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Tiere:Die wilden 15

In China ist eine Gruppe Elefanten aus ihrem Reservat ausgebrochen. Jetzt laufen sie einfach immer weiter.

Von Lea Sahay

Kurios ist das schon. Da sind die riesigen Hochhäuser in China, die Einkaufszentren mit zehn Stockwerken und mehr, die Schnellstraßen, auf denen die Autos hupen. Und mittendrin marschiert eine Herde Elefanten. Neun ausgewachsene Tiere, drei Teenager und drei Baby-Elefanten.

Jeder versucht natürlich, ein Foto mit ihnen zu bekommen. Drohnen kreisen über ihren Köpfen. Das Spektakel wird live ins Internet übertragen. Ganz China fragt sich: Was ist nur mit den Elefanten los? In die Stadt gehören die natürlich nicht.

Wild Asian elephants lie on the ground and rest in Jinning district of Kunming

Vielleicht das Wichtigste an langen Wanderungen: richtig große Pausen machen. Unterwegs auf ihrem bisher 500 Kilometer langen Marsch haben die wilden Tiere viel erlebt. Sie haben Hunderte Polizisten ignoriert, die ihnen den Weg weisen wollten, Elefantenbabys geboren und ein Lager mit vergorenem Getreide überfallen, das mindestens einen Elefanten richtig betrunken gemacht hat.

(Foto: Reuters)

Eigentlich stammen die Tiere aus den Bambuswäldern eines Naturreservats südlich der Region Pu'er. Sie liegt ganz im Südosten Chinas, fast schon an der Grenze zu Myanmar und Vietnam. Die Region ist wild bewachsen, fast wie ein Urwald und vor allem für ihren gleichnamigen Luxus-Tee bekannt, der Hunderte Euro pro Tasse kosten kann. Dort leben die letzten wilden Elefanten Chinas, insgesamt etwa 300 Tiere. 15 davon sind vor ein paar Monaten einfach aus ihrem Reservat losspaziert. Im Winter ging es los Richtung Pu'er, im April zogen sie dann weiter Richtung Norden. Seitdem sind sie mehr als 500 Kilometer marschiert. Das ist bald so weit wie von München nach Berlin.

An elephant walks along a road in Eshan, Yunan, China

Elefanten haben natürlich kein Googlemaps. Aber irgendeinen geheimen Plan scheinen sie zu verfolgen, vermuten Forscher.

(Foto: Reuters)

Die Elefanten laufen einfach immer weiter, auf Autobahnen, durch Dörfer, über Straßen und Parkplätze. Sie trampeln Felder nieder, fressen unterwegs Getreidelager leer, plündern Lastwagen mit Mais und Ananas, brechen in Geschäfte ein. Sogar Nachwuchs wurde unterwegs geboren. Der Schaden, den die Elefanten bisher verursacht haben, schätzen Behörden auf fast eine Million Euro.

Mittlerweile wird die Herde von Tierpflegern und Sicherheitskräften begleitet, zu Fuß, mit Autos und per Drohne. Diese warnen Anwohner und versuchen, die Tiere mit Barrieren und Futter umzuleiten, damit sie nicht allzu viel kaputt machen oder gar Menschen verletzen. Mit insgesamt 18 Tonnen Futter - inklusive Rohrzucker, eine Art Elefantensüßigkeit - versuchen sie die Route der Tiere mitzubestimmen. 18 Tonnen, das sind 60 000 Gummibärchentüten! Trotzdem klappt das nicht so richtig gut. Die Tiere lassen sich nicht einmal von den Sirenen der Polizei ablenken.

China, wandernde Elefanten-Herde auf über 500 Kilometer langem Marsch  (210601) -- KUNMING, June 1, 2021 -- Several truc

Hier geht es nicht weiter. Mit Straßensperren versuchen Polizisten und Tierpfleger, die Elefanten davon abzuhalten, bestimmte Wege einzuschlagen. Tabu sind zum Beispiel Großstädte. Aber klappt das?

(Foto: Hu Chao/imago)

Warum die Elefanten genau jetzt losmarschiert sind, weiß niemand ganz genau. Ein Grund könnte sein, dass die Tiere ihrem Instinkt folgen. Das ist ein Trieb, den Tiere nicht selbst erlernt haben. Er ist ihnen angeboren und hat damit zu tun, was ihre Vorfahren in der Vergangenheit gemacht haben. In China sind diese nämlich schon vor Hunderten Jahren über die Routen marschiert, die jetzt die Elefantenfamilie nimmt - allerdings lange bevor Menschen dort ihre Schnellstraßen und Hochhäuser in den Weg gebaut haben.

Andere Experten glauben, dass es den Tieren gar nicht so gut geht. In den letzten Jahren ist das Gebiet, in denen die Elefanten zu Hause sind, nämlich ordentlich geschrumpft. Die Menschen haben ihre Häuser immer näher gebaut und Straßen durch ihr Zuhause gezogen. Neue Gummi-Plantagen zerstören Teile des Regenwalds. Übrig geblieben ist nur ein Viertel des früheren Schutzgebiets. In dem immer kleineren Wald ist die Nahrungssuche anstrengend.

Und Elefanten haben ordentlich Hunger. Die Felder der Menschen, auf denen zum Beispiel Mais wächst, sind da verlockend. Denn dort müssen sie nur abgrasen. Die Bauern finden das natürlich überhaupt nicht witzig. Eine Zeitung nannte die Herde sogar "eine große Unbequemlichkeit".

Viele hoffen, dass die Tiere irgendwann einfach von selbst wieder in ihr Reservat zurücklaufen. Und wenn nicht? Werden die Elefanten einen neuen Platz finden? Weit genug weg von Maisfeldern, Gummi-Plantagen und Hochhäusern? Es könnte gut sein, dass die Regierung vorher die Geduld verliert. Dann würden Laster vorfahren, die Ausreißer irgendwie einfangen, verladen, zurückfahren. Aber noch sind die wilden 15 weiter unterwegs - und halb China schaut zu.

© SZ vom 12.06.2021
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