Thorsten Otto "Jeder hat eine interessante Geschichte"

Findet auch nicht immer die richtigen Worte - aber oft: Radiomoderator Thorsten Otto.

(Foto: Markus Konvalin)

Warum mailen und simsen wir, wenn wir auch reden könnten? Aus Angst, glaubt Radiomoderator Thorsten Otto - und gibt Tipps, wie wir uns besser unterhalten.

Interview: Barbara Vorsamer

Sich gut zu unterhalten ist gar nicht so einfach, sei es mit der Chefin, den Kollegen oder den Schwiegereltern in spe. Wie es trotzdem geht, verrät Thorsten Otto in seinem Buch "Die richtigen Worte finden". Seit Jahren moderiert er auf Bayern3 die Talksendung "Mensch, Otto".

SZ: Herr Otto, wie beginnen wir dieses Gespräch am besten?

Thorsten Otto: Ganz banal, zum Beispiel: "Haben Sie gut hierher gefunden?" "Heiß heute, oder?" "Wollen Sie lieber drinnen oder draußen sitzen?" Gerade am Anfang eines Kontakts darf es flach sein, damit das Gespräch in Gang kommt. Danach kommt es vor allem darauf an, dass man sich für das Gegenüber interessiert. Ich kann gar nicht anders, ich unterhalte mich gerne mit Menschen.

Den meisten Leuten scheint es anders zu gehen. Sie sagen: "Wir mailen, simsen, whatsappen und pflegen dabei die Kunst des Gesprächs nur noch selten." Warum ist das so?

Wir haben Angst vor Ablehnung und vermeiden deswegen Situationen, in denen das passieren könnte. Ein Gespräch ist anstrengend. Man muss zuhören, sich auf den anderen einlassen, selbst etwas sagen und dann die Reaktionen des Gegenübers aushalten. Schriftliche Kommunikation ist zeitverzögert. Da kann man sich in Ruhe überlegen, was und wann und ob man antwortet. Ich beobachte, dass immer weniger Leute Lust haben, miteinander zu reden, weil sie nichts von sich preisgeben wollen.

Aber in den sozialen Netzwerken machen die Menschen intimste Details öffentlich.

Das findet in einer gefühlten Anonymität statt. Vermeintlich schafft das Distanz und Sicherheit. Tatsächlich aber starrt man den ganzen Tag auf das Smartphone und wartet auf eine frohe Botschaft, die nicht kommt.

Was ist das Problem dabei, wenn Kommunikation mehr und mehr schriftlich und digital stattfindet?

Gespräche werden immer seltener und damit schwieriger. Die Leute vermeiden Unterhaltungen, weil ihnen der Kontakt schwer fällt. Doch wer etwas selten macht, kommt aus der Übung und dann geht es noch öfter schief.

Wie lernt man, gute Gespräche zu führen?

Üben, üben, üben. Ich bin auch nicht als Talker geboren, ganz im Gegenteil. Ich war ein ganz schüchterner Junge, dem nie eine schlagfertige Antwort eingefallen ist. Irgendwann habe ich beschlossen: Das passiert mir nicht mehr, da werde ich jetzt gut drin.

Und jetzt machen Sie es sogar gerne. Was finden Sie so schön daran, sich mit fremden Menschen zu unterhalten?

Ich mag Menschen, ich interessiere mich für Lebensgeschichten. Alles, was ich weiß, habe ich von jemand anderem erfahren. Für mich sind Gespräche, auch die Interviews in meiner Sendung, fast wie Therapie.

Gibt es besonders schwierige Gesprächspartner?

Männer, die in irgendeiner Form Macht haben. Die haben diese Sperre im Kopf: Ich darf mich nicht einlassen, ich darf nichts von mir preisgeben. Da spüre ich schon beim Händeschütteln vor der Sendung, dass sie mir nichts erzählen wollen. Der besondere Kick ist, aus so jemandem eine persönliche Story herauszukitzeln. Wenn er über etwas spricht, worüber er nicht sprechen wollte und ich das Gefühl bekomme, das tut ihm gut: Das sind die besten Momente.

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Und wie schafft man das?

Das Gegenüber muss sich wohl fühlen. Es darf auf keinen Fall den Eindruck haben, dass Sie ihm etwas Böses wollen. Und überraschen Sie, wenn möglich, Ihr Gegenüber - aber positiv.

Bei ""Mensch, Otto" ist uns das mit Herbert Grönemeyer am besten gelungen. Der Sänger war kurz nach dem Tod seiner Frau zu Gast und wir befürchteten eine schwere Sendung über Trauer und Verlust. Um das etwas aufzulockern, haben wir den damaligen Trainer von VfL Bochum, Peter Neururer, angerufen. Als der dann mit der ganzen Mannschaft das Lied "Bochum" ins Telefon gegrölt hat, hat es Grönemeyer vor Lachen nur so geschüttelt. Dieser Mann, der sich in keiner guten Phase seines Lebens befand, hatte einen kurzen Moment richtig Spaß - und danach hat er mir auf jede Frage geantwortet und sich total geöffnet.

Sie sprechen von Interviews. Doch was bringen Ihre Erkenntnisse im Alltag?

Bei einem Gespräch sitzen sich immer zwei oder mehr Menschen gegenüber, müssen oder wollen in Kontakt kommen, müssen oder wollen Informationen austauschen. Das funktioniert immer ähnlich.

Dann besprechen wir mal ein paar Alltagssituationen: Ich sitze morgens in der S-Bahn, ein Kollege steigt ein, ich habe aber keine Lust mich zu unterhalten. Darf ich in mein Smartphone kriechen und so tun, als hätte ich ihn nicht gesehen?

Das funktioniert nie und kann peinlich werden. Das sollte man also lassen. Ich würde wohl das Gespräch führen. Aber wer gar nicht will, sollte ehrlich und freundlich sagen: Du, hat nichts mit dir zu tun, aber ich bin noch zu müde, um mich zu unterhalten.