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Trennung im Alter:Gehen für eine letzte schöne Liebe

Schluss nach 25 Jahren Ehe: Immer mehr Menschen trennen sich im Alter. Wie ist es, als Rentner wieder Single zu sein? Besuch bei einer Frau, die es noch einmal wissen will.

Von Kim Björn Becker

Jeder Mensch braucht einen Platz im Leben, und der Platz von Wolke 9 ist die Rubrik Partnerschaft, genauer: Frau sucht Mann. 3867 Mal ist das Profil von Wolke 9 auf der Seite des Internet-Datingportals schon angeklickt worden. Gerade ist sie wieder online. Vom Foto lächelt dem Betrachter eine elegant gekleidete Frau entgegen. Sie sitzt aufrecht auf einem Sofa, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände im Schoß gefaltet. Das Kissen hat sie sorgsam drapiert, Kleid und Couch farblich aufeinander abgestimmt. Ihr Lächeln wirkt freundlich, aber auch ein wenig angestrengt. Es ist dieser Frau nicht egal, was die Männer von ihr denken. Der erste Eindruck soll gut sein. Er muss gut sein. Diese Internetseite ist vielleicht die letzte Chance, die sie im Leben bekommt.

Sie, Spitzname: Wolke 9, Größe: 163 cm, Gewicht: 59 kg, Familienstand: geschieden, Alter: 71 Jahre.

Bis dass der Tod uns scheidet - das kann auch eine Bürde sein

Wenn früher eine Ehe geschlossen wurde, dann hatte sich das Thema Partnersuche für beide erledigt, meist ein für allemal. Der Mann als Ernährer, die Hausfrau am Herd, dieses Rollenmodell machte einen Ausbruch gerade für Frauen oft unmöglich. Bis dass der Tod uns scheidet, dieses Versprechen konnte eine Bürde sein. Das hat sich inzwischen geändert. Ehen halten heute nicht nur seltener, gerade im höheren Alter trennen sich die Partner öfter denn je.

Zum Vergleich: 1996 wurden bundesweit etwa 176 000 Ehen geschieden, davon knapp 16 000 nach mindestens 26 Jahren. 2012 sprachen die Richter 179 000 Scheidungen aus, darunter waren mehr als 28 000 Langzeitehen. Der Anteil der getrennten Paare, die erst nach der Silberhochzeit zum Scheidungsanwalt gehen, ist von neun auf 16 Prozent gestiegen, die Trennung im Alter längst zur gesellschaftlichen Realität geworden. 28 000 geschiedene Langzeitehen, dass sind auch 56 000 ältere Menschen, die auf einmal wieder Single sind. Das entspricht den Einwohnern einer mittelgroßen Stadt wie Greifswald. Jedes Jahr. Manche von ihnen, gerade die Verlassenen, finden sich mit dem Alleinsein ab. Die anderen hingegen wollen es noch einmal wissen. So wie Wolke 9.

Die Frau hinter dem Pseudonym ist bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Sie sitzt in einem Café in ihrem Wohnort, irgendwo in Süddeutschland. Wie der Kurort heißt, spielt keine Rolle, genauso wenig ihr richtiger Name. "Nennen Sie mich einfach Ulrike, das würde mir gefallen." Alles andere findet sie zu unpersönlich. Ulrike, das ist ihr zweiter Vorname. Er gehört zu ihr, doch kaum jemand kennt ihn. Also gut. Ulrike.

In Wahrheit ist Ulrike 73 Jahre alt, nicht erst 71, wie sie es im Dating-Profil angegeben hat. Sie sitzt im Innenhof eines modernen Gebäudes, viel Glas, viel Beton, im Hintergrund plätschert ein Wasserlauf in der Frühlingssonne vor sich hin. Ulrike trägt eine sportliche Lederjacke, sie spricht klar, mit leicht norddeutschem Akzent. Überhaupt wirkt sie deutlich jünger als 73. Beim Alter hat sie im Internet geschummelt, weil sich 71 bei der Partnersuche einfach besser macht. Sagt sie. Ihre Zielgruppe sind jüngere Männer zwischen 62 und 70 Jahren. "Ich will keinen 75-Jährigen. Die Gleichaltrigen sind doch oft sehr abgetakelt. Das ist nicht erquickend." Das klingt hart, doch ist es nicht böse gemeint. Die Frau weiß einfach, was sie will. Und was nicht.

Als sie es ihm sagt, dreht er sich weg

Ulrike verlässt ihren Ehemann im August 1990, kurz vor ihrem 50. Geburtstag. Sie hat es ihm im Bett gesagt, aus heiterem Himmel, an einem Sonntagmorgen. Ich verlasse dich. Einfach so. Er hat sich nur weggedreht. Was soll man auch sagen? Bevor sie geht, bringt Ulrike das gemeinsame Haus auf Hochglanz, wäscht die Gardinen, wischt den Staub weg. Alles soll ordentlich sein, wenn sie ihren Mann und die beiden erwachsenen Kinder in dem Reihenhaus zurücklässt. Wie verabschieden sich zwei Menschen, die fast ihr gesamtes Leben miteinander verbracht haben? Kurz, mit Handschlag. "Auf Wiedersehen." Dann geht der Mann ins Gebirge. Zum Wandern. Ein kurzes Wiedersehen gibt es dann doch noch: November 1996, Scheidungstermin vor dem Familienrichter.

Einen Monat später hätten die beiden ihren 30. Hochzeitstag gefeiert. Warum das alles? "Er war einfach nicht meine große Liebe", sagt Ulrike. "Ich habe in meiner Ehe niemals das bekommen, was ich gebraucht habe - in jeder Hinsicht."

Der neue Mut der Alten

Als "jüngere Alte" bezeichnet Insa Fooken Menschen wie Ulrike. Die Psychologin hat den Trend zur Trennung im Alter als eine der ersten Wissenschaftlerinnen im Land erkannt und an der Universität Siegen viel dazu geforscht. Mittlerweile ist sie im Ruhestand. "Jahrelang galt es als Gesetz: Je länger ein Paar zusammen ist, desto unwahrscheinlicher wird eine Trennung. Das ist inzwischen anders." Befragungen haben ergeben: Wenn Frauen sich im höheren Alter trennen, dann sind sie oft unzufrieden mit der bestehenden Partnerschaft. Männer hingegen suchen eher eine neue Beziehung.

Dazu kommt: Der Mut zur späten Trennung hat auch etwas damit zu tun, ob sich jemand diese Entscheidung überhaupt zutraut. "Viele Menschen sind sich heute bewusst, dass sie eine deutlich höhere Lebenserwartung haben als die Menschen vor ein paar Jahrzehnten", sagt Fooken. Auch die bessere medizinische Versorgung spiele eine Rolle. Denn meist trennt sich nur, wer gesund ist und keine großen finanziellen Sorgen hat. "Ansonsten sind die Anlässe einer Trennung im Alter dieselben wie bei Jüngeren: Beziehungsprobleme, eine Affäre, unterschiedliche Vorstellungen vom Leben." Die Psychologie hat dafür ganz eigene Begriffe gefunden, die Rede ist von "entfremdeten", "verödeten" oder "vereisten" Beziehungen.

Die meisten wünschen sich eine neue Beziehung

So sehr die Wissenschaft gerade die späte Trennung auszuleuchten versucht, so wenig weiß man darüber, was die frisch Getrennten sich wünschen, wenn der große Knall verhallt ist. "Die meisten sind auf der Suche nach einer neuen Partnerschaft", sagt Renate Maltry, Scheidungsanwältin in München und Gründerin des Vereins Tusch - Trennung und Scheidung. "In der Trennungsphase sagen alle, dass sie mit dem Thema Beziehungen jetzt abschließen wollen. Aber ein paar Jahre später heiraten dann doch einige wieder."

Vor allem, wenn die Kinder aus dem Haus sind, spürten viele Paare erst die Differenzen in ihrer Beziehung, das hat Maltry in unzähligen Beratungsgesprächen beobachtet. "Spätestens mit der Rente kommt dann vieles auf den Prüfstand." Wie sehr sich die Älteren in Beziehungsfragen verändert haben, merkt die Anwältin in der täglichen Praxis. "Ich mache jetzt 30 Jahre Familienrecht. Der Wandel ist schon fundamental."

