Süddeutsche Zeitung

Trauer:"Die Seele verfällt in Schockstarre"

Wie nach dem Verlust eines geliebten Menschen weiterleben? Und wie mit Trauernden umgehen? Die Unternehmerin und Sterbebegleiterin Christiane zu Salm hat mit Betroffenen gesprochen.

Interview von Daniela Dau und Lars Langenau

SZ: Frau zu Salm, haben Sie eigene Erfahrungen mit dem Tod naher Angehöriger?

Als ich sechs Jahre alt war, starb mein dreijähriger Bruder zu Hause vor meinen Augen bei einem Unfall. Meine Eltern konnten nicht miteinander darüber sprechen, auch nicht mit uns Kindern. Beide waren vollkommen absorbiert von ihrem eigenen Schmerz, was für mich mehr als verständlich ist. Eine Therapie hätte ihnen sicher geholfen, aber Anfang der siebziger Jahre war die Zeit dafür noch nicht reif. Man schwieg.

Gab es keine Versuche in Ihrer Familie, die Sprachlosigkeit zu durchbrechen?

Das ist unheimlich schwierig für Eltern. Was soll man sich auch gegenseitig fragen? "Tut es dir auch so weh? Geht es dir auch so schlecht?" Wir hatten aber ein schönes Sonntagsritual auf dem Friedhof: Unsere Mutter stellte Blumen ans Grab und zündete eine Kerze an. Sie stand dann schweigend neben meinem Vater. Meine jüngeren Geschwister daneben. Trotzdem waren wir immer froh, wenn wir danach zum Sonntagsausflug aufgebrochen sind.

Christiane zu Salm

Eine Blitzkarriere in der Medienbranche: Mit Anfang 30 leitete Christiane zu Salm MTV Deutschland, gründete anschließend den Frauensender tm3 und baute ihn zu dem umstrittenen Gewinnspielsender 9Live um. Nach einem kurzen Gastspiel im Vorstand von Hubert Burda Media engagierte sie sich bei Start-up-Unternehmen, legte einen Investmentfonds auf und betätigt sich nach wie vor als beachtete Kunstsammlerin. Heute ist sie Eigentümerin des Berliner Nicolai-Verlages. Seit etwa zehn Jahren widmet sich die 50-Jährige zudem ehrenamtlich der Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen. In diesem Zusammenhang ist nach dem Bestseller "Dieser Mensch war ich" auch das Buch "Weiter Leben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen" entstanden, in dem Trauernde ihre Geschichte erzählen.

Und heute? Hat Ihre Beschäftigung mit dem Sterben und der Trauer etwas in Ihrer Familie ausgelöst?

Ich bin vor einiger Zeit mit meinen Eltern, die mittlerweile getrennt leben, noch einmal zum Grab meines Bruders gegangen. Auch da haben sie geschwiegen. Beim anschließenden Kaffeetrinken spürte ich plötzlich, wie viele unausgesprochene Schuldgefühle in der Luft lagen. Da hab ich gesagt: "Wir tun doch alle nur unser Bestes im Leben." Auf einmal weinten wir zu dritt. Etwas hatte sich gelöst.

Hat es die Menschen, die in Ihrem Buch vorkommen, erleichtert, dass sie ihre Geschichte erzählen konnten?

Sie alle haben für das Buch das schmerzlichste Kapitel ihres Lebens geöffnet. Für die meisten war das nach wie vor ein schmerzlicher, aber auch heilsamer Prozess.

Was hat Sie besonders berührt?

Die Sprachlosigkeit - und was das mit den Betroffenen macht. Das Gefühl des Verlustes eines geliebten Menschen ist unbeschreiblich. Es verschlägt einem im Sinne des Wortes die Sprache. Die Seele verfällt in Schockstarre.

"Ich denke das Leben vom Ende her"

Trauern Männer anders als Frauen?

Das nehme ich so wahr. Frauen können noch eher drüber reden als Männer. Die vergraben den Schmerz in sich oder verstecken sich hinter übermäßig viel Arbeit. Irgendwann holt es aber auch sie ein.

Liegt es auch an diesem Unterschied, dass so viele Ehen über dem Tod eines Kindes auseinandergehen?

Vielleicht, aber bestimmt auch an unausgesprochenen Schuldzuweisungen. Es ist zutiefst traurig, ja tragisch, wenn man sich im Schmerz nicht nah sein kann. Allerdings denke ich, dass jeder der Partner in dieser Situation so viel mit sich selber zu ringen hat, dass einem von außen kein Urteil zusteht, wenn eine Beziehung über dem Leid zerbricht. Im Buch gibt es glücklicherweise auch positive Erfahrungsgeschichten, in denen Paare danach noch enger zusammengerückt sind.

