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Trennung im Alter:Der neue Mut der Alten

Als "jüngere Alte" bezeichnet Insa Fooken Menschen wie Ulrike. Die Psychologin hat den Trend zur Trennung im Alter als eine der ersten Wissenschaftlerinnen im Land erkannt und an der Universität Siegen viel dazu geforscht. Mittlerweile ist sie im Ruhestand. "Jahrelang galt es als Gesetz: Je länger ein Paar zusammen ist, desto unwahrscheinlicher wird eine Trennung. Das ist inzwischen anders." Befragungen haben ergeben: Wenn Frauen sich im höheren Alter trennen, dann sind sie oft unzufrieden mit der bestehenden Partnerschaft. Männer hingegen suchen eher eine neue Beziehung.

Dazu kommt: Der Mut zur späten Trennung hat auch etwas damit zu tun, ob sich jemand diese Entscheidung überhaupt zutraut. "Viele Menschen sind sich heute bewusst, dass sie eine deutlich höhere Lebenserwartung haben als die Menschen vor ein paar Jahrzehnten", sagt Fooken. Auch die bessere medizinische Versorgung spiele eine Rolle. Denn meist trennt sich nur, wer gesund ist und keine großen finanziellen Sorgen hat. "Ansonsten sind die Anlässe einer Trennung im Alter dieselben wie bei Jüngeren: Beziehungsprobleme, eine Affäre, unterschiedliche Vorstellungen vom Leben." Die Psychologie hat dafür ganz eigene Begriffe gefunden, die Rede ist von "entfremdeten", "verödeten" oder "vereisten" Beziehungen.

Die meisten wünschen sich eine neue Beziehung

So sehr die Wissenschaft gerade die späte Trennung auszuleuchten versucht, so wenig weiß man darüber, was die frisch Getrennten sich wünschen, wenn der große Knall verhallt ist. "Die meisten sind auf der Suche nach einer neuen Partnerschaft", sagt Renate Maltry, Scheidungsanwältin in München und Gründerin des Vereins Tusch - Trennung und Scheidung. "In der Trennungsphase sagen alle, dass sie mit dem Thema Beziehungen jetzt abschließen wollen. Aber ein paar Jahre später heiraten dann doch einige wieder."

Vor allem, wenn die Kinder aus dem Haus sind, spürten viele Paare erst die Differenzen in ihrer Beziehung, das hat Maltry in unzähligen Beratungsgesprächen beobachtet. "Spätestens mit der Rente kommt dann vieles auf den Prüfstand." Wie sehr sich die Älteren in Beziehungsfragen verändert haben, merkt die Anwältin in der täglichen Praxis. "Ich mache jetzt 30 Jahre Familienrecht. Der Wandel ist schon fundamental."

Nach der Trennung von ihrem Ehemann zieht Ulrike in einen kleinen Kurort gut zwei Autostunden von ihrem früheren Wohnort entfernt. Sie sucht sich eine Wohnung, jobbt nebenbei in der Gastronomie und erhält Unterhalt von ihrem Mann. "Ich wollte schnell einen neuen Freund haben", sagt sie. Nach wenigen Wochen tritt Joe in ihr Leben, ein Ingenieur, Bauleiter von Beruf. Ein gemeinsamer Bekannter hat beide einander vorgestellt. "Es war eine Wochenendbeziehung", sagt Ulrike. Wie war Joe so? "Ein liebevoller Chaot."

Die freien Tage verbringen beide im örtlichen Tennisclub oder beim Tanzen. "Unbeschwert" nennt Ulrike die Wochenenden mit Joe. Im gemeinsamen Urlaub in den Bergen sagt er es ihr dann: Ich habe eine andere. "Da habe ich nur geschrien. Es war schlimm. Ganz schlimm. Ich dachte, ich lege mich einfach in den Schnee und warte, bis ich erfriere." Lange Pause. Eigentlich, sagt Ulrike dann, war er ihr ein wenig zu klein und auch nicht leidenschaftlich genug. "Ein Indianer und eine Lady passen nicht zusammen", so hat Joe ihr die Trennung einmal begründet. "Ich habe gedacht, jetzt kennst du beides: verlassen und verlassen werden."

Partnersuche im Alter: "Die Guten sind zwischen 40 und 60 vom Markt."

In den Jahren danach hat Ulrike einige Beziehungen. Manche verdienen dieses Etikett, andere würde man wohl eher als Bekanntschaften bezeichnen. "Einen einzigen Mann im Leben habe ich wirklich geliebt", sagt Ulrike. Mit 65 lernt sie Hans kennen. "Wir brauchten nur nebeneinander zu liegen, ich hätte jahrelang so neben ihm liegen können", sagt sie. Ganz am Anfang fragt sie ihn, ob er verheiratet ist. Hans sagt Nein, das war nicht gelogen und doch nicht die Wahrheit. Dass er in einer anderen Stadt eine Lebensgefährtin hat, schon seit vielen Jahren, verschweigt er. Irgendwann fliegt die Beziehung zu Ulrike auf. Seine Freundin droht ihm mit Selbstmord, sollte er sie für Ulrike verlassen. "Ich hatte lange die Hoffnung, dass er es einfach durchziehen würde", sagt Ulrike. Hans konnte es nicht. Das war sie, die große Liebe im Leben von Ulrike. Viel zu kurz.

Ein paar Jahre und einige Rendezvous später probiert sie es im Internet. Sie meldet sich bei einem Dating-Portal an, nach drei Jahren wechselt sie zu einer Seite, die speziell für Singles ab 50 ist. Dort wird Ulrike zu Wolke 9. "Sehr vielversprechend ist das nicht", bilanziert sie. "Ich glaube nicht mehr, dass ich mich noch mal richtig verliebe." Das letzte Mal, dass sie mit einem Mann das Bett geteilt hat, war im Jahr 2011, da war Ulrike 71. "Die Guten sind doch meist zwischen 40 und 60 vom Markt", das weiß sie mittlerweile.

War es richtig, damals zu gehen? "Unbedingt." Sind Sie glücklich? "Zufrieden. Glücklich nicht. Dafür fehlt was fürs Herz."

Ein paar Tage später. Wolke 9 ist wieder online. Einige Männer haben derweil ihr Profil angeklickt, 3887 Besucher sind es jetzt. Vielleicht hat der eine oder andere es bis zum Schluss gelesen. Dort gibt Wolke 9 an, dass sie gerne tanzen geht und Büchereien liebt. Dass ihr trockener Humor gefällt und sie ein geschmackvolles Zuhause schätzt. Dass sie gerne verreist, aber niemals in einem Wohnmobil übernachten würde. Und dass sie feinfühlige Menschen mag. "Für die Zukunft wünsche ich mir weiterhin Gesundheit und eine letzte schöne Liebe", schreibt sie ganz am Ende. "Dann hätte ich alles."

© SZ vom 17.05.2014/vs
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