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Typologie der Tinder-Nutzer:Weltenbummler, Möbelpacker, Outdoor-Freaks

Der Weltenbummler

Myanmar? War der Weltenbummler schon lange, bevor es dort überhaupt Tourismus gab. Die Taklamakan-Wüste hat er mit dem Fahrrad durchquert, den Baikalsee beim Eiswandern und halb China als blinder Passagier auf einem Güterzug. Dabei hatte er zum Glück immer noch Gelegenheit für Selfies. Seinen Reisepass trägt der Weltenbummler grundsätzlich immer bei sich. Unter seinem Profilbild, auf dem er sich entweder als moderner Indiana Jones oder verwegener Einsiedler inszeniert, steht: "Travel and culture".

Tinder Wisch und weg
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Dating-App "Tinder"

Wisch und weg

Schöne Augen? Ja. Hässliches Tattoo? Die Nächste, bitte. Tinder ist die oberflächlichste Dating-App der Welt. Unser Autor zieht nach drei Monaten und 38 Date-Vorschlägen Bilanz.

Jedes Wochenende findet man ihn an Orten, die Jahre später als Geheimtipps in Reiseführern zu finden sind. Ein Wochenende auf der Couch? Ist ihm zu provinziell. Oder gar eine Pauschalreise? Der Weltenbummler wird angesichts so viel Banausentums nur entsetzt die Augen verdrehen - und sich schon längst wieder allein durch den Dschungel von Borneo kämpfen.

Der Nacktmull

Er zeigt gerne wenig Haut. Nämlich nur die rund 60 Zentimeter zwischen Halsansatz und beginnender Scham. Der Bereich ist meist muskulös, gebräunt und haarlos. Gut, unten ringeln sich manchmal ein paar Locken ins Bild, aber hey, Sixpack-Selfies sind auch eine anspruchsvolle Angelegenheit. Es gilt die Muskeln anzuspannen, im Spiegel kritisch die eigene Performance zu beobachten, den Auslöser zu drücken - und sich dabei stets der hypnotisierenden Bewunderung für den eigenen Körper zu erwehren. Daran kann man schon mal scheitern.

Was er hier sucht? Aufmerksamkeit. Für eine Frau hat er ohnehin keine Zeit. So ein Body kostet schließlich Zeit, Schweiß und Selbstbräuner.

Der Möbelpacker

Der Möbelpacker trägt Tattoos am Oberarm und auf dem Rücken, ist kräftig, ohne ein Muskelprotz zu sein und - man muss das so sagen - ist einfach nur hot. Die Tinder-Userin kann sich mit ihm vielleicht nicht über den Machtbegriff bei Hannah Arendt oder den neuesten Roman von Jonathan Franzen unterhalten, aber wer will das schon beim ersten Date?

Der Möbelpacker, der machmal auch ein Paketzusteller ist oder an der Autowaschanlage arbeitet, ist derjenige, der das Prinzip von Tinder am ehrlichsten verkörpert. Es geht um Flirts, sexuelle Anziehungskraft und darum, ob ich nach einem 0,6-Sekunden-Blick auf das Profilbild nach links oder nach rechts wische. Der Möbelpacker weiß das und er gibt nicht vor, etwas anderes zu sein, als das, was er ist. Er braucht kein dickes Auto oder niedliches Haustier, vor dem er posiert. Er ist ein einfacher Junge, der nebenbei umwerfend aussieht.

Die Outdoor-Freaks

Die Kitesurferin beim Salto im Gegenlicht, das Siegerlächeln auf dem Gipfel des Watzmann, eine langgezogene Kurve auf dem Snowboard im Pulverschnee. Wer sich durch die Profile klickt, hat schnell den Eindruck: Ziemlich viele Tinder-Frauen sind Extremsportlerinnen.

Sie füllen jede freie Minute ihrer Zeit mit Bewegung und lieben es, sonntagmorgens um halb acht "in die Berge" zu fahren, am liebsten mit dem Mountainbike. Bis 13 Uhr ausschlafen und dann gemütlich zum Brunch gehen? Ist ihnen ein Graus.

Der auf der Couch lümmelnde männliche Tinder-User findet die Frau, die er da sieht, ja eigentlich ganz hübsch. Sie hat ein Surfbrett unter dem Arm, im Hintergrund ist, leicht in der Unschärfe, der tobende Atlantik bei Lacanau-Océan zu erkennen. Fast ist er versucht, auf das Herz zu klicken. Doch dann zögert er. Er, der im Fitness-Studio einmal pro Woche halbgar Übungen macht und ansonsten höchstens mal joggen geht, fürchtet nun, er könne der gemeinsamen Alpenüberquerung nicht gewachsen sein - und sein Finger rutscht auf das X.

Die, die eigentlich gar nicht da ist

"Eigentlich ist Tinder ja totaler Quatsch. Bald bin ich da weg. Will das ja nur mal ausprobieren, so zum Spaß. Und überhaupt suche ich ja nur nette Leute zum Reden." Menschen, die solche Sätze sagen, oder sogar in ihr Profil schreiben, kokettieren damit, dass sie eine Dating-App nicht nötig haben. Aber insgeheim ärgern sie sich dann doch, wenn sie selbst nur acht "Matches" vorweisen können und die beste Freundin schon 23. Da wird dann doch das peinliche Foto vom letzten Betriebsausflug ausgetauscht gegen ein Selfie im dunkelgrünen Cocktailkleid.

Wir finden: Ein bisschen Ego polieren und den Marktwert testen, ist vollkommen okay. Und wir haben Tinder natürlich auch nur aus journalistischem Interesse getestet und melden uns spätestens übermorgen wieder ab. Echt.