Nach der Trennung von ihrem Ehemann zieht Ulrike in einen kleinen Kurort gut zwei Autostunden von ihrem früheren Wohnort entfernt. Sie sucht sich eine Wohnung, jobbt nebenbei in der Gastronomie und erhält Unterhalt von ihrem Mann. "Ich wollte schnell einen neuen Freund haben", sagt sie. Nach wenigen Wochen tritt Joe in ihr Leben, ein Ingenieur, Bauleiter von Beruf. Ein gemeinsamer Bekannter hat beide einander vorgestellt. "Es war eine Wochenendbeziehung", sagt Ulrike. Wie war Joe so? "Ein liebevoller Chaot."

Die freien Tage verbringen beide im örtlichen Tennisclub oder beim Tanzen. "Unbeschwert" nennt Ulrike die Wochenenden mit Joe. Im gemeinsamen Urlaub in den Bergen sagt er es ihr dann: Ich habe eine andere. "Da habe ich nur geschrien. Es war schlimm. Ganz schlimm. Ich dachte, ich lege mich einfach in den Schnee und warte, bis ich erfriere." Lange Pause. Eigentlich, sagt Ulrike dann, war er ihr ein wenig zu klein und auch nicht leidenschaftlich genug. "Ein Indianer und eine Lady passen nicht zusammen", so hat Joe ihr die Trennung einmal begründet. "Ich habe gedacht, jetzt kennst du beides: verlassen und verlassen werden."

Partnersuche im Alter: "Die Guten sind zwischen 40 und 60 vom Markt."

In den Jahren danach hat Ulrike einige Beziehungen. Manche verdienen dieses Etikett, andere würde man wohl eher als Bekanntschaften bezeichnen. "Einen einzigen Mann im Leben habe ich wirklich geliebt", sagt Ulrike. Mit 65 lernt sie Hans kennen. "Wir brauchten nur nebeneinander zu liegen, ich hätte jahrelang so neben ihm liegen können", sagt sie. Ganz am Anfang fragt sie ihn, ob er verheiratet ist. Hans sagt Nein, das war nicht gelogen und doch nicht die Wahrheit. Dass er in einer anderen Stadt eine Lebensgefährtin hat, schon seit vielen Jahren, verschweigt er. Irgendwann fliegt die Beziehung zu Ulrike auf. Seine Freundin droht ihm mit Selbstmord, sollte er sie für Ulrike verlassen. "Ich hatte lange die Hoffnung, dass er es einfach durchziehen würde", sagt Ulrike. Hans konnte es nicht. Das war sie, die große Liebe im Leben von Ulrike. Viel zu kurz.

Ein paar Jahre und einige Rendezvous später probiert sie es im Internet. Sie meldet sich bei einem Dating-Portal an, nach drei Jahren wechselt sie zu einer Seite, die speziell für Singles ab 50 ist. Dort wird Ulrike zu Wolke 9. "Sehr vielversprechend ist das nicht", bilanziert sie. "Ich glaube nicht mehr, dass ich mich noch mal richtig verliebe." Das letzte Mal, dass sie mit einem Mann das Bett geteilt hat, war im Jahr 2011, da war Ulrike 71. "Die Guten sind doch meist zwischen 40 und 60 vom Markt", das weiß sie mittlerweile.

War es richtig, damals zu gehen? "Unbedingt." Sind Sie glücklich? "Zufrieden. Glücklich nicht. Dafür fehlt was fürs Herz."

Ein paar Tage später. Wolke 9 ist wieder online. Einige Männer haben derweil ihr Profil angeklickt, 3887 Besucher sind es jetzt. Vielleicht hat der eine oder andere es bis zum Schluss gelesen. Dort gibt Wolke 9 an, dass sie gerne tanzen geht und Büchereien liebt. Dass ihr trockener Humor gefällt und sie ein geschmackvolles Zuhause schätzt. Dass sie gerne verreist, aber niemals in einem Wohnmobil übernachten würde. Und dass sie feinfühlige Menschen mag. "Für die Zukunft wünsche ich mir weiterhin Gesundheit und eine letzte schöne Liebe", schreibt sie ganz am Ende. "Dann hätte ich alles."

© SZ vom 17.05.2014/vs
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