Thema der Woche:Pfff-Licht!

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Thema der Woche: Was muss ich heute alles tun? Wem bin ich verpflichtet? Illustration: Stephan Dybus

Was muss ich heute alles tun? Wem bin ich verpflichtet? Illustration: Stephan Dybus

Früher hatten viele Menschen Angst, sich im Auto anzuschnallen. Sie fürchteten, sich zu fesseln. Dann kam die Gurtpflicht. Wie viel Zwang steckt in Pflicht? Wie viel Freiheit? Über einen angestaubten, umstrittenen, aber ziemlich wichtigen Begriff.

Von Georg Cadeggianini

Was haben Schule, Basketball und Kaninchenstallausmisten gemeinsam? Alles hat mit Pflicht zu tun. Angestaubt klingt das, lehrerhaft, nach "Zähneputzennichtvergessen!" Gemeint ist: tun, wozu man sich verpflichtet fühlt. Weil es gesellschaftliche Regeln sind (Schule), weil man es selbst so will (Basketball) - oder zumindest mal wollte (Kaninchen). Wie viel "Pfff!" steckt in Pflicht? Und wie viel "Licht"?

Auch wenn es bei beiden ums Müssen geht, ist Pflicht etwas anderes als Zwang. Bei der Pflicht muss ich selbst aktiv werden. Beim Zwang wird was mit mir gemacht. Wenn es zu einer Impfpflicht kommt, wird einem niemand einfach so die Spritze in den Arm rammen. Pflicht geht nicht ohne Freiheit - und sie braucht Zeit.

Nehmen wir etwa den Gurt. In Deutschland wird er seit 60 Jahren in Autos verbaut. Und obwohl gut untersucht war, dass er Leben rettet, haben sich Oma und Opa damals oft nicht angeschnallt. Noch 1975 fassten drei von fünf Erwachsenen das Ding nicht an. Viele Menschen damals hatten - das stimmt wirklich - Angst, sich damit zu fesseln. Im Jahr danach kam die Gurtpflicht. Einfach Pflicht, mehr nicht. Es folgten Kampagnen wie "Könner tragen Gurt!", schließlich Strafen. Heute liegt die Gurtquote bei 97 Prozent.

Eine Pflicht bringt immer auch ein Recht mit sich. Wer ausmistet, darf streicheln. Wer zum Impfen verpflichtet wird, braucht einen Impfstoff - ohne Stress und Warteschlangen. Wer schulpflichtig ist, hat das Recht auf Bildung (und das ist etwas ganz anderes als ein paar ins Homeschooling gemailte Arbeitsblätter).

Vielleicht ist das Wichtigste an der staatlichen Pflicht: Es ist dann entschieden. Der Streit ist auf einer anderen Ebene. Verweigerer können dann Strafe zahlen oder sich halt murrend impfen lassen - und das, ohne das Gesicht zu verlieren. Mehr Licht als Pfff.

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