Trauer:Niemand bleibt mit dem Schock alleine

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Juden

Es gilt, alles stehen und liegen zu lassen, drum kommt die traurige Nachricht in Israel meist auf eilig kopierten Handzetteln daher: Plötzlich hängen sie an Gartenzäunen, flattern an der Inserate-Tafel vor dem Supermarkt, kleben am Arbeitsplatz des Verstorbenen. Die Familie lädt zur Beerdigung ein, steht da - schon für den nächsten Morgen.

Ähnlich wie im Islam sollen im Judentum nicht mehr als 24 Stunden verstreichen, bis ein Toter bestattet ist. Also hat niemand Zeit, erst auf Traueranzeigen im Schneckenmedium Zeitung zu warten. In Deutschland, wo manche Landesbestattungsgesetze eine Wartezeit von 48 Stunden vorschreiben, holen jüdische Gemeinden deshalb meist Sondergenehmigungen ein.

Die Eile hat einen Vorteil. Alle kommen sofort zusammen, keiner bleibt mit dem Schock alleine. Es beginnen gleich die Bräuche, deren wichtigster Schiwa heißt ("Sieben"). Dabei empfangen die engsten Angehörigen eine Woche lang zu Hause Besuch. Der Glaube ermuntert Freunde, Nachbarn und Bekannte dazu, vorbeizuschauen mit Worten des Trostes, gerne auch mit gekochtem Essen. So wird es sieben Tage lang nicht einsam und nur selten still im Haus; das hilft. Für jene, die nur diese Trauerkultur kennen, wirkt es sogar fast ein wenig kühl, wenn sie sich vorstellen, dass in christlichen Familien erst einmal tagelang nichts passiert, während der Tote im Leichenschauhaus auf Zink liegt und der Pfarrer seinen Terminkalender durchsieht.

Andererseits: Die Eile ist auch ein Problem. Bewegende Reden sind auf jüdischen Beerdigungen selten. Wer schafft es, so schnell einen Text vorzubereiten? Es fügt sich da gut, dass das Judentum den Trauernden zumindest allen sozialen Druck abnimmt, was aufwendige Blumengebinde, Särge oder Musikauswahl angeht. Weniger ist mehr, Bescheidenheit ist gut. Der Tote kriegt ein Leinentuch, allenfalls einen einfachen Holzsarg. Im Tod sind alle gleich. Wer an einem Grab Respekt zeigen möchte, der hebt deshalb nur ein Steinchen vom Boden auf und legt es symbolisch darauf. Demokratisch. Das kommt besser an als Blumen.

(Ronen Steinke)

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