Tod in der Zentralafrikanischen Republik Die Spur führt zu russischen Söldnern

Diese Bilder von Alexander Rastorguyev (v.l.), Kirill Radchenko and Orkhan Dzhemal erinnern in Moskau an die ermordeten Journalisten.

(Foto: Pavel Golovkin/AP)

Im Fall der drei ermordeten russischen Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik legt Putins Gegenspieler Michail Chodorkowski eigene Untersuchungen vor.

Von Silke Bigalke

Drei russische Journalisten sterben Ende Juli in der Zentralafrikanischen Republik. Was wurde ihnen zum Verhängnis? Ein Raubüberfall, sagen die beiden Regierungen. Das Thema ihrer Recherche, glaubt Michail Chodorkowski, früher ein russischer Oligarch und nun Putins Gegenspieler im Londoner Exil. Chodorkowski war es, der die Reise der drei finanziert hatte. Eine Reise, die sich als schlecht vorbereitet herausstellen sollte. Umso sorgfältiger ließ er die Umstände ihres Todes recherchieren. Die Ergebnisse seines "Dossier Center" dazu hat er nun einigen Medien zugespielt, darunter die Nowaja Gaseta und der unabhängige Sender Doschd. Sie ziehen Verbindungen zwischen den mutmaßlichen Mördern und russischen Söldnern, denen die Journalisten in Afrika auf der Spur waren.

Seit vergangenem Jahr liefert das russische Verteidigungsministerium Waffen in die Zentralafrikanischen Republik und bildet dort offiziell Soldaten aus. Weniger offiziell ist das Engagement der Söldner-Gruppe "Wagner" in dem Land, das so reich an Gold und anderen Ressourcen ist - und auch deswegen interessant für Russland. Die Geschichte, welche die Journalisten erzählen wollten, handelt davon, wie diese Söldner militärischen Schutz gegen Bodenschätze tauschen. In Syrien beispielsweise erhält eine russische Sicherheitsfirma ein Viertel der Einnahmen aus den Öl- und Gasfeldern, die das Assad-Regime mit ihrer Hilfe unter Kontrolle bringt. Einer, der von diesem Geschäftsmodell profitieren soll, ist der russische Gastronomieunternehmer Jewgenij Prigoschin. Prigoschin hat Bankette für den Kreml ausgerichtet, er verpflegt die russische Armee und wird daher "Putins Koch" genannt. Dass er auch in die Wagner-Gruppe investiert, hat er stets bestritten. Denn Privatarmeen darf es nach russischem Recht nicht geben.

Dieser Gruppe also waren die drei Journalisten auf der Spur: Orchan Dschemal war ein erfahrener Kriegsreporter, Alexander Rastorgujew ein bekannter Filmemacher, Kirill Radtschenko ihr Kameramann. Sie landeten am 28. Juli in der Hauptstadt Bangui, von dort fuhren sie zum alten Kaiserpalast. Nun hatten Russen in Militärkleidung das Gemäuer bezogen, die Journalisten ließ man nicht hinein. Sie drehten um, fuhren Richtung der Stadt Bambari, 400 Kilometer mit dem Auto quer durchs Land. In Bambari wollten sie ihren Stringer treffen, der ihnen bei ihrer Reise assistieren sollte. Er hatte angeblich den Besuch einer Goldmine für sie organisiert, die von einer russischen Firma übernommen worden war.

Es gibt Vorwürfe, die Journalisten ohne Schutz, einfach als Touristen ins Land geschickt zu haben

Den Kontakt zu diesem Stringer, der sich Martin nannte, hatte ein Journalistenkollege ihnen vermittelt. Martin arbeitete angeblich unter dem Dach der UNO, doch sie konnten nur schriftlich mit ihm kommunizieren, sprachen nie persönlich mit ihm und kannten nicht mal seinen Nachnamen. Trotzdem schienen sie ihm zu vertrauen. Martin organisierte ihnen einen Fahrer, der sie in einem blau-grauen Mitsubishi nach Bambari bringen sollte. Als sie die Stadt Sibut auf halber Strecke passierten, wurde es bereits dunkel. Warum sie trotzdem weiterfuhren, ist unklar, und auch, warum sie vom Weg nach Bambari falsch abzweigten.

Ihr Fahrer stand in ständigem Kontakt zu einem hochrangigen zentralafrikanischen Polizeioffizier, das jedenfalls ergaben nun die Recherchen von Michail Chodorkowskis "Dossier Center". Dieser war den Journalisten offenbar gefolgt, seitdem sie gelandet waren. Auch in Sibut war er laut "Dossier Center" ganz in der Nähe: Chodorkowskis Ermittler sprachen mit zwei Soldaten, die damals am Checkpoint in der Stadt Dienst hatten. Demnach kam dort nur 20 Minuten vor den Journalisten ein anderer Wagen vorbei, drei europäisch aussehende Männer und zwei Afrikaner hätten darin gesessen. Einer der Afrikaner war jener Polizeioffizier. Er soll noch in Sibut das letzte Mal mit dem Fahrer der Journalisten telefoniert haben, zeigen Mobilfunkdaten, die die Rechercheure aufgetrieben haben wollen. Etwa 25 Kilometer außerhalb von Sibut fand man am 30. Juli die Leichen der Journalisten. Sie waren erschossen worden.

Die Version der lokalen Behörden lautete, dass die Täter Turbane trugen und Arabisch sprach. Sie wollten die Journalisten ausrauben, doch als diese ihre Ausrüstung nicht hergaben, eröffnet sie das Feuer. Seltsamerweise ließen sie danach sowohl die Ausrüstung als auch die Rucksäcke der Journalisten am Tatort zurück. Der Fahrer der drei konnte unversehrt entkommen. Der Polizist, mit dem der Fahrer zuvor so oft telefoniert hatte - nach den Recherchen waren es 47 Mal in drei Tagen - hatte demnach noch mit einem anderem Mann häufigen Kontakt: einem russischen Militär, der als Ausbilder in der Zentralafrikanischen Republik war. Das "Dossier Center" hat Hinweise darauf gefunden, dass er sowohl mit der Wagner Gruppe als auch über mehrere Verzweigungen mit dem Gastronomieunternehmer Prigoschin in Verbindung stand. Der Journalist, der den Stringer Martin empfohlen hatte, arbeitete ausgerechnet für eine Nachrichtenagentur, die Prigoschin gehört.

Am Tag nach den Enthüllungen reagierte das Untersuchungskomitee in Moskau: Es blieb bei der Version eines Raubüberfalles und warf der Recherchegruppe vor, die Journalisten ohne Schutz und lediglich mit Touristenvisa ins Land geschickt zu haben. Nun wolle man die eigene Fehler rechtfertigen. Im Dezember ist Präsident Putin während einer PK nach den toten Journalisten und den Söldnern gefragt worden. Die Wagner-Gruppe habe jedes Recht, in anderen Länder zu arbeiten, sagt er, solange sie das russische Gesetz nicht breche. Hinter dem Angriff auf die Journalisten stünden seines Wissen nach "einige lokale Gruppen".

Das "Investigation Control Center", für das die drei unterwegs waren, hat sich inzwischen aufgelöst. Chodorkowski hat ihm nach deren Tod die Mittel entzogen.