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Tipps für die Liebe auf Distanz:So gelingt die Fernbeziehung

Smartphones erleichtern oft das Aufrechterhalten einer Fernbeziehung.

(Foto: Collage Jessy Asmus/ SZ.de)

Er in Deutschland, sie in Mexiko - kann das gutgehen? Allerdings! Ein Wissenschaftler erklärt, wie eine Liebe auf Distanz funktionieren kann.

Von Kathrin Stein

Liebe hat sich noch nie etwas aus Kilometern gemacht. Und wer heute eine Fernbeziehung führt, hat es einfacher als früher: Handy und Internet erleichtern die Kommunikation, überwinden Landesgrenzen und ganze Kontinente. So wie bei Jan und Lety.

Jan Stein könnte eigentlich glücklich sein. Der Social Media Manager hat einen guten Job, viele Freunde und die Eine, Richtige schon vor drei Jahren getroffen. Einziger Haken: Die beiden leben in verschiedenen Welten. Genauer gesagt trennen den 28-Jährigen und seine Freundin knapp 10 000 Kilometer: Leticia Villaseñor Matua, die alle Lety nennen, lebt in Mexiko - Jan in Berlin. In zweieinhalb Jahren Beziehung haben sie sich nur zweimal besucht. Das letzte Wiedersehen liegt sieben Monate zurück.

Von nun an: Fernbeziehung

Als Jan 2012 ein Auslandssemester in Mexiko macht, lernt er die heute 29-jährige Lety auf einer Studentenparty kennen. Er verliebt sich in die Grafikdesignerin, verlängert seinen Aufenthalt um ein Semester. Aber Jan muss zurück nach Deutschland, und den beiden wird spätestens am Flughafen klar: Von nun an führen wir eine Fernbeziehung.

Heute, zweieinhalb Jahre später, sind Jan und Lety immer noch ein Paar. Und noch immer getrennt. Sie sehen sich nur einmal im Jahr - Flüge nach Mexiko sind teuer und die Distanz für einen Wochenendtrip zu groß. Seit eineinhalb Jahren hat Jan einen Blog (Farlove), in dem er seine Erfahrungen schildert und Tipps zum Thema Fernbeziehung gibt. "Ich will denen helfen, die das Gleiche durchmachen."

Dort gibt der Laien-Experte Ideen für Gesprächsstoff am Telefon. Ein Vorschlag: eine sogenannte "Bucket List" erstellen - also Dinge niederschreiben, die man in den kommenden Jahren gemeinsam erleben will. Außerdem empfiehlt Jan Apps für Videochats und erklärt, wie man die Sehnsucht am besten bewältigen kann. Und: welche Vorteile eine Fernbeziehung hat. Denn es gibt durchaus einige, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Jan und Lety

Jan und Lety trennen mehr als 10 000 Kilometer.

(Foto: Jan Stein)

Das findet auch Paartherapeut Peter Wendl: "Man hat mehr Zeit für sich, kann sich selbst leichter verwirklichen, Partnerschaft und Beruf trennen und genießt mehr Freiheiten." In seiner Dissertation und seinem Buch "Gelingende Fernbeziehung" hat er eingehend untersucht, welche Faktoren dazu beitragen, damit eine Fernbeziehung funktioniert.

Fernbeziehung in der Theorie

"Ob eine Fernbeziehung erfüllend ist oder nicht, hängt von vier Faktoren ab", sagt der 45-Jährige Diplom-Theologe, der selbst acht Jahre lang örtlich getrennt von seiner heutigen Frau lebte. "Erstens: die emotionale Verbundenheit. Sprich, was verbindet uns? Wieso möchte ich überhaupt mit ihm/ihr zusammenbleiben?"

Daneben sei Vertrauen essenziell für eine Beziehung auf Distanz. "Das braucht Zeit. Auch wenn die gemeinsame Zeit kostbar ist, ist es in Ordnung, wenn man beim Wiedersehen wütend, traurig oder auch mal schlecht gelaunt ist. Höhen, aber gerade auch gemeinsam bewältigte Tiefen schaffen Vertrauen und ein Wir-Gefühl", erklärt Wendl. Für das langsame "Aneinander-Gewöhnen", wenn man sich wiedersehe, helfe eine alltägliche Aktivität, wie ein Spaziergang, gemeinsames Kochen oder ein Besuch im Lieblings-Café.

Während der Zeit der Trennung könne man dieses Gefühl der Verbundenheit durch regelmäßigen Kontakt erhalten. Das hilft dem Paartherapeuten zufolge auch dabei, die Eifersucht in Grenzen zu halten. Dabei ist ein weiterer Punkt wichtig: Verlässlichkeit. Jan und Lety skypen jeden Sonntag, zur gleichen Zeit. Und können darauf vertrauen, dass der andere zur vereinbarten Stunde online geht.

