Sohn Kolja: „Wenn Mama sagt, wir räumen auf, heißt das nichts Gutes. Dann meint sie nicht: Schublade auf, alles irgendwie rein, fertig. Sie meint dann so richtig Aufräumen, alles auf den Kopf stellen. Und das dauert ewig. ‚Eeecht heute?‘, sage ich und ziehe das E ein bisschen in die Länge. Sie nickt. Es ist so ein entschiedenes Nicken, Widerspruch zwecklos. ‚Kannst froh sein, dass ich dir helfe.‘
Eigentlich würde ich jetzt gern auf der Switch spielen, stattdessen hocken wir auf dem Kinderzimmerfußboden zwischen drei Stapeln: Müll, verschenken, aufräumen. Meine Mama greift die Kiste mit den kleinen Dingen als Erstes. ‚Kram‘ nennt sie das, was da drin ist, und daran, wie sie das ausspricht, merke ich, dass es vor allem darum geht, Stapel Nummer eins zu füllen, den Müll. Ich ziehe gleich mal den Fallschirmspringer raus. Die Schnüre haben sich mit dem Gummiwurm und einem Autoreifen verheddert. Den will ich bald wieder fliegen lassen.
Von anderen Sachen kann ich mich einfach trennen. Früher habe ich jeden Tag bunte Figuren und Masken gebastelt. Das ist vorbei. Kann alles weg. Mama nimmt eine der bunten Figuren in die Hand. ‚Die Zeit vergeht so schnell‘, sagt sie und seufzt. Eine Pause entsteht, irgendwann sagt Mama: ‚Pass mal auf, was ich für eine Idee habe.‘ Als sie wiederkommt, hält sie eine riesige Tüte in der Hand. ‚Das ist unsere Wundertüte. Da kommt alles rein, was du nie benutzt oder nur ganz selten. Und jeden Abend, um 18 Uhr ist Wundertütenzeit. Da ziehen wir mit geschlossenen Augen ein Teil heraus und schauen es uns genauer an.‘
Plötzlich geht das Aufräumen sehr viel schneller. Vor allem, weil wir nicht mehr über Dinge streiten, von denen Mama meint, dass ich sie nicht mehr brauche. Ministaubsauger? Singender Kaktus? Goldener Hut? Tüte! Mama legt den grünen, wabbligen Igelball auf die Wegwerfseite. Als sie nicht hinsieht, verstecke ich ihn unter der Bettdecke. ‚Können wir das nicht gleich mal machen, das mit der Tüte?‘, frage ich. Aber Mama ist eisern.
Am Abend, Punkt 18 Uhr, treffen wir uns an der Tüte. Ich ziehe eine Packung Knete heraus. Wir lachen, formen die unterschiedlichsten Figuren, bis wir rote Finger haben. Am Ende wandert die Knete trotzdem auf den Verschenkenstapel. In einem frisch aufgeräumten Zimmer ins Bett zu gehen, ist ein gutes Gefühl. ‚Können wir nicht noch mal ziehen?‘, frage ich. ‚Morgen 18 Uhr‘, sagt Mama und lässt sich erschöpft neben mich fallen. ‚Iiiih, was ist das denn?‘, schreit sie und springt auf. Unter der Decke guckt was Grünes, Wabbliges hervor.“
Mama Katja: „Der Frühjahrsputz ist eine alte Sache. Es gibt ihn wahrscheinlich schon so lange, wie Menschen in Häusern wohnen. Früher wurde den Winter über mit Holz geheizt. Nach den ersten warmen Frühlingstagen hieß es dann: Schluss mit Heizen, raus mit Ruß und Schmutz, Frühjahrsputz! Das Kinderzimmer sieht aus wie eine Rumpelbude, ganz ohne Holzofen und Ruß. Ich muss Kolja mal sagen, dass mir die Räumerei auch keinen Spaß macht. Aber ab und zu muss es einfach sein: Klarschiff! Wo soll das ganze Zeug bloß hin? Steckt man die Sachen in Kisten und macht einen Deckel drauf, sind sie zwar aufgeräumt. Problem: Sie werden nicht mehr angesehen.
Den Wundertütentrick habe ich mir ausgedacht. Die Tüte ist eigentlich ein Entscheidungsparkplatz. Alles, was Diskussionen auslöst, kommt in die Tüte. So verlieren wir den Schwung nicht und vertagen das Problem auf einen anderen Tag, 18 Uhr, irgendwann kommt jedes Ding wieder hervor. Dann muss er nur eine Entscheidung treffen statt hundert auf einmal. ‚Das Schönste an der Tüte ist‘, meint Kolja, ‚dass da gemeinsame Zeit drinsteckt.‘ Ferngesteuerte Schlange, Kinderkasse, Zauberkasten – alles landet in der Tüte. Die Krone brauche er nicht mehr, sagt er und legt sie in die Zu-verschenken-Kiste. Ich erinnere mich noch, wie er in der ersten Klasse ‚Kindertag‘ draufgeschrieben hat.
Während ich die Dinge aus den Regalfächern rupfe, sitzt er und gräbt in der Kiste, aus der er jetzt sein Aufnahmegerät gezogen hat: ‚Hallo, hallo – wir räumen hier gerade auf‘, spricht er drauf. ‚Hilf mal lieber mit‘, schimpfe ich. Das ist nun auch auf der Aufnahme.
Abends gehe ich noch mal raus, schleiche heimlich zu der Zu-verschenken-Kiste, die wir auf die Straße gestellt haben und hole die Krone, verstecke sie in meinem Regal. Auf meinem Schreibtisch liegt das Aufnahmegerät. Ich drücke auf den Knopf: ‚Liebe Mama, danke für das schöne Zimmer. Ich freu mich schon auf morgen, 18 Uhr.‘“
