Treue in der Partnerschaft:Frauen und Männer sind gleich untreu

Krüger: Diese Meinung stammt aus einer Zeit, in der Frauen noch nicht wagten, sich zu ihrer Sexualität zu bekennen, weil sie um ihr Image fürchteten. Heute wissen wir, dass Frauen und Männer zu gleichen Teilen fremdgehen.

sueddeutsche.de: Der Golfprofi Tiger Woods wurde in einer Entzugsklinik wegen seiner sogenannten Sexsucht behandelt. Wollen Sie wirklich darauf bestehen, dass eine derart ausgeprägte Libido rein psychisch bedingt ist? Könnte doch sein, dass manche diesen Drang befriedigen müssen, um sich ausgeglichen zu fühlen!

Krüger: Das streite ich auch nicht ab. Allerdings liegt dem - wie bei jeder Sucht - eine seelische Störung zugrunde, ähnlich dem Alkoholismus oder einer Essstörung. Wir verharmlosen das Problem, wenn wir es als körperlich oder biologisch betrachten. Entscheidend ist hier nicht die ausgeprägte Libido, sondern ein Mangel an innerer Stabilität, den man durch Sex kompensiert. So eine Sucht basiert auf der Illusion, man könne damit die Risse der Seele füllen.

sueddeutsche.de: Sie sagen, Fremdgehen basiert auf der Sehnsucht nach Akzeptanz und Bewunderung. Wie kann ich mit diesem Defizit umgehen, ohne mich dem Nächsten an den Hals zu werfen?

Krüger: Natürlich fühlt man sich geschmeichelt, wenn man einen Menschen für sich gewinnen kann. Man bekommt fast immer mehr Anerkennung als in einer Ehe - dieser Aspekt ist oft wichtiger als guter Sex. Um diesem Defizit etwas entgegenzusetzen, sollten sich die Partner ihre positiven Eigenschaften vor Augen führen, statt sich nur an ihren Fehlern zu reiben. Es heißt, dass wir den Partner fünf Mal loben müssen, um ihn ein Mal kritisieren zu dürfen. Sonst kippt die Beziehung, der andere zieht sich zurück - und ist offen für Charme-Offensiven.

sueddeutsche.de: Anerkennung - schön und gut. Aber was ist mit der erotischen Anziehungskraft in einer Beziehung? Die ist ja nicht unbegrenzt haltbar.

Normalerweise will man Sexualität mit der Person erleben, die man liebt. Natürlich nimmt dann die sexuelle Bindung im Laufe der Jahre ab. Doch wenn sie völlig versiegt, ist das fast immer die Folge eines gemeinsamen Rückzugs. Man ist voneinander enttäuscht, redet nicht mehr über alles, verletzt sich - und zieht sich dann auch körperlich zurück.

sueddeutsche.de: Untreue ist also mit einer glücklichen Beziehung nicht zu vereinbaren?

Krüger: Wer auf Dauer fremdgeht, wird damit nicht glücklich. Er verliert die sozialen Wurzeln, er weiß, dass er sowohl die Partnerin als auch die Geliebte enttäuscht. Er muss überall lügen, und letztlich ist er nirgends zu Hause.

sueddeutsche.de: Herr Dr. Krüger, zum Schluss die Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit der Treue?

Krüger: Ich war immer treu und verlässlich. Natürliche kenne ich Phantasien gegenüber anderen Frauen. Aber wenn diese stark waren, nahm ich dies als Hinweis dafür, dass in meiner Beziehung etwas nicht stimmt, dass ich sie verbessern muss.

sueddeutsche.de: Klingt sehr konsequent. Würden Sie Ihren Partner dann lieber verlassen, bevor Sie ihn betrügen?

Krüger: Ich habe mich einmal getrennt, weil ich keinen Seitensprung begehen wollte. Ich glaube an die Möglichkeit der Liebe und ich liebe klare Verhältnisse - deshalb lebe ich momentan als Single.

sueddeutsche.de: Dann gibt es also auch alleinstehende Paartherapeuten - wie beruhigend.

Krüger: Ich sehe das keineswegs als Scheitern. Im Bereich Liebe kochen eben alle nur mit Wasser.

© sueddeutsche.de//bgr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB