Süddeutsche Zeitung

Trennung im Alter:Warum jetzt erst?

Mehr als 40 Jahre Ehe, und jetzt das: Trennung statt Goldener Hochzeit. Hätten Thomas und Thea Gottschalk die letzten Meter nicht noch durchhalten können?

Die am häufigsten geäußerte Reaktion auf die Trennung der Gottschalks gleicht einem Reflex: "Warum jetzt?" Nach fast 50 Jahren Beziehung, mehr als 40 Jahren Ehe! Doch das Leben schert sich nicht um einen geeigneten Zeitpunkt: Das Datum, als die verheerenden Waldbrände die Villa der Gottschalks in Schutt und Asche legten, fiel auf ihren 42. Hochzeitstag. Nichts ist mehr übrig von dem holzverkleideten Treppenhaus, durch das einst die Kinder tobten, auch nicht das von Rilke handgeschriebene Gedicht "Der Panther", das darin hing.

Von dem gemeinsamen Familiensitz in Malibu steht nur noch ein Rest Fassade. Inwiefern das auf die Ehe der Gottschalks zutraf, bleibt Spekulation. Allerdings gibt es da die Anekdote um die Katzen, und womöglich ist sie Antwort genug: In den wenigen Sekunden, die ihr blieben, traf Ehefrau Thea die Entscheidung, die Katzen vor den Flammen zu retten - und nur sie. Keine Kunst, keine Dokumente, keine Gedichte. Selbst die Katzenklos und das Futter schafften es nach draußen in den Garten, nicht aber der Rilke. Alle wichtigen Akten, den Wohnwagen, seine Autos und, nicht zu vergessen den Bayerischen Verdienstorden des Gatten, überließ sie der Feuersbrunst.

Nun, nach Bekanntwerden der Trennung, steht die Frage im Raum, ob die Hütte bei Gottschalks damals nicht nur im übertragenen Sinne brannte. Oder ob sie vielmehr der Auslöser für die Tragödie war. Man weiß, dass einschneidende Erlebnisse Ehepaare zusammenschweißen, aber auch für immer auseinandertreiben können. Etwa, weil beim Tod eines gemeinsamen Kindes jeder auf seine Art trauert. Oder weil der Verlust der Arbeitsstelle Probleme an die Oberfläche bringt, die ihre verheerende Wirkung erst in der erzwungenen Untätigkeit entfalten.

Womöglich sind mit dem Familiensitz der Gottschalks ja nicht nur gemeinsame Erinnerungen in Rauch aufgegangen. Durchaus möglich auch, dass das Ehepaar sich seit dem Brand entwurzelt fühlte: Während Thea in die New Yorker Zweitwohnung auswich, wusste Thomas Gottschalk lange nicht, wo sein neuer Lebensmittelpunkt sein würde.

Doch die zentrale Frage bleibt: Warum erst jetzt? Wobei mit jetzt weniger der Zeitpunkt als die Umstände gemeint sind: Jetzt, nach mehr als 40 Jahren Ehe! Ausgerechnet jetzt, wo das gemeinsame Heim zerstört ist! Jetzt, wo die beiden Söhne, 36 und 29, längst aus dem Haus sind! Jetzt, wo das Ehepaar seinen Lebensabend genießen könnte! Und überhaupt: Jetzt, in diesem Alter! Vor allem dieses Alter scheint die Leute aus der Fassung zu bringen.

Zwar erscheint das Thema Trennung heutzutage moralisch nicht mehr so belastet. Doch scheint das nur für Paare bis zu einer bestimmten Altersgrenze zu gelten. Die Reaktionen zeigen, wie schwer sich die Gesellschaft mit der Vorstellung tut, dass Senioren noch einmal neu anfangen. Eine neue Partnerschaft eingehen. Und ja, sexuell aktiv sind. "Das Tabu gilt noch immer", bestätigt der Paartherapeut David Wilchfort, die Realität sei da schon weiter. Zu ihm, der selbst seit mehr als 50 Jahren verheiratet ist, kommen immer wieder Paare, die sich wegen Sex streiten, einige von ihnen weit über 70. Auch für diese Menschen gelte, dass sie sich weitaus jünger fühlen, als sie sind.

