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Trauer:"Ich denke das Leben vom Ende her"

Trauern Männer anders als Frauen?

Das nehme ich so wahr. Frauen können noch eher drüber reden als Männer. Die vergraben den Schmerz in sich oder verstecken sich hinter übermäßig viel Arbeit. Irgendwann holt es aber auch sie ein.

Liegt es auch an diesem Unterschied, dass so viele Ehen über dem Tod eines Kindes auseinandergehen?

Vielleicht, aber bestimmt auch an unausgesprochenen Schuldzuweisungen. Es ist zutiefst traurig, ja tragisch, wenn man sich im Schmerz nicht nah sein kann. Allerdings denke ich, dass jeder der Partner in dieser Situation so viel mit sich selber zu ringen hat, dass einem von außen kein Urteil zusteht, wenn eine Beziehung über dem Leid zerbricht. Im Buch gibt es glücklicherweise auch positive Erfahrungsgeschichten, in denen Paare danach noch enger zusammengerückt sind.

Was hat der Umgang mit Tod und Trauer mit Ihnen selbst gemacht?

Ich denke das Leben vom Ende her. Das hilft mir bei wichtigen Entscheidungen. Soll ich einen anderen Job annehmen? Soll ich in eine andere Stadt ziehen? Soll ich mich von meinem Partner trennen? Ich überlege dann, wie ich kurz vor dem Tod über solche Entscheidungen denken werde. Im vorweggenommenen Rückblick also. Ich halte es immer für möglich, dass ich morgen nicht mehr lebe, das ist bei mir vollkommen präsent. Dadurch bekommen die Dinge eine ganz andere Gewichtung. Ich gehe bewusster mit meiner Zeit um.

Warum begegnen viele Menschen Trauernden mit Unsicherheit?

Die Gespräche für mein Buch machten mir klar, wie schwierig es ist, die eigenen Ängste zu überwinden. Manchmal wechseln vertraute Menschen sogar die Straßenseite, nur um dem Hinterbliebenen nicht zu begegnen. In einigen Geschichten in meinem Buch vermag es selbst die beste Freundin nicht, für die Trauernde da zu sein. Selbst wenn es gutgemeint sein mag, zu sagen: "Du kannst mich immer anrufen, wenn du mich brauchst" - dieses Angebot reicht nicht aus. Ein trauernder Mensch hat kurz nach einem Verlust gar keine Kraft, andere um Hilfe zu bitten.

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