Was hat der Umgang mit Tod und Trauer mit Ihnen selbst gemacht?

Ich denke das Leben vom Ende her. Das hilft mir bei wichtigen Entscheidungen. Soll ich einen anderen Job annehmen? Soll ich in eine andere Stadt ziehen? Soll ich mich von meinem Partner trennen? Ich überlege dann, wie ich kurz vor dem Tod über solche Entscheidungen denken werde. Im vorweggenommenen Rückblick also. Ich halte es immer für möglich, dass ich morgen nicht mehr lebe, das ist bei mir vollkommen präsent. Dadurch bekommen die Dinge eine ganz andere Gewichtung. Ich gehe bewusster mit meiner Zeit um.

Warum begegnen viele Menschen Trauernden mit Unsicherheit?

Die Gespräche für mein Buch machten mir klar, wie schwierig es ist, die eigenen Ängste zu überwinden. Manchmal wechseln vertraute Menschen sogar die Straßenseite, nur um dem Hinterbliebenen nicht zu begegnen. In einigen Geschichten in meinem Buch vermag es selbst die beste Freundin nicht, für die Trauernde da zu sein. Selbst wenn es gutgemeint sein mag, zu sagen: "Du kannst mich immer anrufen, wenn du mich brauchst" - dieses Angebot reicht nicht aus. Ein trauernder Mensch hat kurz nach einem Verlust gar keine Kraft, andere um Hilfe zu bitten.

Was hilft Trauernden?

Und wie könnte man reagieren?

Selber anrufen. Hinfahren. Etwas zu essen mitbringen. Den Trauernden fragen: 'Darf ich dich mal in den Arm nehmen?' Sich nicht abgewiesen fühlen, wenn der trauernde Mensch sagt, 'Ich kann nicht, ich will nicht.' Sondern nach einer Woche wieder anrufen oder wieder vor der Tür stehen. Eine Verweigerung nicht als Zeichen nehmen, dass man nicht gebraucht oder nicht gewollt wird. Das haben mir alle Angehörigen berichtet: Es ist wichtig, seitens Freunden und Familie immer wieder Angebote zu machen.

Liegt im Leid womöglich auch eine Chance?

Tatsächlich kann so ein Verlust helfen, sich einem neuen Leben zu öffnen. Das Leben bewusster und achtsamer zu führen. Ich finde es großartig, wie die Menschen, die im Buch von ihrer Verlusterfahrung erzählen, nach einer gewissen Zeit der Trauer wieder Kraft zum Weiterleben entwickelt haben.

Trauert der Angehörige nicht auch sehr viel um sich selbst und eher weniger um den Toten?

Wir sind soziale Wesen, wir leben in Bindungen. Ich empfinde es als eine übernatürliche Anforderung, einem Trauernden zu sagen: "Hör mal zu, das hat ja nur was mit dir selbst zu tun."

Warum zeigen so wenige ihre Trauer offen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir zu funktionieren haben. Dazu gehört ganz bestimmt nicht, plötzlich zu weinen, sei es in der U-Bahn oder am Arbeitsplatz. Zwar ist der Umgang mit Trauernden offener geworden, es ist zum Beispiel akzeptiert, dass man in dieser Situation zum Therapeuten geht. Trotzdem: Wenn eine Frau, die ihren Mann verloren hat, nach drei Jahren noch immer von morgens bis abends von ihm redet, reagiert die Umwelt genervt. Dabei finde ich, dass wir Respekt vor jedem einzelnen Trauerprozess haben müssen.

Oft weiß man einfach nicht, wie man jemandem in seiner Trauer begegnen soll ...

Es gibt ja keine Anleitung für so eine Situation und es gibt keine Vorbereitung. Wir können uns auf alles vorbereiten, aber wir können uns auf das Gefühl der Trauer genauso wenig vorbereiten wie auf die Liebe.

Hilft es Trauernden, Tote vor dem Begräbnis noch einmal anzusehen?

Ja. Das ist eine unwiederbringliche Möglichkeit, sich von einem geliebten Menschen von Angesicht zu Angesicht zu verabschieden. Dieser Moment gibt den Hinterbliebenen etwas Wichtiges für den Rest ihres Lebens. Selbst wenn jemand durch einen schlimmen Unfall zu Tode kam: Viele Bestattungsinstitute bieten inzwischen an, den Verstorbenen so herzurichten, dass es würdig ist.