Aber nicht nur in Bezug auf ihre sexuellen Bedürfnisse stoßen ältere Menschen im Umfeld häufig auf Unverständnis. Viele fragen sich (nach dem Motto: "Die paar Jahre schafft ihr ja wohl auch noch"), warum Paare sich so etwas antun: nach einer lebenslangen Beziehung ins kalte Wasser springen. "Weil sie es können", sagt Wilchfort. Und weil sie eben nicht finden, es lohne sich nicht mehr. Im Gegenteil: "Wir versuchen heute, aus jeder Lebensminute etwas herauszuholen. Und wir sind es gewohnt, Bedürfnisse umzusetzen."

Dass Paare zwischen 50 und 60 sich trennen, nachdem die Kinder ausgezogen sind, erschreckt mittlerweile die wenigsten. Die Gründe sind nachvollziehbar: Endlich wieder Zeit für sich, man hat einiges geschafft und könnte in Ruhe zusammen alt werden. Damit befindet man sich aber auch wieder in einer Entscheidungsphase. Und verfügt über die Freiheit, die eigenen Vorstellungen zu verwirklichen - die sind nur leider manchmal unterschiedlich.

Viele überstehen diese kritische Phase jedoch und arrangieren sich oder finden neu zueinander. "Oft lebt man erst einmal so weiter", sagt Wilchfort. Denn nicht immer sei Trennung die beste Lösung. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, öffnet sich auch für die Beziehung ein neuer Freiraum. Das heißt, beide können sich überlegen, in welcher Form sie zusammenleben wollen.

Nicht selten entwickelt sich daraus das, was man seit den Siebzigerjahren als "Offene Beziehung" kennt. Wenngleich der Focus nicht auf dem Ausleben sexueller Bedürfnisse liegt. Man bleibt als bewährtes Team zusammen, weil man sich schätzt und liebgewonnen hat, doch die individuellen Interessen verfolgt jeder nach seiner Façon. Immer mehr ältere Paare leben in Frieden unter einem Dach, gestehen einander aber zu, die Freizeit nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. "Solche Arrangements ergeben sich oft mit der Zeit, ohne dass eine Vereinbarung nötig ist", sagt Wilchfort. Heute werde das immer häufiger gelebt, ohne groß darüber zu sprechen.

Doch nicht immer deckt sich die Intention mit dem Resultat: "Auch wenn das anders gedacht war, ist damit der Entfremdung ein Weg bereitet und man entfernt sich voneinander", sagt Wilchfort. Mit anderen Worten, man lebt nurmehr nebeneinander her. Dann kommt der Zeitpunkt, wo die Angst vor dem Alleinsein einem stärkeren Bedürfnis weicht. Wo sich für einen plötzlich etwas verändert. Und einer geht. Wenn Paare sich dann noch für eine Trennung entscheiden, ist das in der Regel nur für Außenstehende überraschend. Die Betroffenen selbst erleben diesen Schritt weitaus weniger drastisch.

Warum sich das Ehepaar Gottschalk jetzt erst getrennt hat, darüber verlieren sie kein Wort. Auf Twitter bietet ein User eine Erklärung: "Eigentlich wollte sich seine Frau schon vor 30 Jahren trennen, aber Thomas hat mal wieder deutlich überzogen." Womit wir bei "Wetten, dass ..?" wären - damals dachte auch jeder, Gottschalk und diese Show, das ist was für die Ewigkeit. Als Gottschalk dann tatsächlich ging, war es, nach 22 Jahren und 151 Sendungen, ganz schön spät. Aber auch ziemlich schade.

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