Trendsport Base-Jumping Die Sucht zu springen

Der Tod springt mit

Im freien Fall

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Der Unternehmer sprang am Ende nicht. "Das ist für mich auch ein Zeichen von Stärke. Denn etwas anderes ist Basen nicht: Verantwortung für sein Handeln zeigen." Deshalb blickt Schirber stolz auf zehn nahezu unfallfreie Jahre in Deutschland seit Gründung des VDO zurück.

Im Ausland sieht das mitunter anders aus. In Frankreich, Italien, Norwegen und der Schweiz ist es sehr viel leichter, zum Springen zugelassen zu werden. Jeder darf sich vom Berg stürzen, wo er möchte, denn die Springer verletzen damit - anders als in Deutschland - das Luftrecht nicht. Für Laien werden Crashkurse im Springen angeboten, nach drei Tagen steht man oben auf dem Felsen und "fliegt". Das Mekka internationaler Springer ist das Schweizer Lauterbrunnen. Direkt hinter dem Dorf, in einer guten Stunde zu Fuß zu erreichen, steht eine fast senkrechte Felswand - der Traum des Basers.

Auf der "Base Fatality List" stehen 120 Todesfälle. Allein im Jahr 2007 sprangen in Lauterbrunnen drei junge Baser ungewollt in den Tod. Es waren noch nicht einmal Anfänger, sondern erfahrene Sportler, die bereits viele Sprünge absolviert hatten. "Es darf keine Routine aufkommen", warnt Schirber, "selbst wenn man eine Brücke oder einen Felsen schon hundert Mal gesprungen ist, muss man sich intensiv auf einen Sprung vorbereiten und dazu gehört das sorgfältige Packen des Schirms." Wer falsch packt, riskiert den Tod. Springt man von einem 1000 Meter hohen Berg, packt den Schirm aber für einen 90-Meter-Sprung, zerreißt der zu früh geöffnete Schirm. Im umgekehrten Fall wird er sich nicht rechtzeitig vollständig öffnen und die Landung tödlich ausgehen.

Den neuesten Kick bringen Sprünge mit sogenannten Wingsuits. Sie dienen eigentlich dazu, möglichst schnell weit weg von der harten Felswand zu fliegen. Jetzt aber fliegen die Springer auf sogenannten Konturenflügen entlang dem unnachgiebigen Stein. "Wem da Erfahrung und Nerven fehlen, riskiert sein Leben", sagt Schirber. Überschlägt man sich ungewollt beim Absprung kann Panik einsetzen, die den Springer lähmt. "Wer Todesangst hat, verliert sein Zeitgefühl", erklärt er, "dabei zählt jede Sekunde, den Fehler zu korrigieren." Doch nicht selten läuft die Zeit gegen die Springer.

Dieser Leichtsinn und die Selbstüberschätzung von jungen Springern ärgern Schirber, der in seinen zwei "Lehrjahren" Respekt vor dem Sport entwickelt hat. Sie bringen das Basen immer wieder in Kritik und machen das Anliegen des VDO schwer: den Sport sicher zu machen und damit die Akzeptanz in der Gesellschaft zu fördern. Dennoch hat der VDO in den vergangenen Jahren ganze Arbeit geleistet: Über 1000 Sprünge haben die Baser nicht mehr nachts, sondern auf genehmigten Events absolviert. Sie sprangen vom Berliner Alex, Hotels in Hamburg und Windrädern in Mecklenburg-Vorpommern.

Der Traum vom Fliegen

Anfangs mussten Polizei, Rettungswagen und Flugsicherung dabei sein. Heute haben die Baser regelmäßigen Zugang zu rund 20 Objekten in Deutschland. Und sie sind gern gesehene Attraktion auf öffentlichen Veranstaltungen wie dem Wolkenkratzer-Festival, auf dem die Frankfurter ihr "Mainhattan" feiern. 2007 boten ihnen Schirber und 14 seiner Kollegen gleich einen Weltrekord: Sie sprangen zehn Häuser in 24 Stunden.

Rekorde und spektakuläre Sprünge vermelden Baser rund um den Globus. 1990 sprang ein ehemaliges Mitglied der Royal Marines von der St. Paul's Cathedral in London und schaffte es, innerhalb von nur 31,1 Meter seinen Schirm rechtzeitig zu ziehen. Der Schweizer Ueli Gegenschatz gehört zu den Pionieren, der als Erster vom "Pilz" der Eigernordwand sprang. Mit neun weiteren Springern "bezwang" er die 452 Meter hohen Petronas Towers in Kuala Lumpur. Der Australier Gary Cunningham tat es ihnen nach, ließ sich aber gleich 133-mal in 24 Stunden von den Zwillingstürmen fallen. 22 Tage lang bestieg ein australisches Paar den 6600 Meter hohen indischen Meru Peak, ehe sie zwei Minuten lang "hinunterflogen".

Ins Guiness Buch der Rekorde schaffte es Hajo Schirber bereits 2005. Zu zehnt sprangen sie 107 Meter tief aus der Kuppel der größten freitragenden Halle der Welt, dem Tropical Island Resort nahe Berlin - und absolvierten damit den größten Simultansprung innerhalb eines Gebäudes. Schirber, der beruflich Messen organisiert, ist begeisterter Objektspringer. Sein Traumobjekt ist er bereits gesprungen: den Frankfurter Messeturm.

"Ich kann hundert Mal die gleiche Brücke gesprungen sein, jeder Sprung bleibt etwas Besonderes. Es ist das Gefühl, die Technik sauber zu beherrschen und die eigenen Ängste zu besiegen. Wenn du unten sicher gelandet bist, weißt du, dass du für dich und dein Handeln absolute Verantwortung übernehmen kannst." Wenn Hajo Schirber vom Basen spricht, dann fallen selten Worte wie "Kick" oder "Rekord". Für den ruhigen Franken ist der Extremsport eine innere Einkehr und technischer Perfektionismus zugleich. "Denn eines sind wir Baser ganz sicher nicht: lebensmüde."