"Ein oft überschätzter, aber nicht unwichtiger Faktor ist die Sexualität", sagt Wendl. Ob sie als erfüllend empfunden werde, sei im Übrigen keine Frage der Häufigkeit, sondern der Qualität. "Während der Zeit der Trennung sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, die Entfernung zu überbrücken."

An der vierten Säule scheitern die meisten Fernbeziehungen, glaubt Wendl, der seit mehr als zehn Jahren an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt forscht: "Eine funktionierende Kommunikation - verbal und nonverbal." Für Jan und Lety ist dieser Faktor, nicht nur wegen der unterschiedlichen Zeitzonen, am schwierigsten. Wegen der Zeitverschiebung ist ein Gespräch via Internettelefonie unter der Woche schwierig. Wenn es bei ihr früh morgens ist, ist es bei ihm abends. Aber die beiden chatten mehrmals täglich über eine Handy-App.

Sonntag Abend ist für Lety reserviert

Bei Jan und Lety kommt zur räumlichen Trennung die Sprachbarriere hinzu. Jans Spanisch ist gut, doch manchmal kann er die Dinge nicht so ausdrücken, wie er sie eigentlich meint. Es kommt zu Missverständnissen, es gibt Streit - wie in anderen Beziehung auch. Mit dem Unterschied, dass Jan und Lety sich zur Versöhnung nicht in den Arm nehmen können.

"Ich kann nur jedem raten, nicht über Whatsapp zu streiten", sagt der 28-Jährige. "Da besteht ein zu großes Konfliktpotenzial, weil man nie etwas genau so schreiben kann, wie man es meint." Außerdem zanken sie sich öfter über das typische Whatsapp-Dilemma: wenn zwar die blauen Häkchen erscheinen, aber stundenlang keine Antwort kommt.

Dennoch ist die Kommunikations-App eine große Hilfe für beide: So wissen sie stets über den Alltag des anderen Bescheid - ein entscheidender Punkt für Peter Wendl. "Für Paare, die getrennt voneinander leben, ist es immens wichtig, den anderen an seinem Alltag teilhaben zu lassen. Das schafft Gewohnheit." Dabei seien belanglose Informationen ebenso wichtig wie Gespräche über eigene Erwartungen, Befürchtungen und Gefühle. Weder Konflikte noch Befürchtungen und Ängste und schon gar nicht Unerfreuliches sollte verschwiegen werden. Auf Dauer entfremdet das sonst die Partner.

Darüber hinaus sollten beide ihren Tag auch unabhängig vom anderen erfüllend gestalten können - ohne den anderen damit ersetzen zu wollen. Nur wer sich auch alleine verwöhnen und eine gute Zeit haben kann, kann das auch gemeinsam mit dem Partner.

Hat das alles einen Sinn?

"Um das alles durchzuhalten, muss die Sinnfrage und die Perspektiven zuvor geklärt werden", sagt Peter Wendl. "Es muss klar sein, warum das Paar eigentlich eine Fernbeziehung führt und viel wichtiger: Die Antwort muss für beide Seiten akzeptabel sein. Außerdem muss ein Ende der Trennung absehbar sein. Das heißt: Wann sehen wir uns wieder? Und wann sind wir endgültig wieder vereint?"

Bis es so weit ist, setzt Peter Wend auf ein Geheimrezept: "Gemeinsame Rituale schweißen zusammen", sagt der Paartherapeut. "Ich empfehle zum Beispiel, ab und zu einmal nicht Sonntag abzureisen, sondern am Montag freizunehmen und erst Dienstag wieder nach Hause zu fahren. So kann man auch mal ganz Alltägliches zusammen erleben, wie am Sonntagabend Tatort gucken." Und sich ganz nebenbei wunderbar normal fühlen. So wie jeder anderen Beziehung auch.

Für Jan und Lety ist dieser Lichtblick nicht mehr weit entfernt. "Ich ziehe nach Mexiko, schon bald. Meinen Job habe ich bereits gekündigt, ich mache mich selbstständig", sagt Jan, und seine Vorfreude ist ihm dabei anzumerken. Fürs Erste sucht er sich dort aber eine eigene Wohnung. Er und Lety finden, dass es besser ist, nicht sofort zusammenzuziehen. Und dann, endlich, wird Zeit sein für gemeinsame Rituale. In Echtzeit, auf dem Sofa.

© SZ.de/vs/jobr

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