Viele scheuen sich davor und sagen: Ich will den Menschen so in Erinnerung behalten, wie er war ...

Ich habe beobachtet, dass viele Verstorbene einen friedvollen Ausdruck im Gesicht haben. Das zu sehen, kann den Angehörigen beim Weiterleben sehr helfen.

Wie viel Zeit braucht die Trauer?

Ist es leichter, einen Verlust zu verarbeiten, wenn ihm eine längere Krankheit vorangeht?

Weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass die Möglichkeit, sich von einem geliebten Menschen zu Lebzeiten zu verabschieden, ein Geschenk ist. Weil man dann noch einmal die Möglichkeit hat, Dinge, die unausgesprochen waren, zu klären.

Trauernde berichten oft von metaphysischen Beobachtungen: Ein Sonnenstrahl, der plötzlich genau auf den Grabstein fällt oder eine Schlange, die den Weg kreuzt. Wie stehen Sie dazu?

Alles, was einem beim Weiterleben hilft, hat seine Berechtigung. Beim Liebeskummer wie beim Verlust. Deswegen respektiere ich alles, was einer menschlichen Seele hilft, egal, wie abwegig oder metaphysisch das für Außenstehende auch sein mag.

Wie viel Zeit braucht die Trauer?

In der Trauer gibt es kein kurz oder lang, kein richtig oder falsch, keinen schweren oder leichten Schicksalsschlag. Trauer ist nicht zu quantifizieren. So wie jeder anders liebt, trauert auch jeder anders.

Dann wird es nach dem berühmten Trauerjahr nicht leichter?

Es ist nicht die Umgebung, die das bemisst. "Jetzt ist ein Jahr 'rum, jetzt kannst du dir buntere Kleidung anziehen", oder: "Wie wär's mal wieder mit einem neuen Mann?" Solche Sätze, so wohlmeinend sie gesagt werden, helfen nicht. Trauer ist ein innerer Prozess, den wir alle selber für uns durchschreiten müssen. Wir können und sollten uns Hilfe suchen, durch Therapeuten, bei Freunden, im Glauben. Aber am Ende sind es wir allein, die es entweder schaffen, uns einem neuen Leben zu öffnen - oder nicht. Nach diesem Buch weiß ich: Es ist auf wunderbare Weise in der menschlichen Natur angelegt, irgendwann wieder leben und lieben zu können. Den meisten gelingt das. Daher möchte das Buch vor allem Mut machen.

Mehrfach sind in der Psychologie fünf Phasen der Trauer beschrieben worden.

Ja. Leugnen, Schock, Suchen, Loslassen, schließlich Akzeptanz und Neuanfang. Aber viele Betroffene haben mir erzählt, dass sie sich in diesem Modell nicht wiederfinden.

Warum? Kann das nicht bei der Bewältigung helfen?

Die Idee ist, Halt zu finden, in dem man fragt: In welcher der Phasen bin ich gerade? Wie lange dauert das alles noch? Doch man kann in Unfassbares keine Struktur bringen. Deshalb bleibt das Theorie. Mein Gefühl ist, dass es eher hilft, Erfahrungen mit Trauer zu teilen - und dazu will mein Buch einen Beitrag leisten. Für Menschen, die noch niemanden durch einen unnatürlichen, plötzlichen Tod verloren haben, kann das Buch hingegen ein Vermächtnis sein. Also eine Erinnerung daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir leben. Dass es an jedem Tag, zu jeder Sekunde vorbei sein kann.

Warum muss man eigentlich nach einem tragischen Verlust weiterleben?

Diese Frage ist berechtigt, aber zu groß. Ich traue mir nicht zu, eine Antwort zu versuchen.

Fühlen Sie sich durch den Umgang mit Sterbenden und Trauernden besser gerüstet für Ihre eigene Bewältigung von Verlusten?

Nein, obwohl das bei meiner Ausbildung zur Sterbebegleiterin schon eine Hoffnung war: Wenn man in die Angst reingeht, wenn man Sterben mit all seinen Sinnen begreift, wenn man dabei ist, zusieht, das riecht und fühlt, dass man dann weniger anfällig für die eigene Angst wird. Das Thema ist mir vertrauter geworden, doch die Angst ist nicht kleiner geworden.

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Das Buch von Christiane zu Salm "Weiter Leben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen" ist Ende vergangenen Jahres bei Goldmann erschienen.

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