Angst kennt jeder. Manche fürchten sich vor Spinnen und Schlangen, andere davor, über hohe Brücken zu gehen. Wieder andere haben Schiss vor Sachen, die es im echten Leben gar nicht gibt. Hexen zum Beispiel, Zombies oder Geister. Und dann gibt es Menschen, die gerne Angst haben, freiwillig, in der Geisterbahn auf den Volksfesten. Oder an Halloween.
Ganz Nordamerika und halb Europa freut sich auf die Dämmerung des 31. Oktober. In der Nacht vor Allerheiligen ziehen sich viele Kinder und Jugendliche alte Bettlaken über den Kopf, hängen abgehackte Plastikfinger dran, malen sich dicke Narben ins Gesicht und stecken sich Vampirzähne aufs Gebiss. Aber warum nur? Wegen der Süßigkeiten? In ihren Kostümen ziehen die verkleideten Mumien und Zombies von Tür zu Tür und erbetteln Süßes. Sonst gibt’s Saures!
Angst und Grusel können Spaß machen – wenn man weiß, dass es gut ausgeht. Und man die Macht darüber hat. So ist das auch beim Filmeschauen. Wenn’s zu spannend wird, stellt man den Ton ab. Oder macht den Fernseher aus. Ist doch nur Kunstblut! Alles nur Show! Aber was, wenn man es nicht weiß? Wenn man im Bett liegt und sich plötzlich der Vorhang bewegt? Da ist ein Gespenst! Besonders in der Dunkelheit spielt unsere Fantasie verrückt. Das Knarzen des Holzbodens im Hausflur? Könnte ein Säbelzahntiger sein. Finstere Gehsteige, schwarze Keller? Die Angst packt uns, wir schwitzen. Das Herz klopft wild, der Atem stockt. Unser Puls rast. Das ist kein schönes Gefühl. Was da hilft: pfeifen, singen. Steckdosenlicht, Notfalltaschenlampe unterm Kopfkissen, daneben griffbereit ein Anti-Monsterspray (Wasser mit ein paar Tropfen Lavendelöl in einer Sprühflasche).
Dabei wissen wir, dass es Monster nur in unserer Vorstellung gibt. Und was machen wir mit den realen Ängsten? Mit der Furcht vor dem bellenden Nachbarshund? Der Spinne unter der Zimmerdecke? Oder vor dem ersten Schultag? Die brasilianische Künstlerin Rivane Neuenschwander scheint zu wissen, dass jedes Kind einen Abenteurer und einen Angsthasen in sich hat. Mit Schere, Stoff, Nadel und Faden hilft sie Kindern dabei, sich ihrer Furcht zu stellen und etwas zu erschaffen, das ihnen Mut macht.
Wie das funktioniert? Seit zehn Jahren sammelt Rivane Neuenschwander mit Schulkindern in Städten wie London, Vaduz, Aarau, Rio de Janeiro oder München Ängste. In Workshops bittet die Künstlerin Kinder ihre tiefsten Ängste zu benennen und sie zu zeichnen. Diese Bilder nehmen die Künstlerin und zwei Designer zur Vorlage und schneidern große, mächtige, farbenfrohe Umhänge. Die sollen dann wie Rüstungen genau davor schützen, wovor sich die Kinder am meisten fürchten. Mal ist das abstrakt, wie „enge Räume“ oder „Erderwärmung“, mal konkret: „Tomatensalat“ oder „Angst vor Karies“.

26 dieser Umhänge zeigt das Haus der Kunst München in seiner Ausstellung „Für Kinder. Kunstgeschichten seit 1968“ (noch bis 1. Februar 2026). Dort hängt die Angst vor Gewitter als Cape bedrohlich unter der Decke. Funkelnde Glassteine sind auf einen kräftig blauen Umhangstoff genäht. Wenn jeder Stein für einen Blitz steht, tobt da oben ein ziemliches Donnerwetter. An dem rotäugigen Monster, das tiefer hängt und frech die Zunge rausstreckt, traut man sich kaum vorbei. Wer diesen Umhang überstreift, ist gut geschützt gegen alle fiesen Typen. Ein schwarzes Cape mit roten, langen Plüscharmen symbolisiert die Angst vor Spritzen. Wer das trägt, ist unantastbar. Auf ein anderes Cape sind Stacheln genäht. Sieht aus wie das Coronavirus. Könnte außer Viren aber auch Deppen auf Abstand halten.
Wie wäre es, das einfach mal selbst auszuprobieren? In einen Umhang hineinschlüpfen, sich der Angst stellen – und spüren, wie das Cape einen schützt. Um sich selbst so einen Umhang zu gestalten, kann man auch das Bettlaken, mit dem man an Halloween die Freunde erschreckt hat, umfunktionieren: zu einem Superheldenkostüm.
