauscheteil an teure Hotelzimmer mit dicken Teppichen, in denen der Grandseigneur des Sahne-Schlagers zu logieren geruht. Der Bademantel rundet damit das Bild des eleganten Herrn von Welt ab.

Und weil ein Bademantel keine Straßenkleidung ist und deshalb auf den ersten Blick Privatheit signalisiert, nimmt Jürgens seine Fans im Moment des Zuknotens des Mantelgürtels mit in seine Welt. Für ein paar Lieder sind sie, auch wenn sie zu Tausenden vor ihm stehen, zu Gast in seiner Suite, in der der Meister nun noch eine Privataudienz gibt.

Udo Jürgens' mit großem Bedacht gewählte Garderobe färbt anderseits auch auf seine Kunst ab: Texte wie: "Ein Tag wie jeder, ich träum von Liebe, doch eben nur ein Traum - aha aha. Menschen wohin ich schau, Großstadtgetriebe, Und auf einmal sah ich sie, sie ..." bekommen, vorgetragen in Smoking oder Frotteebademantel, eine andere Tragweite, als würden sie in Stretchjeans und Turnschuhen geträllert.

Charmant statt schmierig

Jürgens gelingt es dabei außerdem, niemals schmierig zu wirken. Das unterscheidet ihn von einem anderen prominenten Bademantel-Träger: Wenn sich Playboy-Gründer Hugh Hefner auf seinen Parties einen Bademantel überwirft und auf die Lehnen des seinem Alter angemessenen Ohrensessels großbusige Häschen drapiert, kommen auf den Betrachter zweierlei Bildbotschaften zu: Einerseits wird der Bademantel in Hefners Alter oft als bequemes Kleidungsstück auf der Urologie-Station verwendet.

Andererseits sprudelt im Hintergrund dieser Aufnahmen meist noch irgendwo ein Whirlpool, was als Schauplatz der Szene einen mittelklassigen Swingerklub suggeriert. Die ankommende Botschaft ist damit weder im einen noch im anderen Fall blütenweiß und faltenfrei. Der Grund: Dem Protagonisten fehlt es schlicht an Stil.

Einem Stil, so unantastbar, dass über ihn nur ein Gesamtkunstwerk wie Udo Jürgens verfügt. Denn er trägt den Bademantel am Flügel - einem Gegenstand, der dem Bild die Botschaft von Bildung und Kunst eincodiert. Der Bademantel ist hier nicht ein schnell ausziehbares Kleidungsstück wie bei Hefner, das dem Betrachter signalisieren soll, dass die Häschen nicht nur zur Dekoration auf der Lehne sitzen.

Bei Jürgens ist der Bademantel dagegen das Signal, dass der Künstler alles gegeben hat und immer noch gibt. Kein abstoßendes Protzen, sondern das überaus elegante und persönlich anmutende Ende eines gepflegten Konzertabends - eines Abends mit einem Gentleman.

Udo Jürgens

Ein Gentleman-Bademeister